Elli Schreiner und Cilly Moser: die Frauen von “Weber Fünf” und die Alpakas

Die Sonne scheint kräftig an diesem Morgen im April, als Elli Schreiner mit Hündin Ayla in den Stall geht und von einem lauten Summen begrüßt wird. Es duftet nach Heu und ein wenig wie Schaf. Zwölf wuschlige Köpfe auf langen Hälsen sind auf Frauli Elli gerichtet, das jetzt irgendwas vorhat: Bringt sie Futter? Will sie spazierengehen? Das Summen wird unruhiger und lauter und verstummt schließlich, als es Elli durch die Tiere hindurch zum Tor geschafft hat und es öffnet. Jetzt, kurz vor der Schur, verbringen die Alpakas die Nächte drinnen, damit das Flies nicht nass wird und gut weiterverarbeitet werden kann. Ansonsten steht den Tieren ihr Stall 24 Stunden lang offen. Und so drängen sie jetzt hinaus an die frische Luft, die Alpakas von “Weber Fünf“, dem “Erlebnishof im Rottal” in Höllerthal bei Falkenberg.

Elli lacht herzlich, als sie beobachtet, wie sich ihre Alpakas freuen. Eins hat sich auf die sonnige Wiese geworfen und streckt sich lang aus, andere knabbern am Gras herum, zwei laufen ein wenig umher, aber nie zu weit weg von den anderen. Ayla schaut sich das Treiben von der anderen Seite des Zauns an und man sieht in den Augen der Parson-Terrier-Hündin, dass sie eigentlich gern mittendrin wäre. Sie mag es, wenn sich was rührt – und da hat sie auf dem Hof genau die richtige Heimat gefunden. Jetzt geht Elli auf ein anderes Gebäude zu, um die Ponys auf die Weide zu lassen. Eins nach dem anderen führt sie hinaus, erst den Xaverl, dann den Kleinen Onkel und Pepe.

“Die Zeit war damals reif”

Während die 35-Jährige mit einer großen Ruhe macht, was sie macht, erzählt sie von den Alpakas, von ihrem ausgeprägten Sozialverhalten, von ihren eigenen Köpfen und empfindlichen Mägen, davon, dass ihre Füße weiche Schwielen mit zwei Zehennägel sind, also eher Pfoten als Hufe – und jedes Tier ein anderes Haarkleid trägt. Und natürlich hat ein jedes Tier seinen eigenen Namen und seine eigene Geschichte. Womit wir auch schon bei der Geschichte von “Weber Fünf” wären, die Elli und ihre Mama Cilly bei einem eigens gerösteten Alpaka-Kaffee erzählen und sich der schwarz-weiße Kater Leo auf meinen Schoß einrollt. Papa Alois werkelt derweil draußen herum, Mann Markus ist in der Arbeit und der neunjährige Nico ist noch drinnen im Haus. Das sind die “Weber Fünf”, die fünf Leute, die eine Familie bilden und den Hof mit Leben füllen.

Angefangen hat es damit, dass Elli, Markus und Nico 2016 wieder auf den elterlichen Hof gezogen sind. Oder hat es damit angefangen, dass Cilly und Alois ihre Landwirtschaft im Nebenerwerb nach vielen Jahren in Frage gestellt haben? “Das war immer so viel Arbeit und hat nicht viel gebracht,” sagt Cilly, die eine unglaubliche Herzenswärme ausstrahlt. Alois arbeitete als Schreiner, Cilly versorgte Haus und Hof. Elli nickt. Sie hat ihre Eltern darin bestärkt, die Kühe zu verkaufen: “Und der Papa wollte schon immer Alpakas haben.”

Im Juli 2017 wurde die letzte Kuh verabschiedet, im September zogen die ersten vier Alpakas ein. Alle Tiere sind aufgekauft, stammen wie die Ponys teilweise aus schlechter Haltung. Elli lacht: “Damals stand im Stall noch eine Eckbank. Auf der sind Mama und Papa stundenlang gesessen und haben den Alpakas zugeschaut.” Die 62-Jährige nickt: “Wir waren einfach fasziniert von den Tieren – und sind es auch immer noch. Die Zeit war damals reif. Der Milchpreis war schlecht und ich gesundheitlich angeschlagen.”

“Wir sind halt kleine Bauern…”

Diese Faszination zu den Tieren formte sich schließlich zu einer Idee, die nicht unbedingt geplant war, sich aber logisch entwickelt hat. Elli ist ausgebildete Einzelhandelskauffrau mit einer Zusatzausbildung zur Betreuungsassistentin für dementiell erkrankte Menschen, Cilly Kinderpflegerin. Elli arbeitete im Parkwohnstift in Arnstorf, Cilly hatte mit vier eigenen Kindern jahrzehntelang nichts mehr mit ihrem Beruf zu tun. 2017 beschlossen Mutter und Tochter, gemeinsam eine Fortbildung zu machen. Bei Nonna Anna, einem pädagogischen Konzept, das sich an dementiell erkrankte Senior*innen richtet. “Und da kam uns der Gedanke, dass wir ja beides verknüpfen könnten – das Betreuungsangebot und die Alpakas,” erzählt Elli.

“Gell, Elisabeth, das war ein langer Weg,” sagt Cilly. “Wir wussten ja nicht, was wir wert sind.” Elli bestätigt: “Wir sind halt kleine Bauern und hatten keine Ahnung.” So reden die beiden Frauen, deren Selbstbewusstsein langsam wächst, und sitzen in einem wunderschön einladenden, hellen, riesigen Raum mit vielen Tischen und einer großen Küche, der bis zum Umbau 2019 die Werkstatt und ein Teil der Garage war. Auf einem der Tische steht das neueste Produkt: Alpaka-Dung, in hübschen Papiertüten verpackt und einer Karte versehen, die eins der Tiere ziert. Weiter vorn liegen selbst gemachte Seifen und Mundschutz-Masken, die Ellis Bekannte von den HeimatUnternehmern genäht hat.

Die Idee war geboren und die Umsetzung ließ nicht lange auf sich warten. Dazu richten die Frauen von “Weber Fünf” Kindergeburtstage aus: Die Kinder lernen die Tiere kennen, wandern mit ihnen, bekommen Cillys selbst gebackenen Kuchen und am Ende noch ein Lagerfeuer mit Würstl und Stockbrot. Elli und Cilly schwärmen von den leuchtenden Augen und freuen sich, dass es für die Kinder das Höchste ist und es gar nicht mehr braucht. Im ersten Jahr wurden so schon 20 Geburtstage gefeiert. Mittlerweile begehen auch Senior*innen ihren Ehrentag auf dem Hof. Außerdem gibt’s hier ein Sommerferienprogramm: Die Kinder machen einen Alpakaführerschein, führen die Tiere durch einen Pacour auf der Weide, bekommen Brotzeit und ein Erlebnis, das gewiss unter den Top Drei der Ferienerlebnisse rangiert.

“Die Kinder kommen so gerne”

Dazu kommen einmal in der Woche zwei Kindergruppen aus dem Heilpädagogischen Zentrum aus Eggenfelden zu den “Weber Fünf” – und an zwei weiteren Nachmittag die Ganztagesklassen 5./6. und 7./8. der Arnstorfer Mittelschule. Letztere sind ohne Lehrer hier, das Ganze läuft unter dem Motto “Arbeiten auf dem Bauernhof” und von Anfang an gab es Wartelisten, weil am liebsten jedes Kind Zeit mit den Alpakas verbringen würde. “Die Kinder kommen so gerne,” sagt Cilly mit ihrem warmen Lächeln. Neben den regelmäßigen Kinderbesuchen bieten die Frauen die Alpakawanderungen an, die ebenfalls gut angenommen werden.

Nur jetzt eben nicht. Jetzt hat Corona die Stille auf dem Hof einziehen lassen, die vor allem Papa Alois als frischer Ruheständler schlecht erträgt. Keine Schüler, keine Wanderungen, keine Geburtstage und auch keine Besuche im Hofladen, der sich aktuell noch im Wohnhaus befindet. Dort gibt es sämtliche Alpaka-Produkte, teils von hiesigen Frauen angefertigt, teils aus Peru. Jacken, Mützen, Handschuhe, Socken, Seifen, Wolle, Bommel… Ja, grad ist es wirklich still und Elli wird noch ein paar Wochen warten müssen, um zu erfahren, dass sie Mitte Mai wieder Wanderungen anbieten darf.

Sie hat den Antrag auf Soforthilfe gestellt und auch bewilligt bekommen. Kostet ja alles Geld, die Alpakas wollen ja auch fressen, wenn keiner zu Besuch ist. Und auf die Schnelle hat Elli einen Online-Shop eingerichtet, damit zumindest ein bissl was reinkommt, auch wenn ihr klar ist: “Alpakaprodukte sind Luxusgüter und werden grade in der warmen Jahreszeit nicht nachgefragt. Aber wir bekommen ständig Anrufe, wann wir wieder Wandern dürfen.” Ein kleiner Lichtblick: Alle schon gebuchten Wanderungen wurden nicht storniert, sondern einfach verschoben.

Bei Unmut: Spucken

Apropos Wandern, wie wandert man denn nun eigentlich mit einem Alpaka? Das geht so: Elli marschiert in den Stall, schnappt sich zwei Halfter. Ayla hüpft wie verrückt neben ihr her – die Hündin weiß schon, was jetzt passiert. Gassi mit den flauschigen Kollegen! Summend und brummend kommen die Tiere in den Stall, neugierig sind sie ja. “Mit den Summ-Tönen verständigen sie sich. So klingt es, wenn sie ruhig sind. Aber wenn gestritten wird, hört es sich wie im Saustall an,” sagt Elli mit einem Lachen und schiebt sich durch die Menge in Richtung Baron, einem erfahrenen Männchen. Behutsam legt sie ihm das Halfter ums weiche Gesicht, er lässt es geduldig geschehen. “Und wenn gestritten wird, wird auch gespuckt. Schau mal da,” erklärt Elli weiter und zeigt auf die fleckigen Stallwände. Mit dem Spucken weisen sich die Tiere gegenseitig in die Schranken und zeigen ihren Unmut.

Außer Baron darf auch noch Lotte mit, eine junge Stute. Sie ärgert sich gerade über etwas oder ist verunsichert von der Situation und schwupp – legt sie die Ohren zurück und zielt mit einer Ladung Spucke auf Baron. Der denkt sich seinen Teil und ignoriert den Angriff. Elli nimmt Lotte an die Leine, Cilly Baron. Und sofort wird klar, worum es hier geht. Mit Alpakas zu wandern, ist eben kein Spaziergang. An die Leine nehmen und los und hopp – so läuft das nicht. Das Tempo bestimmen die Alpakas. Da muss viel geschaut werden, “Alpakas sind vorsichtige Tiere”, da muss hie und da Gras abgerupft werden. Und wer sagt, dass man ausschließlich auf den Wegen gehen muss? Baron und Lotte recken die Hälse, checken mit ihren großen Augen die Umgebung, achten nur scheinbar nicht auf die Zweibeiner, die da auch noch dabei sind. Aber nur scheinbar.

Entspannung als Grundgedanke der Wanderungen

“Alpakas sind absolut sensibel. Sie haben ein gutes Gespür für Menschen und fühlen, wenn was nicht passt,” sagt Elli. Dann bleiben sie gern mal stehen. Vor allem dann, wenn zu vehement an der Leine gezogen wird. Lotte ist noch keine erprobte Wanderin und wird immer wieder von Baron angeleitet. So ganz entspannt ist das Miteinander der beiden Tiere nicht, aber sie gehen doch recht friedlich ihres Wegs. Wie gern sie das tun, was sie für richtig halten, ist auch auf den Fotos sichtbar. Gruppenfoto? Was soll das sein? Und wozu? Alle nehmen es entspannt, bis auf Ayla, die außer Rand und Band herumhüpft. Auf einem kurzen geteerten Wegabschnitt wird klar, was Elli mit “weichen Hufen” meint: Da klappert nichts. Ruhig tapsen die Füße der Tiere dahin. Das müssen sie auch, denkt man an das steinige und oft steile Terrain der Anden, der südamerikanischen Heimat der Alpakas.

“Entspannung war der Grundgedanke für die Wanderungen,” sagt Cilly. Ganz nachvollziehbar – sich auf die Tiere einlassen, ebenfalls immer wieder stehenbleiben und schauen, da wird der Blick für die Umgebung geschärft und vieles wahrgenommen, das beim zügigen Vorbeimarschieren unbeachtet geblieben wäre. Das letzte Stück führt durch die kleine Siedlung, bis wir wieder auf dem Hof sind und Elli Baron und Lotte wieder zu den anderen Alpakas bringt.

Alois sitzt auf der Hausbank, Cilly gesellt sich dazu und Elli erzählt noch ein wenig von den Anfängen. Damals, als die tiergestützte Therapie noch nicht konkret war, fragten sich die “Weber Fünf”, ob sie nicht auch noch was anderes mit den Alpakas machen könnten. Und so besorgten sie sich Ware auf Kommission und fuhren mit ein paar Tieren auf Christkindlmärkte in der Region. Das war ein guter Start. Im letzten Jahr waren sie in Haberskirchen beim Leonhardiritt dabei. “Drei unserer Alpakas haben beim Umzug das Schlusslicht gemacht. Da haben die Leute geschaut,” sagt Elli und lacht.

Urvertrauen und Gottvertrauen

Jetzt, Mitte April, weiß Elli noch nicht, dass sie einen Monat später wieder mit den Wanderungen starten darf. Ungewiss bleibt weiterhin, ob das geplante Hoffest am 12. September gefeiert werden kann. Ungewiss ist auch, wann die weiteren Pläne umgesetzt werden können: Die Kochkurse mit Susanne Binder und der Fünf-Elemente-Küche, die Kaffeewanderungen mit Röster Alex Schander, die begleiteten Wanderungen mit dem Fotografenpaar Josepha und Markus Wagner. Nur eins ist sicher: Cilly wird im Herbst nach so vielen Jahren wieder als Kinderpflegerin arbeiten, worüber sie sich unbeschreiblich freut: “Ich werde noch gebraucht!” Elli schaut ihre Mama an, freut sich mit, auch wenn sie selbst das nie angezweifelt hat. Ohne Cilly gäbe es “Weber Fünf”“ nicht. Und so ist es schön, wenn sich die Generationen auf dem Hof verbinden – in der Familie und bei den Besuchern.

Heuer waren Elli und Cilly in Berlin auf der Grünen Woche, “eine wahnsinnig coole Zeit“, wie Elli sagt und Cilly vor Begeisterung kaum Worte dafür findet. Sie ist zum ersten Mal geflogen und berichtet heute noch sichtlich aufgeregt darüber. Wie sie sich beim Piloten für den guten Flug bedankt hat. Cilly lacht ein wenig ungläubig, da schwingt viel mit von “Dass ich das noch erleben darf”. Und dabei ist es genau das, was “Weber Fünf” ausmacht: Wer offen und mutig ist für Neues, der wird wachsen. Hineinwachsen in sein eigenes Tun. Und das werden auch die anderen spüren und es zeigen. So entsteht ein freudiges und fruchtbares Miteinander. Elli und Cilly schauen sich an. “Ich habe das Urvertrauen, dass es nach Corona gut weitergeht. Ich bin parat,” sagt Elli. “Und ich habe Gottvertrauen,” fügt Cilly hinzu.


Das Portrait der beiden Frauen wurde im Mai geschrieben und erschien in der Sommer-Ausgabe des ROTTALER GSICHTER MAGAZINs 2020. Die C-Zeit hält an… und das Vertrauen der “Weber Fünf” auch.

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Weber Fünf

Elli Schreiner und Cilly Moser

Telefon: 0170-9331129
Anschrift: Höllerthal 1
84326 Falkenberg

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