Christina Bloier: „Ich habe meine Aufgabe im Leben gefunden“

Der Kies knirscht unter den Reifen, als ich die Auffahrt einbiege. Die Sonne hat schon viel Kraft an diesem Morgen und Christina Bloier kommt barfüßig im leichten Kleid aus der Haustür, um mich zu begrüßen. Die Luft duftet nach Heu, Getreide, Blumen und Sommer. Christina führt mich durchs Haus auf die angenehm kühle Terrasse. Nur Vogelzwitschern und das Brummen einer Hummel ist zu hören. In Doblham bei Asenham scheint die Welt noch ziemlich in Ordnung, so fühlt es sich an.

„Eine Wildnis, die hier sein darf“

Und das ist sie inzwischen auch – bei Christina. Die 32-Jährige strahlt Leichtigkeit und Ruhe aus, die sofort Vertrauen schaffen. Ihre Unaufgeregtheit ergänzt sich wunderbar mit ihrer äußeren Lebendigkeit und ihrem hübschen, völlig ungeschminkten Gesicht. Sie geht hinauf in den Garten, um ein paar Kräuter für frischen Tee zu schneiden. In den Hochbeeten liegen reife Erdbeeren auf Stroh gebettet, der Salat schießt freudig in die Höhe, die Kohlrabi bilden dicke Knollen. Ringsum wachsen die Brennnesseln um die Wette, „eine Wildnis, die hier sein darf,“ wie Christina sagt. Eine gute Kinderstube für Schmetterlinge und ein ideales Versteck für Rehe, die hier bis ans Fenster kommen.

Weiter hinten erstreckt sich der Obstgarten, dazwischen der gut gegen Fuchs und Marder gesicherte Kaninchenstall, Schaukel, Rutsche und Trampolin der Kinder. Zwei Mädchen haben Christina und Christian, Julia und Miriam. Die Bienen summen auf den Kleeblüten, das Lavendelbeet hat Christina neu angelegt.

Vor gut einem Jahr hat sich Christina selbstständig gemacht. Als Trageberaterin. „Getragen SEIN“ nennt sie ihr Angebot, das gerne zweideutig zu verstehen ist. Außerdem auf ihrem Kärtchen zu lesen ist „Begleitung bei Auflösung emotionaler Narben durch Schwangerschaft und Geburt“. Was eine Trageberaterin macht, kann man sich denken, sie unterstützt Eltern, die ihre Kinder in einem Tuch oder einer anderen Tragehilfe am Körper tragen wollen – aber was macht eine Begleiterin dieser Art?

Hauptsache, das Kind ist gesund?

Christina lächelt, schenkt den frischen grünen Kräutertee in Gläser, stellt ein Schälchen mit Erdbeeren aus dem Garten auf den Tisch. „Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett sind sehr sensible Phasen einer Frau. Es ist wichtig, dass sie dann viele gefühlvolle Menschen um sich hat,“ sagt Christina. Leider ist das nicht immer der Fall: Viele Frauen erleben große Ängste während der Schwangerschaft. Die Geburt verläuft nicht immer so, wie gewünscht. Und die Wochenbettzeit gibt es oft nicht – allzu schnell wird vom Umfeld erwartet, dass der Alltag funktioniert, dass die frisch gebackene junge Familie vor Glück strotzt.

Verständnis für die Verletztheit der Mutter gibt es oft nicht. Hauptsache, das Kind ist gesund – diesen Satz kennen viele Mütter. Wie es ihnen aber selbst geht, ist meist zweitrangig oder wird ganz ausgeklammert. Oft geht es ihnen aber nicht gut. Da ist der Druck von außen, glücklich sein zu müssen. Wie aber kann man glücklich sein, wenn die einschneidendste Phase des Lebens beginnt, die so viele Unsicherheiten und Erwartungen birgt? Es bedarf Zeit, sich an die Elternrolle zu gewöhnen – und Zeit, das neue Familienmitglied kennenzulernen. Und nicht zuletzt sind da Wunden aus Schwangerschaft und Geburt, die nicht von einem Tag auf den anderen heilen können. Wunden, die oft nicht gesehen werden, keinen Platz haben dürfen.

„Man muss keinen Kaiserschnitt haben, um aus einer Geburt verletzt hervorzugehen,“ sagt Christina. „Eine Geburt kann nach außen hin gut wirken – das muss sie aber für die Mutter nicht sein.“ Eingriffe während der Geburt, nicht erfüllte Erwartungen, unerwartete Trennungen vom Kind, Ängste und Schwierigkeiten in der Schwangerschaft, Wochenbettdepressionen in unterschiedlichsten Ausprägungen – all das ist Realität, passt aber nicht ins Bild der frischgebackenen, glücklichen Familie, an dem die Gesellschaft aus unerklärlichen Gründen mit Biegen und Brechen festhalten möchte.

„Die Begleitungen sind mein Herzensanliegen“

Dieses Thema hat Christina nach ihren eigenen beiden Schwangerschaften und Geburten nicht mehr losgelassen. Nicht nur sie hatte körperliche und emotionale Narben davongetragen – auch die Mütter aus ihrem Umfeld berichteten von oft wörtlich einschneidenden Erlebnissen.

„Der nicht verarbeitete Schmerz der Frauen schwelt in ihnen und überträgt sich auf die Kinder und die Familie,“ sagt Christina. In ihrer ersten Trageberatung erzählte ihr die Kundin von einem Buch: „Emotionale Narben aus Schwangerschaft und Geburt auflösen“ von Brigitte Meissner. Christina war sofort ganz Ohr – sie spürte: Dahin zieht sie ihr Herz.

Sie verschlang das Buch, kontaktierte die Autorin, die selbst Hebamme ist und buchte ein Seminar bei ihr in der Schweiz. Mit der ganzen Familie verbrachte sie ein Wochenende in Winterthur, saugte den Inhalt auf und kehrte beseelt heim ins Rottal. Christina ist so sehr mit dem Gefühl bei der Sache, dass sie beschloss, sich nicht noch mehr theoretisches Wissen anzueignen. Ihre erste Begleitung führte sie im vergangenen Winter durch, nachdem sie sich und dieses Thema im Familiendorf in Künzing vorgestellt hatte. Schon jetzt sagt ihr die Erfahrung: „Ich bin gern Trageberaterin – aber die Begleitungen sind mein Herzensanliegen.“

„Mein Kind kommt dann, wann es will“

In Vorträgen stellt sie ihre Arbeit vor. Neulich war sie in den Yonikraft-Räumen bei Stefanie Gruber, beim Verein „Geburtsnest“ in Braunau und im Trageladen in Künzing bei Melanie Falkowski. Die Frauen fanden sich in ihren Worten so sehr wieder, dass bei manchen die Tränen flossen. „Gute Tränen,“ sagt Christina. „Dann beginnt die Aufarbeitung.“ Inzwischen begleitet Christina jede Woche eine Frau. Als Opfer ihrer eigenen Erfahrungen sieht sie sich nicht – sie weiß, dass ihre Geburtserlebnisse die Basis für ihre Arbeit sind und erzählt ganz offen darüber.

„Ich bin mit meinem Mann seit meinem 16. Lebensjahr zusammen. Nach zehn Jahren Beziehung hat sich Julia angekündigt. Bis zur 26. Schwangerschaftswoche war alles wunderbar, bis der Frauenarzt einen verkürzten Gebärmutterhals feststellte. Ich bekam Beschäftigungsverbot und musste liegen. Erst habe ich daheim vor mich hingebrütet, dann musste ich nach Passau ins Krankenhaus, um dort weiterzubrüten. Ich habe mir immer gesagt, mein Kind kommt dann, wann es will. Die Klinikroutine, die Angst im Hinterkopf, die psychische Belastung haben mir aber sehr zugesetzt – trotz meines inneren Vertrauens. Ich bin auf eigene Verantwortung wieder nach Hause gewechselt. Vor Julias Geburt haben wir noch geheiratet, standesamtlich im engsten Familien- und Freundeskreis. Danach sind wir gleich heim und haben uns ein Schnitzel vom Wirtshaus bestellt – ich musste ja wieder liegen. Knapp zwei Wochen nach der Hochzeit ist meine Oma ganz überraschend verstorben. Dennoch konnte ich gut damit umgehen, dachte ich zumindest.

Die Traurigkeit ließ Christina nicht los

Foto: Christina Bloier

Vielleicht war der Tod meiner Oma aber doch ein Grund für meinen plötzlichen Bluthochdruck. Ich bekam ihn allein nicht in den Griff. Ich wechselte zu Dr. Krompaß nach Rotthalmünster, der eine Schwangerschaftsvergiftung, das HELLP-Syndrom, feststellte. Das bedeutete: Kaiserschnitt. Ich wollte aber auf keinen Fall mein Kind per Kaiserschnitt zur Welt bringen! Allerdings gab es keine andere Möglichkeit. Ich weinte viel, akzeptierte aber die Entscheidung. Ich lag in Vollnarkose, als Julia kam. Das war für mich sehr enttäuschend – obwohl ich natürlich auch dankbar und glücklich war.

Das sind aber zwei verschiedene Dinge: Ich kann glücklich über mein Kind sein – ich kann aber auch traurig sein, dass die Geburt nicht so verlaufen war, wie ich sie mir vorgestellt hatte.“ Christina ist es wichtig, dass dieser Unterschied verstanden wird. Gesellschaftlich anerkanntes Glück muss auch „unsichtbares“ Leid ertragen können. Beides darf sich nicht ausschließen. Christina erzählt weiter: von ihrem ohnmächtigen Gefühl, nichts zur Geburt beigetragen zu haben, von den Problemen mit ihrer Kaiserschnitt-Narbe, die einfach nicht heilen wollte. Ein wenig versöhnt hat sie das Stillen, das nach einigen Startschwierigkeiten gut geklappt hat. „Das Gefühl hat so gut getan, dass ich mein Kind selbst nähren konnte,“ sagt sie.

Dennoch – die Traurigkeit ließ Christina nicht los. Ihre Heilpraktikerin konnte ein wenig helfen, hatte Trost und Verständnis. Ihr Umfeld fand aber irgendwann: Jetzt muss es dann auch mal wieder gut sein. Und im Kreis von anderen Frauen, die ihr Kind auf natürlichem Wege geboren hatten, fühlte sich Christina nicht gleichwertig, nicht weiblich genug. Auf der Verstandesebene war da nichts zu machen. Mit ihrer kleinen Tochter erlebte Christina „leidenschaftliches Mutterglück“, wie sie selbst sagt: „Ich habe jeden Moment ausgekostet und unglaublich viele Fotos gemacht.“

Große Erleichterung und Dankbarkeit

Verständlich, dass bald der Wunsch nach einem zweiten Kind aufkam. Eineinhalb Jahre nach der Geburt der ersten Tochter kündigte sich ein Geschwisterchen an. Diesmal sollte alles ganz anders laufen – so lautete Christinas Wunsch. Sie vertraute sich dem Geburtshaus Arnstorf an und war selbst völlig zuversichtlich. „Den Gebärmutterhals habe ich mir nie anschauen lassen,“ sagt sie und trinkt einen Schluck Tee, während eine Hummel die Blumen auf dem Tisch besucht. Die Zweifel aus dem Umfeld blendete sie aus, sie blieb ganz bei sich und ihrem Gefühl.

Pünktlich am Tag des Geburtstermins setzten die Wehen ein. „Ich war hormonell in Halbtrance, hab sogar noch Zwetschgennudel gemacht,“ erzählt Christina. Bis nachts die Schmerzen plötzlich unerträglich wurden und sich – ohne eine schmerzfreie Pause – ganz auf eine Seite konzentrierten. Mit ihrem Mann fuhr sie ins Geburtshaus und wurde dort von Inge Helmer gleich ins Krankenhaus Altötting weitergeschickt. Die Ärzte konnten zu diesem Zeitpunkt den Grund für diesen heftigen Schmerz nicht eindeutig begründen, rieten aber zum Kaiserschnitt. Christina schien es aufgrund des heftigen Schmerzes unmöglich, ihr Kind natürlich zur Welt zu bringen und ihr Gefühl sagte deutlich „Nein“. So stimmte sie dem Rat des Klinikpersonals zu: Kaiserschnitt ohne Vollnarkose. Diese Entscheidung war lebensrettend: Es handelte sich um keine gewöhnlichen Wehenschmerzen, sondern um einen Riss der Kaiserschnittnarbe an der Gebärmutter. Eine natürliche Geburt hätten Mutter und Kind womöglich nicht überlebt.

„Ich fühlte große Erleichterung und Dankbarkeit,“ erzählt Christina. „Nach der Geburt habe ich die Klinik fluchtartig verlassen und habe noch einige Tage im Geburtshaus verbracht.“ So richtig zum Denken und Fühlen kam sie in der ersten Zeit nicht. Ein Kleinkind und ein Säugling hielten Christina auf Trab: „Ich hätte mich anfangs zweiteilen können. Kinder zu haben ist das Schönste und das Anstrengendste, was es gibt.“ Langsam schlich sich aber wieder das bekannte Gefühl ein, vor allem, weil Christina wusste, dass eine natürliche Geburt bei einem möglichen dritten Kind von vornherein ausgeschlossen war. „Das war sehr herb,“ sagt sie.

Alles hat seine Zeit und seinen Sinn

Die Traurigkeit wollte sie ein weiteres Mal nicht mehr loslassen. Ihr Umfeld konnte und mochte irgendwann nicht mehr verstehen, warum sie traurig war – sie war doch glückliche Mutter zweier gesunder Töchter? Christina nickt und schaut in die Ferne: „Mir ging es auch um den Start meiner Mädels ins Leben. Ein Kaiserschnitt ist eben keine natürliche Geburt.“ Schon bald beschäftigte sie die Frage, wie es denn anderen Müttern gehe. Welche Geburtserfahrungen hatten sie gemacht und konnten möglicherweise nicht frei heraus darüber reden?

So kam sie erstmals mit dem Begriff „Doula“ in Berührung. Eine Doula begleitet die Frauen bei der Geburt, ist emotionale Stütze, umsorgt die Frau oder auch den werdenden Papa vor allem während der Geburt – aber auch vorher und nachher. Sie versteht sich als Vermittlerin zwischen Mutter und Krankenhauspersonal. „Das will ich machen!“ war Christinas erster Gedanke. Der zweite Gedanke drehte sich um die Ausbildung, der dritte Gedanke bremste sie ein: „Rufbereitschaft mit zwei kleinen Kindern? Das wollte ich nicht. Darum warte ich damit noch, bis mich meine Mädels nicht mehr so sehr brauchen.“ Aus dem Kontakt mit Doula Daniela Korinek aus Ranshofen ist eine Freundschaft entstanden, daraus die Ausbildung zur Trageberaterin. Und daraus wiederum die Begleitung. Alles hat seine Zeit und seinen Sinn.

Guter Rat für eine selbstbestimmte Geburt

Die Erfahrungen ihrer Klientinnen machen Christina nachdenklich. Oft bekommt sie zu hören: „Die Geburt wäre bestimmt anders verlaufen, wenn ich nicht im Krankenhaus gewesen wäre.“ Darum gefällt Christina die Berufung der Doula so gut. Mit Daniela Korinek erlebte sie im Februar eine Geburt im Geburtshaus Arnstorf. „Da durfte ich erleben, wie natürlich eine Geburt sein kann. Die Urkraft einer Frau macht mich ehrfürchtig,“ sagt Christina. Sie hat auch dadurch gelernt: Jede Geburt hat ihre ganz eigene Geschichte, jede Frau ihre ganz eigenen Empfindungen, Erwartungen und Wünsche.

Christina gibt allen Frauen, die ihr Kind möglichst selbstbestimmt in einer Klink zur Welt bringen wollen, einen guten Rat: „Es ist gut, wenn sich die Gebärenden klar machen, dass sie die Göttin sind und dass nach ihren Wünschen gehandelt werden muss. Der Klinik muss nicht passen, was eine Frau will, die ihr Kind zur Welt kriegt.“ Und weil eine Frau inmitten der Geburt im besten Fall ganz bei sich ist und oft nicht mehr fähig zu rationalen Entscheidungen, wird Christina mit ihrem Rat ganz konkret: „Es ist sehr sinnvoll, dem Krankenhaus schriftlich mitzuteilen, was man will – und was man nicht will. Sei es nun der Verzicht auf eine PDA oder selbst bestimmen zu dürfen, wie lange man sein Kind direkt nach der Geburt bei sich haben möchte.“

„Väter müssen auch sprechen dürfen“

Christinas Begleitungen klammern die Väter übrigens nicht aus: Auch sie fühlen mit ihren Frauen und Freundinnen mit und erfahren die Erlebnisse auf eine eigene Weise. Viele haben ihre Probleme damit, tatenlos zuschauen zu müssen, während die werdende Mutter Schmerzen und Ängste leidet, am Ende in den OP gefahren wird und sie selbst draußen bleiben müssen. „Väter müssen ebenso sprechen dürfen,“ sagt Christina. „Auch sie können mit ihren Kindern Heilgespräche führen, um Spannungen abzubauen und wieder ins Reine mit sich und der Familie zu kommen.“

Werden problematische Geburtserlebnisse nicht verarbeitet, kann das langfristige Auswirkungen nach sich ziehen: Die Mutter kann sich bewusst, aber auch unbewusst verletzt fühlen. Dadurch entstehen Blockaden aller Art, eine innere Angespanntheit, die sich überträgt, Narben heilen schlechter. „Die ersten beiden Stunden nach der Geburt sind die bindungsintensivste Zeit – wird diese Zeit gestört, können große Probleme entstehen,“ sagt Christina. Als Beispiele nennt sie, dass Kinder extremes Verhalten zeigen: Anhänglichkeit und Trotzanfälle sind stark ausgeprägt, dazu zeigen sich oft Durchschlafschwierigkeiten oder Konzentrations- und Lernschwierigkeiten. Im Babyalter sind es oft „Spuck- oder Schreikinder“, die an den Folgen einer unschönen Geburt leiden. Auch Stillprobleme finden oft hier ihren Grund. „Wurde ein Kind durch Erlebnisse in der Schwangerschaft oder während der Geburt emotional verletzt, wird es immer mit Problemen und ‚Stören‘ auf sich aufmerksam machen, darauf soll man gut achten,“ sagt Christina.

In ihrem Zuhause in Doblham hat sie sich ein Zimmer eingerichtet. Von Corinna Winkler hat sie sich eine wunderschöne Kraftdecke nähen lassen, dazu zwei passende Sitzkissen. Auf einem Tischchen steht ein Wasserkrug mit zwei Gläsern, Kerzen und Blumen. Ein Zimmerbrunnen durchbricht die Stille mit angenehmem Gluckern. Der Raum strahlt die Ruhe aus, die Christina selbst in sich trägt und schafft so die Atmosphäre, die für eine Begleitung gut ist.

Tränen der Erleichterung und Heilung

Foto: Christina Bloier

„Bei mir dürfen die Mamas ausführlich am Stück erzählen,“ sagt Christina. Ohne Unterbrechung, ohne Bewertung, ohne Zeitdruck und ohne das Gefühl, nicht verstanden zu werden. „Oft müssen die Frauen weinen. Das sind Tränen der Erleichterung, der Heilung.“ Meist ist die eigene Geburt ein großes Thema: Oft zeigen sich Parallelen zwischen der eigenen Geburt und der der Kinder. Christina reflektiert die Geschichte einer Frau und die Zusammenhänge aus der Vergangenheit dann aus ihrer Sichtweise. „Damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht, die Mamas sind oft völlig erstaunt über die neuen Erkenntnisse,“ sagt sie. Nach dem Erzählen bietet Christina eine geführte Meditation an, in der die Frauen ihre Lasten symbolisch abgeben dürfen.

Der Aufarbeitungsprozess geht zuhause weiter: Dann führen die Frauen mit ihren Kindern ein Heilgespräch, in dem sie ihnen offen und ehrlich und mit allen Emotionen, die sich zeigen wollen, von der Schwangerschaft und Geburt erzählen. „Das überfordert die Kinder nicht, im Gegenteil,“ sagt Christina. „Sie erleben ihre Mamas ganz ehrlich. Und es geht ja um ihre gemeinsame Geburt. Ihre gemeinsame Verbindung.“ Nach dem Heilgespräch folgen Heilbäder – hier tun die Mütter ihren Kindern gutes, baden sie liebevoll und kuscheln anschließend ausgiebig. Hier wird bewusst das Bonding nachgeholt, das nach der eigentlichen Geburt oft zu kurz kommt oder erst gar nicht stattfindet.

„Alles fließt mit Leichtigkeit“

Christina hat das Heilgespräch sowie die Heilbäder bei ihren Töchtern selbst angewendet. „Julia hatte zuvor große Trotzanfälle, obwohl sie aus dem Alter eigentlich raus war. Wir konnten uns das nicht erklären. Nach dem Heilgespräch hat sie mich fest in die Arme genommen und mir gesagt, wie sehr sie mich lieb hat. In einem schlimmen Alptraum hat sie noch einmal alles verarbeitet – danach hatte sie keinen einzigen Trotzanfall mehr.“ Christina trinkt einen Schluck Tee, staunt selbst noch einmal über die Wirkung.

„Alles, was mit meinem Thema zu tun hat, fließt mit Leichtigkeit,“ sagt Christina. „Das schenkt mir Energie und zeigt mir, dass ich meine Aufgabe im Leben gefunden habe.“ Inzwischen begleitet sie jede Woche eine Frau. Sie genießt die Freiberuflichkeit, das freie Einteilen der Zeit. So kann sie all das leben, was ihr wichtig ist: Zuvorderst die Töchter, die Familie, ihre Berufung, ihr Garten, ihr Zuhause.

„Wenn jeder einen kleinen Garten hätte, …“

Das Haus in Doblham hat einst Christinas Oma gehört. Schon immer war Christina gern hier, hat geträumt, hier einmal zu leben. Mit Christian wurde schnell klar, dass das Paar zusammenziehen wollte. „Meine Oma war ein sehr weltoffener Mensch. Sie hat uns das Haus überlassen und ist zu meinen Eltern in eine Wohnung gezogen,“ erzählt Christina. Damals war sie 20. Nach und nach haben sie und ihr Mann das Haus nach ihren Wünschen renoviert, langsam kam ein Gemüsegarten hinzu, mit dem sich die Familie mittlerweile zu großen Teilen selbst versorgt. „Wenn jeder einen kleinen Garten hätte, würden sich einige Probleme lösen: Verpackung, Transport, Wegwerfen – und chemische Dünger.“ Christina ist ein Mensch, der nachdenkt, dahinterschaut, sich nicht zufrieden gibt.

„Mir ist wichtig, dieses Bewusstsein meinen Töchtern mitzugeben: von der eigenen Aussaat der Pflanzen über die Pflege, Ernte und die vielfältige Verarbeitung,“ sagt sie. „Von der Mama hab ich die Leidenschaft für’s Kochen, vom Papa die Naturverbundenheit.“ Gelernt hat Christina den Beruf der Industriekauffrau, hat lange bei Brunner Ofenbau in Eggenfelden gearbeitet. Einen Spruch ihres Chefs hat sie sich gemerkt: „Nichts gehört einem – man ist höchstens Pächter auf Lebenszeit.“ Ihr Mann Christian ist auch selbstständig, führt ein kleines Fuhrunternehmen. Christina macht die Schreibarbeit für den eigenen Betrieb und den ihrer Schwägerin Bianca Obermaier. „Auf den wöchentlichen Bürotag freue ich mich immer,“ sagt sie.

Der Wecker auf Christinas Smartphone meldet sich und erinnert uns sanft an die Zeit, die in Windeseile verflogen ist. Ihre Mädels wollen aus dem Waldkindergarten abgeholt werden. Christina steht auf, erzählt noch beim Gehen weiter. Eine herzliche Umarmung, ein herzlicher Abschied und ich verlasse Doblham mit vielen Gedanken und Gefühlen. Ich bin ja auch Mama – und ich wurde wie jeder Mensch auch geboren…

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Getragen SEIN

Christina Bloier

Telefon: 0151-56914891
Anschrift: Doblham 2
84364 Bad Birnbach

Ein Kommentar

  1. Der Bericht hat mich sehr berührt.
    Ich bin bereits Großmutter, aber die Geburt meiner Tochter war sofort wieder präsent und auch nach so langer Zeit ist das traumatische Erlebnis wohl noch nicht ganz verheilt.
    Ich bin froh darüber, dass es Menschen wie Christina gibt, die den Müttern helfen und zur Seite stehen.

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