Lukas Reiner: Der Straßenmusiker aus San Marino

Dunkel war’s schon, als ich auf der Pfarrkirchner Kunst- und Museumsnacht vor drei Jahren am Stadtmauerturm am Marienplatz vorbeispazierte, stehen blieb und zuhörte. Da stand Lukas Reiner mit seiner Gitarre, vor sich den Instrumentenkoffer aufgeklappt, der rote Samt schimmerte, die Münzen glänzten und er spielte zarte Lieder mit schönen Texten. Ich blieb länger und genoss den Zauber, den diese Nacht mit einem Mal hatte. Daran erinnerte ich mich noch so lange, bis ich Lukas eine Nachricht schrieb und wir uns im Sommer in den Rottauen trafen…

Lukas hat eine längere Anfahrt hinter sich. Er lebt seit einem knappen Jahr mit seiner Freundin und seiner kleinen Tochter im Zwergenstaat San Marino und lernt Italienisch. Gebürtig ist er kein Rottaler, sondern Münchner, aufgewachsen ist er in Kiefersfelden, bis er 1999 mit seinen Eltern nach Hauzenberg zwischen Ulbering und Triftern zog. Der 27-Jährige schaut verträumt, wählt seine Worte langsam und bedächtig, als er über sein Leben erzählt. Anfangs war er auch dem Gymnasium, bevor er in den technischen Zweig der Realschule in Simbach wechselte und nebenbei mehr gesportelt als Musik gemacht hat. Fußball war seins, Klavier und Flöte schon auch, aber nicht mit der Leidenschaft, die in ihm erwachte, als er mit 13 Jahren seine eigene Band gründete. Die nannte sich “Karo*” und Lukas hatte den Part des Gitarristen und und übernahm zusammen mit dem Sänger, der zugleich auch sein Nachbar war, den Part des Songwriters. Seine Schwester spielte Schlagzeug und schon bald gab die Band erste Konzerte.

“Du kannst nicht singen!”

Gesungen hat Lukas damals noch nicht, vor allem nicht, weil es harte Kritik an seiner Stimme gab: “Du kannst nicht singen!” Diese Aussage mutierte zum Glaubenssatz und Lukas schrie nur noch trotzig ins Mikrofon. Auch der Rausschmiss aus dem Schulchor saß Lukas noch im Nacken – die Lehrerin sah kein Potential in ihrem Schüler. “Nach fünf Jahren hab ich mich von der Band verabschiedet,” sagt Lukas. “Sie entwickelte sich zur Coverband, das war nicht meins. Ich wollte meine eigene Musik machen, mit meinen eigenen Liedern. In mir gab es einen inneren Kampf. Von außen kam Kritik und aus meinem Inneren wollten die Lieder raus.” Er streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, lächelt. Für ihn ist der kreative Prozess wichtig, ihm geht es um Inhalte und nicht darum, was auf Partys gut ankommt. Das ist bis heute so geblieben. Und dazwischen ging er den eigenen Weg der Entwicklung.

Nach der Realschule ging Lukas auf die FOS in Pfarrkirchen und machte ein Praktikum in Reisbach bei Gitarrenbauer Hermann Hauser. Weil ihm die Mischung aus Handwerk und Musik gefiel, begann er dort nach der Schule eine Lehre. Vielleicht auch ein wenig, weil sein Papa Schreiner ist und Lukas die Arbeit mit Holz gefiel. “Zuerst war ich Feuer und Flamme. Aber nach eineinhalb Jahren war ein wenig die Luft raus. Eigentlich wollte ich ja Musik machen und nicht nur die Instrumente bauen,” sagt Lukas. Die Liebe zur Musik hatte er auch von seiner Oma, “die war mein erstes musikalisches Idol. Und Malerin. Sie hat mir meine erste Gitarre geschenkt und mir die Poesie nahegelegt.” An den Wochenenden arbeitete er an seinem ersten Album, das er komplett selbst produzieren wollte. Bis er bei den Aufnahmen merkte, dass dieses Unternehmen ganz allein nicht zu schaffen war: “Ich hab die Lieder eingesungen, bis sie sich sehr verkopft angefühlt haben. Aber ich war einfach sehr skeptisch gegenüber einem Studio, weil ich nur sehr ungern meine Musik aus den Händen geben wollte.”

Erst ist da ein Gedanke, dann entsteht ein Text und dann erst wird ein Lied daraus. So geht das bei Lukas. Manchmal ist es ein Thema, dann wieder nur ein Satz, der hängen bleibt: “Es ist ein schöner Prozess. Songs schreiben, darin aufgehen, in Fantasiewelten abtauchen. Auch bei kritischen Liedern, die mich selbst belasten.” Am Ende aber zählt nur eins, das Teilen der Songs mit anderen Menschen, “das macht mich happy”.

Ein Konzert für Kühe

Lukas mag mir seinen VW-Bus zeigen, den er nicht weit weg geparkt hat. Darin wartet auch seine Gitarre. Auf dem Weg zum Auto erzählt er von seinem ersten Erlebnis als Straßenmusiker. Das war im Urlaub mit seiner Schwester auf Sylt. Die Geschwister sind sehr miteinander verbunden, auch in der Kunst. Stefanie ist Konditormeisterin, ihre Leidenschaft das Zeichnen. Auch sie versucht, als Künstlerin zu leben und ist momentan auf der Reise. Damals auf Sylt hat Lukas in einer Windsurfschule gearbeitet, sie an einem Crêpestand. Eines Abends packte Lukas seine Gitarre, nahm all seinen Mut und spielte am Strand. Schnell merkte er, dass ihm die Nähe der Zuhörer zu viel wurde. Also wechselte er hinter den Deich, wo eine Gruppe Kühe friedlich graste, bevor sie seine Musik neugierig verfolgte. “Eineinhalb Stunden habe ich den Kühen ein Konzert gegeben. Bis Einbruch der Dunkelheit,” sagt Lukas und lacht ein wenig. Weil sich das tierische Publikum so geduldig zeigte, probierte er es am nächsten Tag mit einer Schafherde.

Und wieder am Tag darauf klappte es in den Dünen vor menschlichem Publikum. Ein Mann setzte sich mit angenehmen Abstand zu ihm und hörte zu, während seine Frau am Strand spazieren ging. “Am Ende hat er sich bedankt und mir den Rat gegeben, mehr Menschen das Geschenk meiner Musik zu geben,” erzählt Lukas. Diesen Rat beherzigte Lukas und stellte sich noch auf Sylt zum ersten Mal auf die Straße. Im Städtchen Westerland schaute er beim Spielen noch unsicher zu Boden, “trotzdem war es ein befreiendes Erlebnis.” Wieder daheim, hatte Lukas neue Erfahrungen im Gepäck. Die Zeit des trotzigen Schreiens war vorbei, er hatte sich Inspiration von anderen Sängern geholt und aus sich heraus gelernt zu singen: “Ich wollte keine künstlich trainierte Stimme, mir ist eine natürliche Art lieber, meine Lieder vorzutragen. Mit Gesangsunterricht war ich deshalb immer vorsichtig, damit mir kein Stil aufgedrängt wurde.”

“In Bayern kommt schnell das Ordungsamt”

Die Berufsschule besuchte er im Blockunterricht – in Mittenwald. Dort lernte er unter anderem einen heute guten Freund lernen, einen Geigenbauer aus Düsseldorf. Mit ihm begab er sich 2016 auf eine dreiwöchige Deutschlandtour. Auf den Straßen beglückten die Freunde das Publikum mit seiner Musik, Lukas mit Gitarre und Stimme, der Freund mit dem Kontrabass. “Im Norden ist man da recht locker, in Bayern kommt schnell das Ordnungsamt,” erzählt Lukas über seine Erfahrungen. In Passau haben sich die Wege der beiden getrennt, Lukas machte allein weiter. “Ich musste einfach raus und meine Lieder teilen. Das war ein sehr befreiender und prägender Schritt.” Damals hatte er noch Skrupel, das Geld im  Gitarrenkoffer für sich selbst anzunehmen. Er spendete es für den Tierschutz, was hin und wieder das Misstrauen des Publikums weckte, weshalb er immer ein paar Spendenquittungen zum Beweis parat hatte.

Am Ende seiner Lehre baute er sich seine eigene Gitarre. Da hatte er schon weitere Pläne im Kopf: Studieren. In der Nähe von Frankfurt am Main, in Dieburg, begann Lukas sein Musikproduktionsstudium, nachdem er die Aufnahmeprüfung bestanden hatte. “Ich hab dabei einfach versucht, ich selbst zu sein,” sagt er und lächelt. Das Studium selbst hat ihn weitergeführt auf seinem Weg, auch wenn er schnell merkte, dass es ihm eigentlich ein kleines wenig zu technisch war. Er setzt lieber auf’s Analoge, auf eine Akustikgitarre und ein Blatt Papier für Texte und Notizen. Im Studium geht’s aber um viel mehr als nur um Inhalte und so war es auch bei Lukas: Er fand gute Freunde, die ihn bis heute begleiten. Und Chiara.

Musik oder Familie? Beides!

In Lichtenberg bei Darmstadt gibt es das Gesangsinstitut für angewandte Stimmphysiologie. Dorthin verschlug es Lukas zum Praxissemester: “Der Ansatz gefiel mir – hier sind die Stimmbänder im Fokus, nicht die Technik. Ich hab mich wie zu Hause gefühlt.” Für seine Bachelor-Arbeit baute er eine so genannte Klangmühle, die die Stimme von Singenden stimulieren soll. 60 Probanden testeten die Erfindung und Lukas wertete die Ergebnisse aus. Aktuell wird die Klangmühle am Institut immer noch verwendet und Lukas überlegt, sie logopädischen Praxen anzubieten.

Noch viel nachhaltiger als die Klangmühle war die Begegnung mit Chiara, die als Sängerin am Gesangsinstitut zu tun hatte: “Damals waren wir beide noch in einer Beziehung. Nach Chiaras Abreise haben wir uns lange nicht mehr gesehen, bis sie wieder nach Lichtenberg kam. Da waren wir beide solo.” Über die Musik fand das Paar zusammen und führte zunächst eine Fernbeziehung: Lukas studierte in Frankfurt weiter und Chiara lebte in Amsterdam. Damals dachte Lukas noch, er müsse sich irgendwann einmal entscheiden – für die Musik oder die Familie. Dass auch beides geht, hat ihm Chiara deutlich gemacht. Spätestens dann, als sie sich dafür entschieden haben eine eigene Familie zu gründen…

“Ich sehe gern in die Gesichter”

“Ich bin sehr glücklich, dass es funktioniert,” sagt Lukas und lächelt. “Von einem Kind ist so viel zu lernen. Es entdeckt jeden Tag Neues, ist völlig unbeschwert. Das öffnet auch für meine Musik neue Türen. Ich achte jetzt noch mehr auf Details, genauso wie es Amelia macht.” Seine Tochter ist inzwischen ein knappes Jahr jung und profitiert von der vielen Zeit mit den Eltern.

“Nach der Lehre und dem Studium fühlte ich, dass mein Fundament steht. Ich habe immer viel Straßenmusik gemacht und verdiene mir heute meinen Unterhalt damit,” sagt er. Als Straßenmusiker erlebt Lukas die Reaktionen ganz unmittelbar. “Ich sehe gern in die Gesichter meiner Zuhörer. Manche freuen sich sehr und sind offen, andere distanziert und ein wenig irritiert,” sagt er. Letzteres liegt vielleicht auch daran, dass er seine deutschen Lieder hauptsächlich in Italien singt. Doch am fehlenden Textverständnis scheitert es grundsätzlich nicht – freilich sind die Inhalte von Bedeutung, aber schon allein die Musik transportiert viel Gefühl, viel Stimmung.

“Wir mögen es minimalistisch”

In Italien spielt er oft sieben Stunden am Tag, das macht ein Auskommen gut möglich: “Ich will nicht mehr haben, als ich brauche und wir mögen es minimalistisch.” Dass es in seinem Gitarrenkoffer gut klimpert, sieht er an der Einstellung der Italiener begründet: “Sie geben gern Geld für Dinge aus, die ihnen scheinbar gut tun. Und das ist neben gutem Essen halt auch Musik.” Der Ortswechsel hat Lukas gut getan, die neuen Leute, die neue Welt bereichert ihn. Und das, obwohl in San Marino Straßenmusik verboten ist. Lukas zuckt mit den Schultern. Dann fährt er halt geschwind über die Grenze. Und zwar nicht unbedingt zur Mittagszeit, wenn alle Siesta halten. Man findet ihn morgens auf Märkten und abends an den Flaniermeilen. Gute Zeiten, gute Orte.

Nicht jeder freut sich über seine Musik, da steht Lukas inzwischen drüber. Er erinnert sich daran, als ihm ein Anwohner  aus dem zweiten Stock einen Eimer Wasser über den Kopf leerte. “Er hätte doch auch mit mir reden können,” sagt Lukas mit seiner zutiefst freundlichen Art. Auch so manch Obdachloser zeigte sich nicht erfreut über die “Konkurrenz”, die nicht nur die Hand aufhält, sondern auch noch Musik macht. Und dann kommen wieder Menschen wie der Mann in Passau auf ihn zu: “Er hat gesagt, er habe in meiner Musik mehr zu Gott gefunden als im Dom.” Lukas lächelt wieder fein und gedankenvoll und denkt an seine Eltern: “Die haben mich immer frei gelassen und mich ermutigt, das zu leben, wofür ich brenne. Obwohl sie schon auch froh über einen Plan B waren – mein Studium.”

Die “Jukeboxfamily” auf Europatour

Apropos Pläne – Lukas hat davon genügend. Aktuell baut er an einer neuen Gitarre. Mit Chiara macht er viel Musik und Amelia hört begeistert zu. Im März plant die kleine “Jukeboxfamily” eine Europatour, “Südspanien, Frankreich, Portugal, mal kucken. Wir wollen gemeinsam was von der Welt sehen und herausfinden, wo es uns hinzieht. Nach vier Monaten sind wir wieder zurück und spielen auf einer Hochzeit.” Manchmal wird Lukas gefragt, ob er auf einer Beerdigung spielen mag. Gerne sagt er ja, spielt dann neben klassischen Stücken auch “Der Fluss”, ein Lied, das er damals für seinen Opa geschrieben hat. Und hin und wieder gesellt sich ein Konzert hinzu. Außerdem gesellt sich Lukas in Italien ins Tonstudio, um seine Musik aufzunehmen. Spätestens im Mai soll die erste Single veröffentlicht werden. Ein komplettes Album und eine Konzerttour werden voraussichtlich auch noch heuer folgen.

“Früher dachte ich, ich müsse entdeckt werden. Inzwischen weiß ich, dass ich Eigeninitiative zeigen muss.” Wie damals, als er auf dem Bardentreffen in Nürnberg spielte. Oder als Vormusiker im Bogaloo. Oder auf der Pfarrkirchner Kunst- und Museumsnacht. Lukas nimmt den Gitarrenkoffer mit an die Rott, setzt sich auf einen großen Stein und beginnt leise zu spielen. Die Musik vermischt sich mit den Melodie der Natur, dem Singen der Vögel, dem Rauschen des Windes in den Bäumen. Schön ist das.

“Rottaler Gsichter und DU”: Lukas im Lazy Cat

Du bist neugierig auf Lukas und seine Musik geworden? Wie gut, dass er im Rahmen von “Rottaler Gsichter und DU” ein Konzert spielen wird! Und zwar schon ganz bald, am 13. Februar im Lazy Cat Café von Rottaler Gsicht Güner Taylan in Pfarrkirchen. Du kannst Dich jetzt schon anmelden unter servus@rottalergsichter.de, Stichwort “Lukas Reiner”. Das wäre gut, denn die Plätze sind begrenzt und wenn es voll ist, ist es voll. Der Eintritt ist frei, aber es wird ein Hut herumwandern. Ich freu mich auf Dich!

Das Rotter Gsichter Magazin
Das Rottaler Gsichter Magazin

Print ist das neue Digital! Die Rottaler Gsichter gibt’s ab 1. Juli 2019 auch als MAGAZIN! Wie gewohnt mit Portraits von Rottalern – und obendrein mit mehr Gschichten, Menschen, Gedanken und Einblicken. Zum Anfassen. Aus Papier. In Echt.

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