Inge Hitzenberger: LEADER-Managerin und Kulturfreundin

Der Lockdown hat den Landkreis Rottal-Inn fest im Griff. Im Landratsamt halten die Beschäftigten die Stellung, das alltägliche Leben geht ja weiter. Und irgendwann werden auch wieder Aktivitäten möglich sein, so viel ist sicher. Auf diese Zeit hofft auch Inge Hitzenberger. Die 59-Jährige ist die LEADER-Managerin für den Landkreis. Ihr Büro hat sie im Sparkassengebäude in der Bahnhofstraße, wo die gesamte Kreisentwicklung ansässig ist. Und entwickelt hat sich so Manches, seit Inge Hitzenberger 2013 ihren Posten im Landkreis Rottal-Inn angetreten hat…

In sieben Jahren wurden mit dem LEADER-Budget der Region 25 Projekte gefördert. Was förderfähig – und was LEADER überhaupt ist, das erklärt Inge Hitzenberger in verständlichen Worten mit spürbarer Leidenschaft: “LEADER ist ein EU-Förderprogramm der Regionalentwicklung. Der Gedanke dahinter ist, dass jede Region die für sie passende Entwicklung finden soll.” Der Begriff hat nichts mit dem englischen Wort für Anführer*in, Leiter*in zu tun, sondern ist eine Abkürzung aus dem Französischen und bedeutet “Liaison entre actions de développement de l’économie rurale”, zu deutsch “Verbindung zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft”.

Vier große Entwicklungsziele als Voraussetzung

Inge Hitzenberger spricht die französischen Worte aus, als wäre dies ihre Muttersprache – doch dazu später. Nun also, wie läuft das mit der LEADER-Förderung? Zunächst einmal muss sich ein Landkreis bewerben, um LEADER-Region werden zu können. Nach der Bewilligung werden EU-Gelder zur Verfügung gestellt, jede Region bekommt ein Budget von zwei Millionen Euro, das innerhalb einer Förderperiode von sieben Jahren verbraucht werden kann.

“Unser Budget ist jetzt erschöpft, aber bayernweit gibt es noch Gelder, die wir nach Bedarf beantragen können,” sagt Inge Hitzenberger. Die aktuelle Förderperiode wurde soeben bis 2022 verlängert, danach kann die LEADER-Region ihren Status “fortschreiben”, also die bestehende Entwicklungsstrategie aktualisieren. Die Chancen stehen recht gut, dass die nächsten sieben Jahre bewilligt werden, vor allem dann, wenn sich nachweislich so viel Gutes getan hat.

Und ganz konkret? Wie läuft das nun, wenn ich eine Idee habe und den LEADER-Topf anzapfen möchte? Inge Hitzenbergers Augen lächeln über der Maske: “In Bayern ist das Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten der Koordinator. Jede LEADER-Region hat so genannte Lokale Aktionsgruppen, die LAGs. Das sind Vereine, in denen jeder Mitglied sein kann. Es gibt einen Steuerkreis aus fünf kommunalen Vertretern und zehn Vertretern aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, die über die beantragten Projekte entscheiden. Bewilligt wird das Ganze am Ende von der Landwirtschaftsverwaltung, die bei uns in Regen sitzt.” Damit ein Projekt bewilligt wird, muss es den vier großen Entwicklungszielen entsprechen, die da lauten: Natürliche Ressourcen, attraktive Orte, Bildung und Fachkräfte sowie regionale Identität.

“Es geht um Bürgerbeteiligung und um Vernetzung”

Rudolf Huber-Wilkoff: Mückenland. Malerei und Siebdruck auf Aluminiumblech, 2009 (Foto: Huber-Wilkoff)

“Für so simple Dinge wie ein Vereinsheim sind die Fördergelder nicht gedacht. Da muss eine eigene, innovative Idee dahinterstecken, auch wenn das Rad deshalb nicht neu erfunden werden muss,” sagt Inge Hitzenberger. “Es geht um Bürgerbeteiligung und um Vernetzung zwischen Menschen, die etwas bewegen wollen.” Ein wichtiger Teil von LEADER ist das Programm Bürgerengagement, ein Kleinprogramm, um Ideen bis zu 2.500 Euro zu unterstützen. “Hier wurden in den sieben Jahren zusätzlich 18 Kleinprojekte gefördert,” sagt Inge Hitzenberger.

Förderfähig sind auch Projekte mit Gewinnerzielungsabsicht, also Ideen, mit denen der Einfallsreiche am Ende Geld verdienen möchte – “dann aber mit einem niedrigerem Fördersatz,” sagt Inge Hitzenberger. Als Beispiele nennt sie Dorfläden oder Hofcafés – und ganz konkret das Kletterzentrum in Simbach am Inn.

Die Expertin auf dem Gebiet bedauert: “Leider hat sich LEADER zu einem bürokratischen Monster entwickelt. Wer einen Antrag stellt, muss von Anfang an jeden noch so winzigen Posten finanziell kalkulieren. Nur so ist eine Genehmigung möglich.” Dass sich Projekte während der Umsetzung entwickeln, ist eine natürliche Sache – kann aber im Rahmen der Förderung nicht berücksichtigt werden. Das macht das Ganze unflexibel. Die Gründe liegen unter anderem darin, dass mit den bürokratischen Hürden Korruption vermieden werden soll.

Verbundausstellung “Landschaftsmalerei an Rott und Inn”

Benedikt Marnier, o. T. Wohl Mischtechnik mit Öl auf Leinwand, datiert 19.4.85. (Foto: Gemeinde Ering)

Inge Hitzenberger zuckt mit den Schultern. Sie ist so drin im Thema, dass sie diese Hürden kennt und die Antragsteller*innen dementsprechend unterstützen kann. Wenn nicht gerade Corona-Zeit ist, in der sich das Bürgerengagement ein wenig schlafen gelegt hat. Sie selbst schläft nicht, überarbeitet im Moment die Homepage.

Normalerweise hat sie keinen ausschließlichen Bürojob, sondern ist viel unterwegs bei den Projekten, trifft niederbayerische Kollegen zum Austausch, vernetzt sich mit anderen deutschen und europäischen LEADER-Regionen. Die Pandemie gibt der Digitalisierung einen ordentlichen Schubs, “aber der Umstieg fällt manchen sehr schwer.”

Die LEADER-Managerin öffnet das Fenster, um Frischluft hereinzulassen und beginnt, beispielhaft von einem großen Projekt zu erzählen, das zu 70 Prozent unterstützt wird und einen erhöhten Fördersatz genießt, da der Nachbarlandkreis Passau mit im Boot ist. Das Projekt “Landschaftsmalerei an Rott und Inn” liegt Inge Hitzenberger deshalb besonders am Herzen, da sie sich als kunst- und kulturaffin bezeichnet – warum, auch dazu später… Nun, das Projekt ist eine Verbundausstellung, die an zehn Orten 19 Ausstellungen zeigt. Alle haben die Landschaft an Rott und Inn im Fokus, die mittels Gemälden, Fotografien oder Installationen abgebildet wird.

“Zeigen, wie vielfältig die Kulturszene ist”

Bernd Stöcker: Rosen im Schnee. Linolschnitt, 2006 (Foto: Stöcker)

Was der glückliche Bewohner tagtäglich vor Augen hat, nämlich Felder, Wälder, Wiesen, kleine Städte und Dörfer, Einöden, Hügel und hin und wieder einen Blick in die Alpen, schaut sich mit den Augen der Künstler nochmal ganz anders an. Und dann kommt es freilich auch darauf an, an welchem Ort diese persönlichen Sichtweisen der Rottaler Landschaft gezeigt werden. “Der Hintergedanke war, die Ausstellungsräume und Kulturzentren im Landkreis in Kontakt zueinander zu bringen und dem Besucher zu zeigen, wie vielfältig die Kulturszene hier eigentlich ist,” sagt Inge Hitzenberger.

Ja, eigentlich. Eigentlich aus einem übergeordnetem und einem darunterliegendem Grund. Über allem schwebt das Große C, das uns aktuell nirgends hinlässt. Und darunter liegt die Bereitschaft von Dir und mir – der Wille und die Tat, ein kulturelles Angebot anzunehmen. Inge Hitzenberger ist sich sicher: “Wenn wir eine lebendige Kunst- und Kulturszene wollen, müssen wir zeigen, was schon da ist. Und daraus kann dann wiederum Neues entstehen.” Die Idee zu dieser besonderen Ausstellungsreihe hatte der Kulturbeauftragte des Landkreises, Ludger Drost, die Kuratorin des Gesamtkonzepts ist Kunsthistorikerin Andrea Schilz.

“Hoffen, dass die Reihe im Frühjahr fortgeführt werden kann”

Wie geht man an so ein Projekt heran? Man schaut, welche Orte es gibt, man wählt, welche Künstler ausgestellt werden sollen, man überlegt, wie das große Projekt-Thema “Landschaftsmalerei an Rott und Inn” aufbereitet werden kann. “Andrea Schilz hat mit den Themengruppen für die Besucher Zusammenhänge geschafft,” sagt Inge Hitzenberger. So lauten die fünf Schwerpunkte:

Stubenberg (Kirche). Öl, 1958 (Foto: Landkreis Rottal-Inn, Georg Thuringer)

  • Zeit und Raum – Landschaftsinterpretationen durch die Zeiten
  • Nähe und Ferne – Nah-Aufnahmen, Einflüsse von Fern, Innensicht
  • Stoff und Gedanke – Beschaffenheit und Intellekt, Transformation
  • Chronik und Kritik – Wahrnehmung der Umwelt, früher und heute
  • Blick und Idee – Landschaftsmalerei und -fotografie, historisch und modern

Von Ering am Inn über Simbach, Wurmannsquick, Massing, Eggenfelden, Kottigstelzham, Pfarrkirchen, Triftern bis nach Birnbach und Kößlarn werden die Besucher durchs ganze Rott- und Inntal geführt. “Wir konnten die Ausstellungsreihe vor dem zweiten Lockdown starten und hoffen, dass sie in diesem Jahr fortgeführt werden kann,” sagt Inge Hitzenberger. Sie schließt das Fenster, setzt sich wieder an ihren Schreibtisch.

“Das war ganz schön naiv”

Karl-Heinz Brecheis: Lage derzeit. Kolorierte Zeichnung, 2020 (Foto: Brecheis)

Und wie wird man überhaupt LEADER-Managerin? Die Augen der 59-Jährigen schmunzeln. Nein, das wird man natürlich nicht einfach so – wie so vieles im Leben hat sich die Aufgabe ergeben. Inge Hitzenberger hat nach dem Abitur Kulturwissenschaft und Romanistik in Passau, Tübingen und Frankreich studiert – daher also der perfekte französische Zungenschlag. In Tübingen hat sie anschließend freiberuflich Ausstellungen für’s Heimatmuseum konzipiert, bevor sie 1990 mit ihrem Mann und den zwei Kindern wieder zurück ins Rottal zog: “Das war ganz schön naiv und ich hab mir das Ganze leichter vorgestellt, als es war. Es gab keine bezahlten Stellen für meine Qualifikationen.”

Also arbeitete Inge Hitzenberger wieder als Freie, nahm Aufträge für’s Freilichtmuseum Massing an und kam dadurch schließlich auf die Sammlung des Arnstorfer Wanderfotografen Gollwitzer, der über 50.000 Glasplatten-Fotografien hinterlassen hatte. Sie wurde beauftragt, diese Platten zu digitalisieren, zu strukturieren und systematisch zu archivieren. Da nirgendwo Informationen vermerkt waren, ist die Sammlung bis heute ein nicht vollständig gehobener historischer Schatz der Region. Aus den Bildern schuf Inge Hitzenberger ein Buch, das heute leider vergriffen ist.

“Das ist kein Verwaltungsjob”

Nebenbei unterrichtete sie an der VHS Französisch und Deutsch als Fremdsprache, dann in der Berufsvorbereitung für Jugendliche ohne Hauptschulabschluss. So verhalf sie vielen Migranten – damals russischen Spätaussiedlern sowie Ex-Jugoslawen – Fuß zu fassen. “Das war eine spannende, abwechslungsreiche und herausfordernde Zeit,” sagt Inge Hitzenberger. Schließlich stolperte sie über ein Stellenangebot der XperRegio und bekam die Leitung der Geschäftsstelle in Arnstorf: “Das war 2009 und damit begann mein Weg in der Regionalentwicklung. Damals war der Landkreis noch keine LEADER-Region.” Nach vier Jahren holte sie Landrat Michael Fahmüller in die Kreisentwicklungsabteilung nach Pfarrkirchen, wo sie die Entwicklungsstrategie für LEADER ausarbeitete. Seit 2013 ist sie nun LEADER-Managerin.

“Das ist kein Verwaltungsjob und sehr abwechslungsreich. Ich lebe davon, mit Akteuren zu arbeiten, Ideen zu unterstützen, aber auch zu schaffen. Dazu bin ich Ansprechpartnerin für Kommunen und gebe Impulse an andere Regionen weiter,” sagt Inge Hitzenberger über ihre Arbeit. Sie klingt begeistert und es ist ihr anzumerken, dass sie gern mehr machen würde – geht halt aber grade nicht. “Momentan ist es mir wirklich ein wenig zu ruhig,” gibt sie zu. “Trotzdem gibt es was zu tun: Ich kümmere mich um die Internetseite und eine Broschüre zu LEADER, bereite die nächste Förderperiode vor und evaluiere die vergangene.” So verabschiedet sie sich, holt sich einen Kaffee, um sich wieder der Bildschirmarbeit zu widmen. Die Zeit draußen direkt bei Menschen und Projekten – sie kommt gewiss wieder.


Ausstellungen des ersten Halbjahrs 2021:

Nähe und Ferne (Nah-Aufnahmen, Einflüsse von Fern, Innensicht):
1. April – 30. Juni 2021, Ering, Rathaus: Benedikt Marnier
1. April – 30. Juni 2021, Bad Birnbach, Artrium: Josef Karl Nerud – Ferne
30. April – 25. Juni 2021, Simbach am Inn, Heimatmuseum: Josef Karl Nerud – Nähe
1. Mai – 30. Mai 2021, Triftern, Alte Post: nah und doch fern

Chronik und Kritik (Wahrnehmung der Umwelt, früher und heute):
1. April – 31. Oktober 2021, Kößlarn, Kirchenmuseum: Georg Thumbach
13. Juni – 3. Oktober 2021: Simbach am Inn, Museum Zollhaus: Karl-Heinz Brecheis

Blick und Idee (Motive der Landschaftsmalerei und -fotografie):
1. Mai – 30. Mai 2021, Kottigstelzham, Schauraum K3: Landschafts-Visionen

Stoff und Gedanke (Beschaffenheit und Intellekt, Transformation):
15. Mai – 12. Juni 2021, Pfarrkirchen, Glasbau e.V.: Feld – Wald – Rollrasen

Eine chronologische Übersicht: 

1. April – 30. Juni 2021, Ering, Rathaus: Benedikt Marnier [Nähe und Ferne]
1. April – 30. Juni 2021, Bad Birnbach, Artrium: Josef Karl Nerud – Ferne [Nähe und Ferne]
1. April – 31. Oktober 2021, Kößlarn, Kirchenmuseum: Georg Thumbach [Chronik und Kritik]
30. April – 25. Juni 2021, Simbach am Inn, Heimatmuseum: Josef Karl Nerud – Nähe [Nähe und Ferne]
15. Mai – 12. Juni 2021, Pfarrkirchen, Glasbau e.V.: Feld – Wald – Rollrasen [Stoff und Gedanke]
1. Mai – 30. Mai 2021, Triftern, Alte Post – Haus für zeitgenössische Kunst: nah und doch fern [Nähe und Ferne]
1. Mai – 30. Mai 2021, Kottigstelzham, Schauraum K3: Landschafts-Visionen [Blick und Idee]
13. Juni – 3. Oktober 2021, Simbach am Inn, Museum Zollhaus: Karl-Heinz Brecheis [Chronik und Kritik]
1. Juni – 31. Oktober 2021, Massing, Freilichtmuseum: Haus, Mensch und Landschaft [Blick und Idee]
16. Juli – 15. August 2021, Pfarrkirchen, Glasbau e.V.: Sediment im Zweistromland [Stoff und Gedanke]
29. August – 24. Oktober 2021, Eggenfelden, Prühmühle: Carlo Schellemann [Chronik und Kritik]
3. September – 31. Oktober 2021, Triftern, Alte Post – Haus für zeitgenössische Kunst: Martin van Bracht [Blick und Idee]
4. September – 31. Oktober 2021, Kottigstelzham, Schauraum K3: Phantasie-Landschaften [Blick und Idee]
11. Oktober – 10. Dezember 2021, Eggenfelden, Schloßökonomie Gern/Gotischer Kasten: Landschaftsmalerei Oberes Rottal [Zeit und Raum]
15. Oktober – 5. November 2021, Glasbau e.V.: ZOOM – ROTTAL-INN [Stoff und Gedanke]
14. Januar – 13. Februar 2022, Wurmannsquick, Alte Schule (Bürgertreff): Franz Xaver Zattler [Chronik und Kritik]
1. März – 22. März 2022, Pfarrkirchen, Glasbau e.V.: Die Rott, 10 x 1 Landschaft [Stoff und Gedanke]

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Hier gibt’s weitere Infos…

Landratsamt Rottal-Inn - LEADER

Inge Hitzenberger

Telefon: 08561-20-195
Anschrift: Ringstraße 4-7
84347 Pfarrkirchen

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