Doris und Sebastian Seibold: Plötzlich Buchhändler!

Vertraut klingeln die vielen Glöckchen beim Öffnen der Tür. Drinnen empfängt den Lesefreund der verheißende Duft des Gedruckten. Und da stehen sie zu Tausenden: Bücher. Ein jedes entführt in eine andere Welt, ein jedes öffnet einen neuen Horizont. In manchen finden sich Sätze, die man einrahmen möchte. Vielleicht steht da ein künftiges Lieblingsbuch, das mehrmals gelesen werden will. Da stehen Bücher mit dem nötigen Schubs, um endlich mal einen Wunsch wahrzumachen. Bücher, die nie alle von einer Person gelesen werden können. Ein Gedanke, der zugleich beruhigt und kribblig macht. Doris und Sebastian Seibold können all das nachvollziehen. Ihnen gehört die Buchhandlung Böhm in Pfarrkirchen, in der ich mich gerade befinde – und die Dependance in Eggenfelden.

Eine Buchhandlung zu führen, stand eigentlich gar nicht auf der To-Do-Liste des Lebens der beiden. Vor über vierzig Jahren eröffnete Sebastians Tante Hildegard Böhm die Buchhandlung Böhm in Pfarrkirchen. “Der Name Böhm war gleichbedeutend mit Büchern,” sagt Sebastian. Lange Zeit war das so, bis die Tante einen Nachfolger gesucht hat. Zehn Jahre ist das her. Doris und Sebastian lebten damals in München. Sie arbeitete bei BMW als Personalreferentin, er war in Deutschland als Unternehmensberater fürs Finanzwesen unterwegs. Gute Jobs, rein rational betrachtet. Unter der Oberfläche brodelte es aber schon länger. “Wir fragten uns: War das das Leben, das wir uns wirklich wünschten?”, sagt Doris.

“Uns hätt’s fast zerrissen”

Nach ein paar Monaten Auszeit stand der Entschluss fest: Das machen wir. Die Seibolds zogen von der oberbayerischen Millionenstadt in die niederbayerische Provinz. Zu dem Zeitpunkt war Doris mit ihrem ersten Kind schwanger. Nach Geburt und Elternzeit pendelte sie noch eineinhalb Jahre dreimal die Woche nach München, um in ihrem alten Job noch weiterzuarbeiten. Sebastian stand die meiste Zeit im Buchladen. Und dann waren da ja auch noch ihre mittlerweile zwei Kinder. “Das war der Superstress schlechthin. Aber irgendwie dachte ich, ich brauche dieses Sicherheitsnetz, falls das mit der Buchhandlung doch nicht funktioniert hätte,” sagt Doris im Nachhinein. “Ich weiß gar nicht mehr, wie das geklappt hat, aber uns hätt’s fast zerrissen.”

Sebastian lächelt seine Frau an: “Heute wissen wir, dass die Entscheidung damals schon gefallen war.” Er wirkt als der ruhige Part des Paares. “Ich mache keine halben Sachen. Darum habe ich mich von München verabschiedet. Es fühlt sich absolut richtig an,” sagt Doris. Mutig ist das, denkt man an die Begriffe Einzelhandel, Innenstadt, ja, auch Amazon. Doris seufzt: “Das ist die Welt, in der wir leben. Aber die Menschen haben die Wahl, wo sie kaufen. Ich kaufe zumindest nichts mehr über Amazon. Das wäre ja, als ob ich mir mein eigenes Grab schaufeln würde.” Sie lacht, während Sebastian die Gedanken weiterspinnt.

“Oft kommen die Kunden mit Amazon-Zettel”

Der Buchhandel hat einen Kulturauftrag. Und den können wir nur dank der Buchpreisbindung erfüllen. Das Preisargument fällt damit schon mal weg – online kostet es genauso viel wie bei uns im Laden. Es ist halt bequemer.” Aber ohne Glöckchenbimmeln, ohne duftende Bücher, dafür mit der Gefahr, nicht aus seiner Blase zu kommen. Mir als Kundin geht es schon so – ich lasse mich spontan inspirieren, blättere da und dort hinein, lese verschiedenste Klappentexte, bevor ich mich für ein Buch entscheide. Ich lasse mich nicht einschränken von einem verlockenden “Das könnte Dir auch gefallen”. Sebastian nickt: “Es ist schön, einem Kunden mal was außerhalb seiner Lesegewohnheiten zu empfehlen. Amazon will schon verkaufen, bevor das Bedürfnis nach etwas da ist – auf Kosten der Freiheit.”

Genau deshalb ist die Buchpreisbindung so wichtig – ebenso wie unabhängige Verlage. Die Menschen, die in die Buchhandlung kommen, schätzen das nicht immer bewusst, unterstützen die zensurfreie Zone damit aber wesentlich. “Oft kommen die Kunden mit Amazon-Zettel,” erzählt Sebastian mit einem Schmunzeln. Es geht eben auch andersrum – vom Digitalen zum Analogen. Das stimmt Doris zuversichtlich: “Die Zukunft des Buchhandels ist nicht rosarot, aber auch nicht düster.”

Emil: “Eine schöne, aber anstrengende Zeit”

Neben der Pfarrkirchner Buchhandlung ist Böhm auch in Eggenfelden vertreten. In der Öttinger Straße befindet sich das Ladengeschäft. 2013 beschloss der Vermieter, das Haus abzureißen und wieder neu aufzubauen. Wohin in der Zeit mit dem Laden? Die Seibolds überlegten, recherchierten und stießen auf Emil aus Soest. Emil ist ein Bus, der über ein halbes Jahr als mobile Buchhandlung diente. “Eine schöne, aber anstrengende Zeit,” erinnert sich das Paar.

Schön und oft anstrengend – so war die Zeit auch vor dem Leben als Buchhändler. Sebastian hat in Pfarrkirchen Abitur gemacht, eine Ausbildung zum Bankkaufmann abgeschlossen und als solcher gearbeitet, hat parallel ein BWL-Studium gemeistert. Warum es ihn ausgerechnet in die Bank zog, kann er gar nicht genau sagen, “Zahlen fallen mir leicht.” In der Filiale in Dingolfing hat er Doris kennengelernt, mit der er schließlich für drei Jahre in die USA ging und dort noch einen Master drauflegte.

Doris wuchs in Frontenhausen auf, machte in Dingolfing Abitur und studierte in Passau Kulturwirtschaft. Sprachen, andere Kulturen – das ist das ihre. Irgendwie ist sie bei BMW ins Personalwesen reingerutscht, “wenn man mal in einer Schiene ist, wechselt man die nicht so leicht.” In South Carolina, Spartanburg, arbeitete sie im dort ansässigen BMW-Werk. “Wir waren dort gut integriert, trotzdem war aber klar für uns, dass wir wieder heimkommen wollen,” sagt Sebastian.

“Es war ein weicher Übergang”

Wieder in Bayern hatte sich das Thema Bank für ihn erledigt und er wurde zum Unternehmensberater für die Finanzbranche, pendelte zwischen München und Frankfurt hin und her. Doris arbeitete indes im lokalen Personalmanagement in München, hatte viele problembehaftete Aufgaben zu erledigen und war doch nur ein kleines Rädchen, wie sie selbst sagt. “Das war nicht ich.” Als dann auch noch Sebastians Vater starb und sich Nachwuchs ankündigte, verschoben sich die Prioritäten in Richtung Lebensqualität. “Wir wollten näher an der Familie dran sein, wollten mehr Naturnähe, mit den Kindern einfach in den Garten gehen und nicht mit dem Wagl in die U-Bahn schieben,” sagt Sebastian.

Und wie wird man einfach mirnichtsdirnichts Buchhändler? “Meine Tante hat uns am Anfang gut unterstützt,” erzählt Sebastian. Trotzdem mussten sie sich erst in die völlig neue Aufgabe reinfinden. “Logisches Denken, ein bisschen Vernunft und viel Freude – dann geht das. Es war ein weicher Übergang.” Als Paar gemeinsam eine Buchhandlung führen – da muss man sich schon gut verstehen. Sebastian ist meist in Pfarrkirchen, Doris in Eggenfelden. Oft arbeitet sie von daheim aus, da ist sie mit den Kindern flexibler. Und weil sie was ganz Eigenes braucht, liebäugelte sie schon lange damit, einen Verlag zu gründen. Der Gedanke ließ sie nicht mehr los, bis sie es schließlich ordentlich angepackt hat: Im Juli 2019 erschien ihr erstes Buch in ihrem eigenen Verlag namens Aurisium.

“Ich wollte es von A-Z selber machen”

Herzenswege an der Rott – Meine Reise von der Quelle bis zur Mündung” heißt der Bildband, der komplett aus Doris’ Hand kommt. “Ich fotografiere gern. Daraus entstand irgendwann der Gedanke, ein Buch zu machen. Über den Fluss Rott gibt es nichts Aktuelles mehr und ich war neugierig, mich mit unserer Heimat intensiver auseinanderzusetzen,” erzählt sie. Sie besuchte einen VHS-Kurs zum Thema Bildbearbeitung, eignete sich das Layouten mittels Freeware an. “Ich wollte es von A-Z selber machen und weiß jetzt, wie’s geht.” Sebastian nickt und sagt in seiner trockenen, ruhigen Art: “Der eigene Anspruch ist oft höher als der der anderen.”

Ein dreiviertel Jahr hat Doris geschrieben, eineinhalb Jahre lang fotografiert, bis sie die Rott von ihren Ursprüngen im Landkreis Landshut bis zu ihrem Abschied in den Inn bei Neuhaus im Kasten hatte. Gedruckt wurde ihr Werk in Frontenhausen bei Ortmaier Druck, gebunden in Pfarrkirchen bei Conzella. 2.500 Exemplare sind’s geworden und Doris freut sich nach wie vor, ihr Buch in den Läden – nicht nur in den eigenen – zu sehen oder es selbst zu verkaufen. Manchmal fragt sie, ob sie eine Widmung reinschreiben soll: “Da reagieren die Kunden oft ganz verdutzt, weil sie mein Gesicht ja nicht mit dem Buch in Zusammenhang bringen.” Ihre erste Lesung war im Massinger Museumsstüberl: “Das war außerhalb meiner Komfortzone. Ich stehe nicht gern im Mittelpunkt.”

“Bücher waren Freunde, die immer Zeit hatten”

Gelernt haben beide viel: “In der Kette des Buchhandels gibt es viele Jobs – mit dem eigenen Buch haben wir alle Bereiche näher kennen gelernt und nun mehr Verständnis,” sagt Sebastian. Doris stimmt ihm zu. “Ich weiß Bücher jetzt noch mehr zu schätzen,” sagt sie. Ihre Bibliophilie hat viel mit ihrer Patentante Rosa zu tun, die ihr die Bücher näher brachte. Doris erinnert sich an ihr erstes Lieblingsbuch “O, wie schön ist Panama” von Janosch. In der Schulzeit verschlang sie alles, was ihr in die Finger kam. Mit der Schulbibliothek eröffnete sich ihr eine neue Welt. “Bücher waren Freunde, die immer Zeit hatten. Mit ihnen konnte ich jemand anders sein und auch woanders sein.” Heute liest sie alles, wie sie sagt – vom Kinderbuch bis zum Ratgeber. Ihre Arbeit verordnet ihr auch Lektüre: In Sachen Neuerscheinungen muss sie immer auf dem aktuellen Stand sein.

Ihr Leseverhalten klingt respektabel. Oft liest sie fünf, sechs Bücher parallel. Was sie nicht mehr macht, ist ein Buch zu Ende lesen, selbst wenn es ihr nicht zusagt. “Es gibt so wahnsinnig viele gute Bücher, die ich dann nicht lesen könnte,” sagt sie. Sebastian fügt hinzu: “Das Buch und der Zeitpunkt des Lesens müssen zusammenpassen. Manchmal fühlt sich ein Buch nicht richtig an, liest sich aber Monate später sehr gut.” Parallel liest er nie – er liest überhaupt weniger, als ihm lieb ist. “Auf seinem Nachtkastl liest ein riesiger Stapel, aber meist schläft er schon ein, bevor er eins aufgeschlagen hat,” sagt Doris und beide lachen.

“Es braucht genügend mutige Leute”

Als Kind hat Sebastian die Reihe “Die Ritter von Burg Schreckenstein” fasziniert, später Wolfgang Holbein. “Wenn mich was packt, mag ich gern und viel lesen,” sagt er. In seinem neuen Leben als Buchhändler ist es vor allem der Einkauf und die Vertretergespräche, die ihn begeistern. Die Schwierigkeit liegt für ihn darin: “Man darf nicht nur kaufen, was einem selbst gefällt, sondern das, wovon man glaubt, es könnte auch den Kunden gefallen.”

Zu den Messen in Frankfurt und Leipzig schaffen es die Seibolds nicht immer. Was dort gezeigt wird, kennen sie ohnehin schon – der Einkauf findet Monate vorher statt. “Der Herbst ist extrem wichtig, ohne Weihnachtsgeschäft ginge gar nichts. Das Frühjahr ist hingegen schwierig. Diese Zyklen muss man kennenlernen und daraus Vertrauen gewinnen. Das Risiko ist für uns aber relativ überschaubar,” sagt Doris. Das Schlimmste wäre für sie, diesen liebgewonnenen Traum zu verlieren. “Ich bin ein starker Kopfmensch – die besten Entscheidungen treffe ich aber nicht mit dem Kopf,” sagt sie.

Sebastian stimmt seiner Frau zu: “Es ist ein Traum, den ich aber nicht auf Biegen und Brechen durchziehen würde. Wir müssen davon leben können.” Aktuell können sie das, die Seibolds. Derweil beobachten sie die Lage in der Innenstadt. Sie wissen, die Geschäfte werden noch weiter verschwinden. Sebastian ist sich sicher, dass dieser Trend einmal stoppen wird, diese Erfahrung haben sie in den USA gemacht. Ob das für die Buchhandlung rechtzeitig geschieht, ist nicht klar. “Es braucht genügend mutige Leute,” sagt Doris. “Es ist schwierig, seine eigene Linie in einem gesellschaftsverträglichen Rahmen zu fahren.” Und so wollen sie und Sebastian das Digitale nicht überbewerten, sondern auf den Mut und Geist der Kunden vertrauen, die das Glöckchenbimmeln und den Duft der Bücher nicht missen wollen.

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Buchhandlung Böhm

Doris und Sebastian Seibold

Telefon: 08561-8891
Anschrift: Bahnhofstraße 1
84347 Pfarrkirchen

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