Elma Esrig: “Pferde reden mittels Energie”

Eine kleine Frau und ein großes Pferd. Schnaubender Atem, der sich dampfend in der kalten Winterluft zeigt. Dumpf dröhnen die Hufe auf dem Sandboden der Halle, als das Pferd in den Trab fällt, es der Frau nachmacht. Ohne Berührung, ohne Worte spielen die beiden zusammen. Die Frau hält plötzlich an, das Pferd tut es ihr nach, schaut sie an, wartet auf den nächsten Vorschlag, schmiegt seinen Kopf an ihre schönen Locken. Die Frau nimmt ihre Körperspannung wieder auf, schiebt das Pferd mit unsichtbarer Kraft von sich weg und das Spiel beginnt von vorn…

“Pferde wollen mit uns zu tun haben”

Wer da mit dem großen Pferd namens Kairon spielt, ist Elma Esrig. Sie tut es auf ihre ganz besondere Art und Weise mit ihrem Erfahrungsschatz, den sie mit “Kentaur Pferdetraining” auch an andere weitergibt. Ohne Zügel und Lounge, ohne Berührungen mit der Gerte und Kommando oder Signal. Sie nutzt die Sprache der Pferde selbst, die grundlegend über die Körperspannung kommunizieren. Auch ihre Mimik und die Bewegungen entspringen dieser inneren Energieveränderungen. Damit ich mir das besser vorstellen kann, holt sie mich selbst zum Pferd. “Stell Dir vor, Du würdest nur mit den Hüften einen Einkaufswagen schieben. So trittst Du dem Tier entgegen und führst es,” sagt sie und macht es vor. Ich probiere es aus und tatsächlich – Kairon ist an mir interessiert, folgt mir und bleibt stehen, wenn ich stehenbleibe. Elma lächelt. “Pferde wollen mit uns zu tun haben,” sagt sie und streichelt den großen braunen Wallach am Hals, bevor sie ihn gemeinsam mit seinem Pferdefreund Galeon auf die Weide führt.

Begleitet wird sie von Hund Jim, der mit seinen sieben Monaten schon ein ordentlicher Kerl, aber auch noch wild und ungestüm ist. Es reizt ihn, die Hühner und den Hahn zu jagen, die friedlich in Pferdeäpfeln picken und sich dann schnell unter eine Hecke flüchten. Elma zeigt auf eine hölzerne, mit Eisen beschlagene Tür: “Die hat mein Mann gemacht.” Manfred Antesberger baut verschiedenste Kunstgegenstände aus Holz und Eisen, Unikate. Beide leben und arbeiten auf dem denkmalgeschützten Vierseithof, der ganz am Ende einer langen Kiesstraße bei Dommelstadl im Landkreis Passau liegt. Wir treten in den Hof und da steht ein wenig die Zeit still, weil es so ruhig ist, so friedlich und ja, altehrwürdig.

“Mein Mann hat ein gutes Gefühl mit Gebäuden”

Auf einer Seite leben die Pferde im Offenstall, das ist die ursprüngliche Remise. Im selben Gebäudetrakt hat Manfred seine Werkstatt. Gegenüber liegt das große hölzerne Wohnhaus. Auf der Torseite ein weiteres großes Haus, gemauert, in dem Manfred seine Arbeiten ausstellt, eine besonderes duftiges, großes Büro. Und auf der anderen Seite findet sich das Hühnerhaus und ein weiterer Pferdestall. Sechs Pferde, zwei Hunde, zehn Hühner, ein Hahn und neun Katzen – dazu die Familie: Elma, Manfred und vier Kinder zwischen zehn und 18 Jahren. Damit ist der Hof gut belebt, was manch einer für ganz unmöglich gehalten hatte, damals, als das Paar auf das Gebäude stieß.

Das war vor zwanzig Jahren, als Elma und Manfred noch keine Kinder hatten und in Haiming bei Burghausen lebten. Ein Haus in Alleinlage, gern alt – das waren die Bedingungen an eine neue Heimat. Schließlich wurde das Paar fündig – zufälligerweise in Manfreds Elterndorf. Ein riesiger, uralter Kirschbaumgarten, der alte Hof, der sich mehr schlecht als recht auf den Beinen hielt – für einen recht günstigen Preis, den Elma und Manfred stemmen konnten. “Mein Mann hat ein gutes Gefühl mit Gebäuden und Gegenständen,” sagt Elma. Darum waren auch die eingefallenen Dächer kein Grund, die Finger davon zu lassen. Und so kam es, dass Elma und Manfred über sieben Jahre lang renovierten, gefördert vom Denkmalschutz, aber viel aus der eigenen Tasche und vor allem mit den eigenen Händen. Nach und nach kamen die Kinder und schließlich zog die Familie ein.

“Cara hatte viel Feuer, hörte aber gut zu”

Elma geht auf’s Haus zu, öffnet die Tür, drinnen alles Holz, dunkel, duftend, knackend der große Kanonenofen in der Stube. Hündin Wanda sagt schwanzwedelnd Hallo, während Elma einen Kaffee macht und sich schließlich an den langen Holztisch setzt und ihre Geschichte weitererzählt. Damals hatte sie mit Pferden noch gar nichts am Hut, nichts da, von wegen Pferdemädchen seit der Kindheit an. Ja doch, als Kind hatte sie schon Reitunterricht, aber ein Pferdemädchen war sie trotzdem nie. Der Kontakt zu den großen Tieren riss ganz ab, als sie in der Pubertät merkte, dass es nichts Gutes war, was da zwischen ihr, dem Reitlehrer und den Pferd geschah: “Da habe ich zum ersten Mal das Ausnutzungsverhältnis der wunderschönen Eigenschaften der Pferde gespürt, ohne das damals benennen zu können.”

Der Kontakt zu Pferden riss ab, bis ihre Tochter reiten wollte. Im Passauer Reitclub fiel Elma ein Pferd auf – und verliebte sich prompt. Cara hieß es. “Das ist schwer zu beschreiben – das war einfach Liebe auf dem ersten Blick,” erzählt Elma. “Ich wollte Cara haben. Und weil Pferde Herdentiere sind, reicht eines nicht. Schließlich hatten wir gleich vier Tiere. Denn wenn einer ausreitet, wäre ja eins allein – und wenn zwei ausreiten, wäre ein drittes Pferd allein. Also vier!” Das klingt logisch und Elma lacht. Bei einem Proberitt lernte sie ihr zukünftiges Pferd kennen und verstand, warum die Besitzerin Angst vor ihr hatte: “Cara hatte viel Feuer, hörte aber gut zu.”

Pferde und Menschen: Eine verbindliche Beziehung

Noch mehr Feuer entwickelte die Stute in ihrem neuen Zuhause, wo sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Offenstall und eine Wiese erlebte. Elma hatte Verständnis für Caras Temperament, auch wenn jeder Ausritt zunächst ganz schön riskant war, weil das Pferd regelmäßig durchging. “Das war ein echter Feuerstuhl und mir zitterten ein jedes Mal die Knie. Bis ich wusste, dass ich ohne Unterstützung nicht weiterkommen würde,” erzählt Elma. Der Wunsch, Kontrolle über das Tier zu erlangen, das Festklammern bis hin zu blutigen Händen machte ihr bewusst, dass sie Angst hatte.

Nach einiger Suche fand sie die Hilfe, die sie sich wünschte: Eine Horsemanship-Trainerin, deren Ziel es war, Mensch und Tier einander näher zu bringen. Elma war so begeistert von der so ganz anderen Herangehensweise, dass sie sich selbst ausbilden ließ. Und als sie mit ihrem vierten Kind schwanger war, ritt sie mit Cara noch einmal aus, ohne Sattel, ohne Gebiss. Nach einem Jahr intensiver Arbeit mit ihrer Herzensstute zeigte sich, dass sie sich nun wirklich nahe waren: “Cara war schnell, aber nicht mehr wild. Und als mein Mann und eine Freundin ein Rennen starteten, hat Cara nicht mitgemacht.” Da war Elma klar, dass die Stute ihr zuhörte, dass die Beziehung der beiden verbindlich war.

“Pferde denken, das sehe ich ihnen an”

“Pferde reden mittels Energie,” sagt Elma. Das hatte sie nun selbst ganz direkt auf eine wunderschöne Art und Weise erfahren – und diese Erfahrung war die beste Basis für ihre heutige Arbeit. Die Ausbildungen sowie die eigenen Experimente ergaben schließlich ihre eigene Methode, das “Kentaur Pferdetraining”. “Ich höre nie auf, weiterzulernen,” sagt Elma. “Jedes Pferd hat eine andere Art, sich auszudrücken, sie haben ihr eigenes Wesen. Pferde denken, das sehe ich ihnen inzwischen direkt an. Ich sehe, wie sie über Probleme nachdenken. Bei Pferden sind Gedanken emotional behaftet. Und man kann sie zum Staunen bringen, wenn etwas Positives geschieht, mit dem sie nicht rechnen.” Elma erzählt und dabei spricht die Liebe direkt aus ihren Augen.

“Du kannst führen – also führe!”

Für sie sind die Zeiten vorbei, in denen der Mensch mit dem Anspruch an Kontrolle und Macht dem Pferd gegenübertritt. In ihrem Ansatz steht das Gemeinsame und Gleichwertige im Vordergrund. Sie weiß, dass ihre Interpretationen, das Gemüt der Pferde zu deuten, auf Erfahrung basierende Wahrnehmungen sind. “Es klingt seltsam, aber ich kann mich direkt in die Pferde einfühlen,” sagt sie, lächelt und trinkt einen Schluck Kaffee. Anderen Pferdebesitzer*innen hilft sie in diese Sichtweise hinein, schafft ein Bewusstsein für die Art der Tiere zu kommunizieren, stellt eine Verbindung zwischen Pferd und Mensch her.

Im Grunde geht das ganz einfach, wie sie findet – es ist eine Sache der Betrachtung. Trete ich meinem Tier mit echtem Interesse und Respekt gegenüber – oder will ich es beherrschen und gefügig haben? “Kontrolle ist etwas, das das Pferd uns freiwillig gibt. Es sagt: Du kannst führen, also führe. Pferde sind Herdentiere, sie sind auf Führung angewiesen.” Umso wichtiger ist es, diese Freiwilligkeit im Auge zu behalten. Da gibt es nichts, das erst erzwungen werden muss, der Wille zur Zusammenarbeit ist bereits da. “Dafür muss man aber was bieten,” sagt Elma. “Das Ergebnis muss sich für das Pferd gut anfühlen. Sicherheit ist für ein Herdentier am wichtigsten – und Spaß. Pferde lieben Spaß!”

“Das wäre doch was für die Schauspieler”

Wird das, was wir von den Tieren wollen, in ihrer Sprache kommuniziert, wird alles leicht. Also mit Energie, mit einem körperlichen und geistigen Spannungs- und Entspannungszustand. Das klingt nur zunächst etwas abstrakt. Ich erinnere mich an die Begegnung mit Wallach Kairon, die Vorstellung, mit den Hüften den Einkaufswagen zu schieben. Wortlos habe ich mit dem großen Tier gesprochen, konnte auf seine Neugierde, seine Freiwilligkeit bauen. Elma beschreibt das Miteinander zwischen Pferd und Mensch sehr bildhaft, sehr nah, als gegenseitige Anpassung. Auch das Reiten empfindet sie so, als ob ihr Becken im Pferderücken versinken würde, als ob ihre Beine zu den vier Beinen des Tieres würden, als ob ihr Brustbein mit dem Widerrist des Pferdes verbunden wäre. Ein Kentaur eben, ein einziges Wesen.

Und so ist Elma nun seit 25 Jahren Schauspiellehrerin an der Athanor Akademie und seit 2008 Pferdetrainerin. Bis vor sieben Jahren waren das für sie zwei verschiedene Berufe, bis sich ein Gedanke in ihr immer mehr festsetzte: “Das wäre doch was für die Schauspieler.” Elma verfolgte dieser Gedanke, sie überlegte, experimentierte und entwickelte die Pferdegestützte Sensibilisierung – eine Methode für Schauspieler*innen, ihre Präsenz und Authentizität zu schulen, gemeinsam mit den Pferden. “Pferde interessieren sich für alles, was ihnen energetisch begegnet – und über sie ist ablesbar, wie präsent die Schauspieler geistig und körperlich sind,” erklärt Elma die ganz besondere Trainingseinheit.

“In jeder Bewegung, jeder Geste, ja, in jeder Mimik steckt ein energetischer Kern, der dem Ausdruck Stimmigkeit verleiht – oder eben nicht. Dann ist dieser nur einstudiert, eine Kopfgeburt ohne Leben und Feuer. Der Zugang und die Meisterung dieser inneren Energie, die sowohl mental als auch körperlich ist, macht für mich die Grundlage der darstellenden Kunst aus.” Mit “mental” meint Elma Vorstellungsbilder, Absichten, Wünsche und Emotionen, mit “körperlich” spricht sie unterschiedliche Spannungszustände und Positionen im Raum und zum Partner an.

Eine tiefe, kraftvolle Ruhe

Sie steht auf, zieht die Jacke über, die Hunde erheben sich von ihrem Platz am bollernden Ofen, folgen ihr, sind gespannt, was jetzt kommen mag. Es geht raus, nach den anderen Pferden sehen, die auf der großen Koppel ein paar saftige Halme suchen. Ihr dampfender Atem kringelt sich in die Winterluft, der Raureif glitzert in den Zweigen. Neugierig kommen Andrej und Arwen näher. Andrej ist der Herdenchef und dennoch stellt sich seine Freundin Arwen schützend vor ihn, wartet ab, ob die Kamera vor ihrer Nase gar etwas Bedrohliches sein könnte. Ist sie nicht, stellt sie schnell fest und hebt die Deckung auf. Nun beäugt auch Andrej das seltsame Ding und Elma lacht. Jim läuft halb im Spiel, halb im Jagdtrieb den Hühnern nach, während die Sonne den Hof in ein warmes Licht taucht und die Natur drumherum eine tiefe, kraftvolle Ruhe ausstrahlt, ganz so wie Elma und ihre Pferde.

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Kentaur Pferdetraining

Elma Esrig

Telefon: +49-160-93113927
Anschrift: Alter Steig 15
94127 Neuburg am Inn

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