„Bier ist mehr als ein Getränk“: Der Baron und seine Aldersbacher Brauerei

Ebenholzfarben ergießt sich die edle Flüssigkeit ins Probierglas, obenauf bildet sich samtiger Schaum. Fast sieht es aus wie starker Espresso mit seiner feinen Crema. Tatsächlich handelt es sich aber um Stout. Ferdinand Freiherr von Aretin steht in der Microbrauerei und hält seine Nase tief ins Glas. Er ist nicht nur Geschäftsführer der Brauerei Aldersbacher, sondern auch Biersommelier. Jetzt erschnuppert er Schokolade. Erst dann stoßen wir an und probieren. Zunächst schmecke ich eine feine Süße, gefolgt von einem Rundumschlag im Mund mit einem leicht herben Finale. Gut, so ein bayerisches Stout.

Das Herzstück des Ortes steht gut da

Mit dabei auf dem Rundgang durch die Aldersbacher Brauerei ist Maria Kammermeier, zuständig fürs Marketing. Seit 1981 gehört sie zum festen Inventar. So wie die von Aretins. Seit 1811 nennen sie die Brauerei ihr Eigen, Ferdinand Freiherr von Aretin führt das Unternehmen in sechster Generation. Neu ist, dass er der erste in der Familie ist, der auch fürs operative Geschäft verantwortlich ist. Als Brauereidirektor sieht er seine Aufgabe darin, den Erfolg der Marke Aldersbacher fortzuführen.

Dieses Ziel klingt zunächst simpel, ist aber nicht umsetzbar, wenn alles beim Alten bleibt. Das weiß der Baron und darum hat er das Unternehmen seit Beginn seiner Leitung im Jahr 2010 in einen neuen Zustand versetzt. Das Gebäude bekam ein neues Dach, das Bräustüberl wurde ausgebaut, überall am Gebäude zwickte und zwackte es. Das ist längst Geschichte. Das Herzstück des Ortes steht gut da und strahlt so altehrwürdig, wie es auch ist.

Von malzig bis holzig

Auf unserem Rundgang bekomme ich nicht nur das Sudhaus mit seinen beiden blitzenden Bottichen zu sehen, sondern alle hochtechnisierten Stationen, die alle 13 Biersorten durchlaufen, bis sie in Fässern und Flaschen landen. Und ich bekomme einen lebendigen Eindruck der Brauerei. Wo der Baron und Maria Kammermeier auch hinkommen, wird kurz und herzlich geratscht. Mit der Auszubildenden im Sudhaus, mit den Bauernbuben, die eine Ladung Treber für ihr Vieh abholen, mit den Verkäuferinnen im Klosterladen, mit den Männern vom Zeltaufbau.

Ferdinand Freiherr von Aretin erzählt in seiner angenehm besonnenen Art von der Geschichte der Brauerei, von den Vorgängen bei der Bierherstellung, er nennt Daten, Fakten, Wissenswertes. Beim Zuhören ergehen wir das gesamte Gebäude. Dort eine Treppe hinauf, da ein Gewölbe hindurch, ein paar Meter nach links, noch ein paar Stufen, dann einen schmalen Gang entlang und viele Türen hindurch. Die Düfte und Temperaturen wechseln wie die Bestimmung der Räumlichkeiten. Malzig, feucht-warm, nach Hefe, kühl, kräutrig, modrig, holzig, trocken, würzig…

„Viele haben uns das nicht zugetraut“

Irgendwann knipst der Baron das Licht an und wir stehen in einem großen Raum eines Obergeschosses, der Teil der Landesausstellung war. Ja, die Landesausstellung! Ferdinand Freiherr von Aretin und Maria Kammermeier schauen sich an und lachen – froh, erleichtert, stolz. Da schwingt viel mit. Für die Brauerei war es ein Großevent. Ganze 186 Tage Programm. Das Trara um den Schuhbeck, die knifflige Situation mit dem Bedienungssystem. Und natürlich das ganze Vorspiel. „2010 haben wir den Zuschlag bekommen. Seitdem haben wir viele Baustellen gemeistert mit guten Leuten und guter Unterstützung,“ sagt der Baron und Maria Kammermeier nickt lächelnd.

„Viele haben uns das nicht zugetraut,“ sagt sie. „Die große Unbekannte war: Wie viele Leute werden kommen? Da lagen die Nerven blank.“ Am Ende zählten die Organisatoren gut 200.000 Besucher. Ein bissl mehr hätten’s schon sein können, klingt durch und doch: „Wir hatten keine Ausfälle, haben nichts vergessen. Alle haben zusammengeholfen. Wir können echt zufrieden sein,“ resümiert Maria Kammermeier. Einmal und nie wieder? „Nein, jetzt wissen wir ja, wie’s geht,“ sagt Ferdinand Freiherr von Aretin lachend.

Kommt gut an – die ProBierBar

Während die Landesausstellung wohl eine einmalige Sache war, kehren andere Veranstaltungen mit Erfahrungswert immer wieder. Zum Beispiel der Internationale Volksmusiktag der Veranstaltungsreihe „Menschen in Europa„, der 2017 mittlerweile zum fünften Mal auf dem Brauereigelände gefeiert wurde. Und natürlich die Krönung der Weißbierkönigin, das Bierwood-Festival und all die Konzerte und Auftritte im Refektorium. Das ganze Jahr über tut sich was bei Aldersbacher, und wenn’s nur das obligatorische Zusammensein bei mitgebrachter Brotzeit und ausgeschenktem Bier im Bräustüberl ist.

Die ProBierBar mitten im Hof ist ein Relikt der Landesausstellung. Man hat sie stehen gelassen, weil sie gut ankommt. Hier können die Biere in kleiner Auflage – wie das soeben genossene Stout – verköstigt werden. Im Getränkemarkt findet der Bierliebhaber diese Spezialitäten nicht, höchstens in der Gastronomie. Oder eben direkt vor Ort. Maria Kammermeier schwärmt vom Kloster-Sprizz, der im Sommer genossen die wahre Freude sei. Jetzt aber fallen die Kastanien bereits von den Bäumen, als Ferdinand Freiherr von Aretin mit seiner treuen Marketingchefin zum Fotografieren in den alten Kräutergarten spaziert.

„Der Generationenwandel ist spürbar“

Dort haben die Klosterbrüder einst Kräuter angebaut – „sie waren die Apotheke der Bevölkerung“, wie der Baron sagt. Im Jahre 1146 wurde das Kloster gegründet, seit 1268 wird hier Bier gebraut. Mit der Säkularisation verschwanden die Mönche – das Bier blieb. Ihre Aufgabe übernimmt heute der Braumeister Lorenz Birnkammer. „Der Baron lässt ihm freie Hand, er darf viel ausprobieren und selbst seine Rohstoffe einkaufen,“ sagt Maria Kammermeier. „Der Generationenwandel ist schon spürbar, die Entscheidungswege sind kurz.“

Ferdinand Freiherr von Aretin nickt. Er ist gerade 40 geworden, der Draht zum Vater ist gut, wie er sagt: „Er vertraut mir, auch wenn er manchmal seine Zweifel hat. Manches hätte es unter ihm gewiss nie gegeben.“ Er lächelt mit Nachsicht, weil er eben weiß, dass die Zeiten nicht stillstehen. Da mag das Reinheitsgebot noch so alt sein. An ihm wird eh nicht gerührt, dafür an den vielen Spielarten des Bieres. „Bier ist heute mehr als ein Getränk. Der Genuss steht im Vordergrund, man trinkt bewusster und achtet mehr auf die Gesundheit.“

Aldersbacher Bier – auf knapp 70 Volksfesten dabei

Was sich dadurch auch verändert, sind die Absatzmärkte. Die Gastronomie wird zweitrangig – kleine Wirtschaften, Frühschoppen und Stammtische verschwinden. An erster Stelle stehen die Getränkemärkte. Der Wettbewerb steigt und das Marketing wird immer wichtiger. Und dann sind da noch die Volksfeste, auf denen Aldersbacher Bier ausgeschenkt wird. „Da sind wir gut aufgestellt,“ sagt Maria Kammermeier. „Das Equipment passt, die Zelte können bedient werden. Die Volksfeste sind mittlerweile ein Gastronomieersatz.“

So sieht es Ferdinand von Aretin auch. Auf knapp 70 Volksfesten in der Region wird sein Bier getrunken. Und auf jedem Fest ist zum Anstich jemand aus der Brauerei vertreten und hebt eine Maß. „Ein Volksfest bedeutet Heimat, die man mit Lederhose und Dirndl nach außen tragen mag,“ sagt Maria Kammermeier. Ins Bräustüberl kommen die meisten Besucher nicht in der Tracht, das Lebensgefühl ist aber ähnlich. Es geht ums Zusammensitzen, ums Feiern, ums Traditionelle. Das wissen die täglichen Besucher zu schätzen, darunter viele Tagesausflügler und Vereine. Apropos – über 60 Fußballvereine tragen das Aldersbacher-Logo auf ihren Trikots, werden von der Brauerei unterstützt.

„Ich hab sechs Tage im Hotel gelebt“

Ferdinand von Aretin ist froh mit seinem Familienunternehmen. Mit seiner Frau und den drei Kindern lebt er in Haidenburg nahe Aldersbach. In Regensburg hat er BWL studiert, den MBA für Management und Unternehmensführung drangehängt. Nach dem Studium kehrte er nicht sofort unter die heimischen Fittiche zurück, ging zunächst in den hohen Norden. In Bremen arbeitete er fünf Jahre für eine Unternehmensberatung. Ferdinand von Aretin erzählt lebhaft von seinen Erinnerungen, es war eine spürbar gute Zeit. „Ich war gern in ganz Deutschland unterwegs, hab sechs Tage im Hotel gelebt,“ erzählt er.

„Meine Aufgabe war reizvoll: Firmen für Projekte zu überzeugen, Potenziale analysieren, Verbesserungemöglichkeiten erarbeiten.“ Das kommt ihm heute zugute, obwohl er sich manchmal dabei ertappt, wenn er seine früheren Tipps heute selbst nicht einhält. „Theorie ist immer einfacher als Praxis,“ sagt er mit einem Lachen.

Silber fürs Zwickl-Bier

Inzwischen sind wir zum Reden in den Besprechungsraum des Aldersbacher Büros gewechselt, auf dem Tisch steht eine alkoholfreie Getränkeauswahl, Maria Kammermeier serviert Kaffee und holt eine edle Schatulle, in der sich ein gläserner Preis befindet. Bei der European Beer Star-Messe wurde das Aldersbacher Zwickl-Bier mit Silber ausgezeichnet. In der Kategorie „German-Style Kellerbier Hell“. Maria Kammermeier strahlt. Das Zwickl ist eins ihrer Lieblingsbiere. Und überhaupt, sagt sie, „ich identifiziere mich total mit der Brauerei. Ich kann nichts anderes.“

Der Baron lächelt und freut sich über so viel Loyalität. Er erzählt noch ein bisschen von seiner Ausbildung zum Biersommelier, spricht über das Erlernen von Geschmäcken und Gerüchen, von der Intensivierung der eigenen Geschmacksnerven und dem ganz eigenem Vokabular, das Geschmeckte zu beschreiben. Nicht wertend, das ist wichtig. Gerade eben schickt er wieder ein paar Mitarbeiter zur Biersommelier-Ausbildung nach Freistadt im Mühlviertel. Er selbst trinkt am liebsten die helle Klosterweiße, hat aber immer eine Bierauswahl im Keller stehen, um nach Lust und Laune eins genießen zu können. Tagsüber nur ein Leichtbier, versteht sich.

2018: 750 Jahre Aldersbacher Bier

Draußen scheint die Sonne auf die bereits verfärbten Kastanienbäume, im Klosterhof ist es noch ruhig an diesem Nachmittag unter der Woche und der Turm der Asam-Kirche Mariä Himmelfahrt ragt mit seinem wolkigen Ende in den blauen Himmel. Von diesem Bild geht eine erhabene Ruhe aus. Im nächsten Jahr wird hier 750-jähriges Jubiläum gefeiert. Mit eigens kreiertem Maibock, historischem Logo und Festivitäten rund um den Tag des Bieres am 23. April. Außerdem öffnen sich dann die Pforten des neuen Brauereimuseums. Dafür sollen Teile der Landesausstellung verwendet werden. So hält es die Brauerei allerweil: Die Kombination aus Alt und Neu, die bewährt sich halt immer wieder.

Brauerei Aldersbach

Ferdinand Freiherr von Aretin

Telefon: 08543-96 04 15
Anschrift: Freiherr-von-Aretin-Platz 1
94501 Aldersbach

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