Hannes Höchsmann und seine Fotos: Die Inszenierung der sinnlichen Melancholie

Die einstige Druckerei im Eggenfeldner Gartenweg verrät auf den ersten Blick nicht, was heute drinnen vor sich geht. Hier hat sich kreatives Handwerk versammelt: Das Tattoo-Studio The Stooo, in dem sich der geneigte Kunde auch die Haare und Nägel schön machen lassen kann. Und Hannes Höchsmann, dessen Reich leicht verborgen hinter der Gemeinschaftsküche liegt. Wer die Tür hinter sich schließt, bleibt zunächst staunend stehen: So also kann ein Fotostudio auch aussehen…

„Ich bin melancholisch, ruhig, kein Partytier“

Das gemütliches Kanapee, Decken, Polster, viele Lampen und Lämpchen, antiquarische Möbel, der alte Fernseher, die Musiktruhe, der flauschige Teppich, große Bilder, die Gitarren, der dunkle Boden, die petrolblaue Wand ganz hinten – und freilich jede Menge Fotografen-Werkzeug. Der große Raum wirkt so harmonisch und gemütlich, dass die Nervosität vor einem Fototermin geschwind weicht und sich Entspannung breitmacht.

Denn das ist der Deal: ich portraitiere Hannes – und er mich. Ich hauptsächlich mit Worten – er mit Fotos. Alles an einem Tag. Erst ist Hannes dran. Jetzt wird geredet. Das Chi-Chi-Chi stimmt gleich, wir kommen locker ins Gespräch und Hannes erzählt so wild drauf los, dass kaum zu glauben ist, wofür er sich eigentlich hält: für introvertiert. „Ich bin melancholisch, ruhig, kein Partytier. Vor meiner fotografischen Zeit war ich immer der Fahrer, der Ruhige. Ich hab auch noch nie eine Frau angesprochen. In der Gruppe bin ich der Zurückgezogene. Zu zweit ist das anders. Und auf der Bühne war das auch anders.“

„Diese Erlebnisse verbinden auf ewig“

Auf der Bühne stand Hannes mit der Band The Rudes. Mit seinen Freunden ist er ganz schön rumgekommen, die Touren gingen durch ganz Deutschland und Österreich. Innerhalb von zehn Bandjahren gab’s zwei Studioalben, dazu TV- und Radioauftritte. Selbst FM4 hat The Rudes gespielt. 2012 hat sich die Band aufgelöst, „weil wir alt geworden sind.“ Einer ging nach Australien, einer auf die Technikerschule, einer spielte lieber Fußball und einer wurde Papa. Nur Hannes, der Leadgitarrist, hätte gern weitergemacht. Mittlerweile ist die Band schon fünf Jahre lang Geschichte und die Jungs sind wie gehabt beste Freunde. „Diese Erlebnisse verbinden auf ewig,“ sagt Hannes mit nostalgischer Leidenschaft.

„Beim Abschiedskonzert im Bogaloo hab ich geweint.“ Damals war die Hütte voll. Und auch das einzige „Kein-Reunion-Konzert“ im Dezember 2016 war blitzschnell ausverkauft. „Auf der Bühne war ich immer ein Hampelmann. Ich hab mich auf die Knie geschmissen und war schon sehr wild,“ sagt er und lacht. Gern hätte er wieder eine eigene Band, „aber gscheid, mit Songs, Konzerten und Alben.“ Ob er überhaupt die Zeit dafür hätte, steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

„Die Firma ist meine Family“

Denn das Fotostudio ist keinesfalls der Ort, wo sich der 32-Jährige hauptberuflich aufhält. Die Pfarrkirchner Buchbinderei Conzella ist sein erster Brötchengeber – und mehr als nur das. „Die Firma ist meine Family,“ sagt Hannes und zündet sich eine Zigarette an. „Der Job macht mir seit zwölf Jahren Spaß, ich geh gern hin. Freilich verdiene ich nicht das Mega-Geld damit, aber das war ja klar.“ Nicht klar war hingegen, dass Hannes zum Buchbinder mutieren sollte. Er ist gelernter Maschinenbaumechaniker. Nach dem Zivildienst wusste er nicht, wohin mit sich. Durch die Tante, die bei Conzella arbeitet, ist er „hineingeschlittert“. Gelernt hat er den Buchbinderberuf nicht, ein Kennst-Di-aus hat er aber nach so einer langen Zeit in der Produktions- und Qualitätskontrolle voll und ganz.

Da ist also diese Buchbinderei mitten in der Kreisstadt – und was geschieht dort? Werden da am Ende die besten Bestseller zu Papier gebracht? „Wir sind eine Industriebuchbinderei und drucken alles. Bildbände, Schulbücher, Kunstbände, Romane, Fach- und Kochbücher. Und den Otto-Katalog.“ Bestseller? „Ja. Kennst Du ‚Schlank im Schlaf?‘,“ fragt Hannes. Schon gehört, steht aber nicht in meinem Regal. „Davon haben wir eine Million Exemplare aufgebunden.“

Hochzeiten: 17-Stunden-Reportagen

Eine Million ist eine Menge. Ob Hannes auch schon so oft auf den Auflöser gedrückt hat? Da kann man nur spekulieren… Er macht sich ein Bier auf, ich bleibe beim Wasser (was ich später etwas bereue). Zur Fotografie ist Hannes durch Zufall gekommen, wie er sagt. Das Interesse dafür war seit der Kindheit da, in der Band war er für Bild, Grafik und Videos verantwortlich. Als sich The Rudes auflösten, kaufte er sich – vielleicht zum Trost? – eine Kamera. „Das war der Startschuss,“ sagt er. „Das Künstlerische macht mir einfach Spaß. Zuerst war es das Songschreiben und die Eigeninterpretationen beim Spielen, dann eben die Fotografie.“

Mittlerweile ist das Studio seine zweite Heimat. Seine Wohnung in Pfarrkirchen braucht er oft nur zum Schlafen. „Ich hab das die letzten Jahre sehr intensiv gemacht. Jeden Tag hab ich mit der Fotografie zu tun – Termine, Buchhaltung, Nachbearbeitung, Inspirationen, Technisches.“ Im Sommer kommen viele Hochzeiten dazu. Hannes ist derart ausgebucht, dass er für 2018 keine Hochzeitsaufträge mehr annimmt, wie seine Homepage verrät. Eine Hochzeit ist für ihn eine 17-Stunden-Reportage. Vom frühmorgendlichen Ankleiden bis zur mitternächtlichen Party ist Hannes dabei. Und danach kommt die Bearbeitung. Fast jedes Wochenende war Hannes heuer in der warmen Jahreszeit unterwegs. „Der Sommer war schon sehr anstrengend,“ sagt er. „Danach bin ich etwas runter vom Gas, bevor es jetzt schon wieder auf Weihnachten zugeht.“

Katzen, Blumen, Sonnenuntergänge?

Dann kommen die Mädels, die ihren Freunden hübsche Bilder unter den Christbaum legen wollen. Und dann kommen schon die Vorbereitungen aufs neue Jahr. Sein kleingewerbliches Hobby mit der Schichtarbeit in der Buchbinderei zu verknüpfen, verlangt Hannes viel ab. „Meine Freunde leiden schon sehr drunter,“ weiß er. „Im nächsten Jahr möchte ich an meinem Zeitmanagement arbeiten.“

Die Leidenschaft treibt ihn aber an – und lässt ihn Höchstleistungen erbringen. Seine Fotos zeigen ein Innehalten. Mit selbstvergessenen Blicken schauen die Frauen in die Kamera oder verträumt daneben vorbei. Hannes versteht sich bestens darauf, eine sinnliche Melancholie zu inszenieren. Und das, obwohl er zunächst „Katzen und Blumen“ fotografiert hat. Das behauptet er zwinkernden Auges. Fehlten grad noch die Sonnenuntergänge.

Als Clubfotograf war er einst im Platinum unterwegs. Schnell hat er sich einen Namen gemacht, „weil ich ein wenig anders fotografiert habe als die Leute auf den Partyseiten.“ Irgendwann wurde Hannes im Club gesiezt. „Da wusste ich, dass ich zu alt bin und aufhören muss,“ sagt er und lacht. Es war Zeit, sich ein eigenes Studio zu suchen. Erst war das der Bandproberaum und schließlich der große Raum in Eggenfelden.

„Ich mag den Auslöserton“

Noch ein letztes Wort zur Theorie, dann wird Hannes die Regie übernehmen. Ein bisschen nervös macht mich der Gedanke schon. „Beim Fotografieren mag ich den Moment. Und den Auslöserton. Ich drück einfach gern drauf,“ sagt er und lächelt. Faszinierend findet er die unterschiedlichen Charaktere und die Frage, die zunächst immer im Raum steht: Versteht man sich auf Anhieb gut – oder braucht es eine Warmlaufzeit? Ganz selten ist ihm bisher letzteres passiert. „Kommunikation ist ein wichtiges Element. Und Smalltalk löst die Aufregung.“

Hannes will, dass nicht nur dem Kunden die Fotos gefallen, sondern auch ihm selbst. Und er fotografiert nicht nur Privatpersonen, sondern auch für Unternehmen. Dann stehen echte Models vor seiner Kamera, „und dann erwarte ich schon Professionalität.“ Neulich hatte er ein Shooting für eine große Firma. Er musste selbst zehn Models organisieren, Requisiten kaufen, „alles gleichzeitig machen. Der Kunde war vor Ort, der Termin hat von acht bis 21 Uhr gedauert, ich hab nichts gegessen und getrunken. Das war krass.“  Und dennoch: Hannes mag es schon, das Stressige, das Herausfordernde.

„Ausstrahlung ist schön“

Was auf seiner Homepage zu sehen ist, ist nur ein Bruchteil dessen, was er bereits fotografiert hat. „Der Großteil ist für die Nichtöffentlichkeit,“ sagt Hannes. Zu ihm kommen hauptsächlich junge Frauen zwischen 18 und 25 Jahren, seltener Männer. „Viele wollen fotografiert werden, weil sie ihren Körper jetzt gut finden und Fotos für Facebook und Instagram wollen,“ mutmaßt er. „Das trifft auf Frauen und Männer zu.“ Da tauchen noch drei Fragen auf: Wie sieht er das aktuelle Frauenbild? Und was ist eigentlich Schönheit? Und was ein gutes Foto? Puh, das Frauenbild. Hannes überlegt. „Problematisch. Oft wollen sich die Frauen viel zu pornografisch präsentieren.“ Das macht er nicht mit. Bei Hannes bleiben die Höschen oben.

Und was ist nun schön? „Jeder Mensch ist auf seine Art schön,“ sagt Hannes. „Ausstrahlung ist schön. Alles Körperliche ist zweitrangig.“ Wobei, ganz so stimmt das  auch nicht. Er überlegt: „Große Augen, volle Lippen, breitere Augenbrauen, hohe Wangenknochen und eine schmälere Figur mit richtigen Rundungen – das ist das allgemeine Schönheitsbild und dem stimme auch ich zu.“ Und dennoch: „Wenn charakterlich nichts rüberkommt, hilft die ganze Optik nicht.“

Und was macht ein gutes Foto aus? Hannes raucht noch eine, überlegt. „Wenn alles harmoniert.“ Konkreter? „Schwierig. Früher dachte ich: Wenn das Bild scharf ist. Das ist eine Fotografenkrankheit. Der Blick und die Atmosphäre müssen stimmen, das ist wichtig,“ sagt Hannes. „Und der Bildschnitt und das Licht.“ Er fotografiert immer schwarz-weiß. „Farben lenken ab,“ sagt er. „Und schwarz-weiß sieht kleinere ‚Makel‘ nicht.“ Wie steht’s mit der Nachbearbeitung via Photoshop? „Damit hole ich nur das Letzte raus – wenn überhaupt. Manchmal nehme ich sie direkt von der Kamara. Ein bissl aufpeppen ist ok. Mehr nicht. Das hat nichts mit Fotografie zu tun.“ Ich denke an die Fotos, die ich von Hannes kenne. Da ist ein Künstler am Werk.

Ich werde gesehen…

Nun aber… Regiewechsel. Was ich für Musik gern höre? Nenn es Indie. Und dann stehe ich da und weiß nicht, wie ich schauen soll, wie ich stehen soll und mein Herz klopft. Ich habe kein Gefühl dafür, wie ich aussehe. Gerade noch hatte ich die Fäden in der Hand, schon entgleiten sie mir komplett. Der Fokus liegt auf mir und Hannes steht mit der Kamera vor mir. „Ganz normal,“ sagt er und lächelt. Wir sind noch die Gleichen – und das Chi-Chi-Chi? Ich fühl es nicht mehr. Das ist was anderes, als schnell mal einen Selfie zu machen. Ich. Werde. Gesehen.

„Die Haare nach vorne. Den Kopf ein bissl nach links. Das andere Links. Den Blick nach unten. Jetzt nochmal zu mir. Rücken durchstrecken. Lippen locker. Bleib ganz genau so.“ Hannes weiß, was er sehen will. Ich folge seinen Anweisungen und spüre langsam, was er mit seinem Fotografenauge bereits sieht. Ich wechsle Pullis und Kleider, schüttle die Haare nach links, rechts, nach vorn und nach hinten. Ich senke die Augen und schaue geradeaus. Denke an ziemlich schöne Sachen, Menschen, Situationen. Und versuche gleichzeitig, bei mir zu bleiben. Ich denke zu viel.

„Fertig“ – „Was, schon?“

Hannes fotografiert, weist mich an, probiert Positionen aus und komponiert die Fotos immer wieder neu. Er stellt den Ventilator an, mein Haar weht schön im Wind. Sie ist ein Model und sie sieht gut aus? Er rückt den enormen Lichtschirm herum. Zwischenzeitlich leuchte ich mich selbst mit aus. Ich stehe an der Wand, verstecke mich hinter einem Vorhang, sitze am Tisch und lehne an der Couch. Die Musik läuft im Hintergrund. Ich verknote die Beine, verschränke die Arme und lockere immer wieder die Lippen. Und ich merke es, wenn ich wieder mal zwinkere, als Hannes den Auslöser drückt. Er selbst ist ganz konzentriert. Das ist harte Arbeit! Für ihn und für mich.

Und dann sagt er: „Fertig.“ Und ich denke: „Was, schon?“ Wir ratschen noch ein wenig, draußen ist es schon dunkel. Fast fünf Stunden waren wir in seinem Studio. Danach plagen mich grobe Zweifel. Was war da nur mit mir los…? Bis eines Tages eine Nachricht aufploppt: „Ich hab da was für Dich.“ Und der Link zur Datei. Ich öffne sie, abends, in Ruhe, ich allein. Und dann sehe ich mich. Das bin ich also. Hello. Hannes, Du bist ein Künstler.

Und das sind Hannes‘ Kunstwerke:

Hannes Höchsmann

Telefon: 0151-51074641
Anschrift: Gartenweg 6
84307 Eggenfelden

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