Gastronom Taylan Güner: Von Keksen und faulen Katzen

Noch sind die Fenster zugeklebt, noch bekommt der neugierige Passant nur zu lesen: „Hier entsteht etwas Schönes. Bleibt gespannt…“ Was sich im kleinen Häuschen an der Stadtmauer am Marienplatz in Pfarrkirchen tut, lässt sich noch nicht erahnen. Lange Zeit hat ein Blumenladen darin seinen Platz gehabt – nur kurze Zeit die Falafel-Bude. Und jetzt geht Taylan Güner geschäftig und geheimnisvoll ein und aus, der Chef vom Cookies. Jetzt öffnet er die Tür einen Spalt, winkt mich herein…

Das Lazy Cat Café – exklusive Tassen und bester Kaffee

Güner, den alle Günni nennen, lächelt ein klein wenig stolz, sagt aber gleich: „Noch ist nicht alles fertig, da schauts noch ziemlich aus.“ Ja, es schaut aus. Und zwar schön! Gleich vorne die Theke, dahinter die Kaffeemaschine, darauf wunderschöne Tassen. Um die Ecke schmiegt sich eine Bank mit dicken Kissen in Grün- und Gelbtönen. Davor stehen Bistrotische mit Marmorplatte und Gusseisenfuß. Auf der anderen Seite Barhocker. An den Wänden hängen Bilderrahmen – noch ohne Bilder, eine Uhr, Zeitungsregale. Und es gibt Pflanzen, dort und da. Noch sind die Fenster verklebt, noch liegen Werkzeuge herum und noch ist es ein bisschen staubig. „Nächste Woche ist es fertig und am 17. Juli eröffne ich,“ sagt Günni.

Er ist freudig angespannt, geht zur Kaffeemaschine, die schon funktioniert. Das Gerät zischt und spuckt einen feinen Kaffee in die besonderen Tassen. Keine gleicht der anderen. „Die hat ein Freund von mir gemacht. Er ist Kunststudent,“ sagt Günni. „Und der Kaffee ist extra für hier gemacht. Aus einer kleinen Rösterei in Wittibreut.“ Und was wird das „hier“ nun eigentlich? Der 27-Jährige wartet einen feierlichen Moment. „Das ist das Lazy Cat Café,“ sagt er und zeigt mir eine bedruckte Stofftasche mit dem Logo, das eine gemütliche Katze mit einer dampfenden Tasse vor sich zeigt. „Das hat Marius Eder mit mir entworfen. Er hat mir geholfen, mein Konzept zu entwickeln,“ sagt Günni.

„Ich liebe die Stadt und will sie schöner machen“

Viel Arbeit hat der baldige Café-Chef investiert, hinter ihm liegen viele 18-Stunden-Tage: „Die Wände waren feucht und schimmlig – da musste der ganze Putz runter.“ Die Fensterrahmen wurden neu gestrichen, die kleine Toilette saniert. Der Boden mit den roten Fliesen durfte bleiben, die gefielen Günni, der bei der Neugestaltung den französischen Kaffeehausstil im Sinne hatte. Mit den vielen Pflanzen setzt Günni nicht nur grüne Akzente – „ich wollte damit auch an den alten Blumenladen erinnern,“ sagt er.

Erst die Cocktailbar, nun das Café – wie kommt’s? „Ich liebe die Stadt und ich will sie schöner machen,“ sagt Günni. Geplant war das alles nicht. Nach der Hauptschule hat er Bäcker gelernt, aus der Not heraus, wie er sagt, wegen schlechter Noten. Anfangs war das gar nicht Seins, mit 15 so bald aufstehen, Mehlsäcke schleppen, ganz schön hart arbeiten. „Das ging in die Knochen,“ sagt Günni. Dankbar ist er seinem Bäckermeister trotzdem. „Ich hab viel von ihm gelernt. Vor allem Bairisch.“ Günni lacht. Mit dem Bäckerleben hat er sich trotzdem nicht angefreundet. Nach der Lehre hat er bei seinem Papa auf dem Trockenbau gearbeitet, drei Jahre lang. Bis es so arg in der Schulter zwickte, dass nichts mehr ging. Gar nichts mehr.

„…dann ist das Cookies passiert“

Günni trinkt seinen Kaffee aus, denkt nach und nickt: „Dann hab ich mal ein Jahr gar nichts gemacht. Hab hier und da ausgeholfen und bei einem Freund in Landshut gewohnt. Der hat da studiert.“ So kam es, dass Günni Geschmack am Studentenleben fand. Er kam zurück ins Rottal, machte an der BOS die Aufnahmeprüfungen, schaffte sie und arbeitete nebenbei im Club Xaver. Plötzlich war er angehender Abiturient, plötzlich lebte er in Pfarrkirchen, der Stadt, die in seinen Augen immer schöner wurde. Ja und dann, „dann ist das Cookies passiert,“ sagt Günni.

Und wie passiert so ein Cookies einfach? Vorher hat die Location einem Spezl vom Vater gehört. Der Vater wollte das Ding übernehmen, wurde dann aber krank. „Der Support von meinem Dad war mir extrem wichtig,“ sagt Günni. Richtig gut lief es aber zunächst nicht: Günni brach sich den Daumen, fiel drei Monate in der Schule aus, bangte darum, überhaupt noch sein Abitur machen zu können – und dann war da eben das Cookies. Gute Musik und gute Cocktails hatte er im Sinn, als er die Bar im Oktober 2015 eröffnete. Bis in die Nacht hinein stand er hinter dem Tresen, schenkte aus und lernte nebenbei für sie Schule. Sogar geschlafen hat Günni im Cookies, wie er erzählt. Es lief trotzdem nicht.

Günni weiß, warum: „Ich hab mich für den Laden geschämt. Vorher war es eine Sportbar und eine Spielothek. Es hatte einen echt schlechten Ruf.“ Die Glanzzeiten des Alten Venezia waren vergessen und das Cookies mit seinen abgedunkelten Scheiben blieb vielen suspekt. Bis, ja, bis Günni nach seinem Abi in die Puschen kam. Nach und nach richtete er den Laden so ein, wie es ihm gefiel. Ein wichtiger Mentor war für ihn der Schachtl-Wirt: „Der Hannes hat mir immer gut zugeredet,“ sagt Günni dankbar. „Er hat meine Psyche stabilisiert.“

„Ich bin ein Hybrid“

Jetzt hatte der Cookies-Chef also sein Abi in der Tasche und konnte studieren, was er wollte. Also schrieb sich Günni für ein Marketing-Fernstudium ein, merkte aber bald, dass das so nix war. „Mir genügte die Freiheit zu wissen, dass ich studieren könnte, wenn ich denn wollte,“ sagt er. Sein Herz hing aber längst am Cookies, „also hab ich mich eben da reingehängt.“ Mittlerweile kamen auch die Studenten zu ihm. Und heute weiß er: „Der Zweck war richtig und wichtig. Ich wollte meiner Familie helfen, darum war mein Wille so stark. Es ist besser, wenn man was für andere macht. Ich war schon immer einer, der die Menschheit retten will.“ Günni lacht ein bisschen und erzählt die Geschichte von den Studenten weiter.

Da waren sie also, die Studenten des European Campus, einem Ableger der TH Deggendorf. Mittlerweile sind es über 500 junge Leute aus 60 Nationen. Und viele von ihnen gingen bei Günni ein und aus. Er hatte seinen Platz gefunden – als türkisch-stämmiger Bar-Chef mit Abitur unter Gleichgesinnten. „Im Cookies will ich das nicht, dieses Einordnen in Gruppen. Du bist das und Du bist das nicht – nein…“ Er schüttelt den Kopf, erinnert sich an die Zeit, in der er mit seinem Türkischsein zu kämpfen hatte. Da war seine Familie und da die Außenwelt. Das Loyalsein und das Dazugehörenwollen. „Ich bin ein Hybrid,“ sagt Günni ernst. „Ich kann vermitteln zwischen Einheimischen und Ausheimischen.“ Die Bar hat ihn charakterlich geformt, wie er sagt. Er ist gelassener geworden und stresst sich nicht mehr so leicht.

„Gastronomie fördert die Kommunikation“

Dazu beigetragen haben auch die Bücher. Psychologie, Persönlichkeitsentwicklung, Marketing – all das interessiert den Bar- und Café-Chef. Durch die Lektüre hat er sich selbst ein wenig gefunden. Jetzt weiß er, dass ihm das Kreative liegt, „aber ich hab’s erst nicht realisiert. Das hat keiner gesehen.“ Ein Wert, der in einer funktionalen Gesellschaft unterschätzt ist. Und weil alle immer nur am Rödeln sind und die restliche Zeit ins Smartphone glotzen, bleibt auch die Kommunikation auf der Strecke, wie Günni sagt. Ihn nervt das, wenn im Cookies alle zusammensitzen und dann doch ein jeder ins Smartphone schaut. Darum hat er auf die Getränkekarten „Let’s talk!“ geschrieben – mit Fragen, die ein Gespräch in Gang bringen könnten. Zumindest ein Blickfang ist es, manchmal klappt’s sogar.

Günni ist jetzt ganz in seinem Element. Er macht sich noch einen Kaffee – „Ich bin bekennender Kaffeejunkie.“ – und spricht über den Wert der Gastronomie in einer Stadt. „Hier können die Leute zusammen kommen. Dadurch wird in einer Stadt ein Miteinander erst möglich. Wenn es mehr Angebot gibt, wird das Leben für junge Leute viel lebenswerter.“ Ein ausgewogenes Angebot an Möglichkeiten, sich wo reinzusetzen, Leute zu treffen, zu plaudern – oder auch einfach nur ein Buch oder eine Zeitung zu lesen. Das fördert Geselligkeit, das erhöht den Lebenswert. Da ist sich Günni sicher.

„Pfarrkirchen sollte sich für das Neue öffnen“

Die Leute aus seinem Abiturjahrgang sind alle weggezogen – ob sie wiederkommen, hängt auch stark davon ab, was ihnen die Kleinstadt auf dem Land bieten kann. „In Pfarrkirchen gibt es viele kreative Leute – die haben es hier aber nicht so leicht,“ bedauert Günni. Nebenbei erwähnt er den ausdauernden Ideengeber Tobias Hanig, der ihn motiviert hat, etwas zum Stadtleben beizutragen. Er sinniert weiter: „Am Stadtmarketing könnte man ein wenig feilen. Und es wäre ganz einfach – die Tourismus-Studenten sind ja vor Ort, sie sind motiviert und haben Ideen.“ Günni gibt sich die Antwort selbst: „Pfarrkirchen sollte sich für das Neue öffnen, damit Frische in die Stadt kommt.“

Ungewohnt und neu hingegen schaut es einen Tag nach der Eröffnung aus im Lazy Cat Café. Die Tür steht offen, das Fenster ist nicht mehr zugeklebt, die Bilderrahmen sind bestückt mit noblen Katzen und grünen Pflanzen. An den Tischen draußen sitzen Gäste in der Sonne. Vor dem Tresen steht eine kleine Schlange. Und die Auslage ist prall gefüllt mit Getränken, einer Auswahl an Bagels und süßem Gebäck. Günni und sein Kollege haben gut zu tun: Sie brühen Kaffee auf, belegen weitere Bagels, überprüfen gleichzeitig, was nachgekauft werden muss. Die getöpferten Tassen und den feinen Lazy-Cat-Kaffee gibt’s auch zu kaufen. Günni ist noch ein wenig nervös: „Die Eröffnung ist super gelaufen – die Leute sind bis zur Straße angestanden. Mal schauen, wie es weitergeht.“

Karl-Heinz und Moe – Günnis Lazy Cats

Günni verabschiedet sich von seiner Freundin Dani, sie muss zur Arbeit. Dani hat ihn kräftig unterstützt. Sie hat unter anderem die Farben im Café ausgewählt. Mit ihr wohnt er in Pfarrkirchen und da sind noch zwei Mitbewohner, die für die Namensgebung verantwortlich sind: Die Katzen Karl-Heinz und Moe. „Karl-Heinz hat mein Bäckerschef geheißen. Und Mo ist halt Moe von den Simpsons. Der kann faul sein, aber auch ziemlich aufgedreht.“ Darum also „Lazy Cat“. Weil man da schön faul und gemütlich sein kann. Und weil einen vielleicht die anderen Leute und ganz sicher der gute Kaffee ein wenig aufdrehen.

Lazy Cat Coffeehouse

Taylan Güner

Anschrift: Bahnhofsstraße 16c
84347 Pfarrkirchen

2 Kommentare

  1. Im Lazy cat hab ich mich sehr wohl gefühlt.
    Drinnen ist es gemütlich und schön zugleich und draußen erlebte ich einen ganz eigenen Blick auf eine Ecke Pfarrkirchens. Es ist ein Platz zum Schauen und Verweilen. Ich bin ja Teetrinkerin und obwohl es Beuteltee war, schmeckte er gut und ich komme auf jeden Fall wieder!

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