Magdalena Weiß: „Ich bin kein typisches Mädel“

Magdalena Weiß schlüpft aus ihren Schuhen und der Jeans. Sie hüpft in die dunkle Hose, zieht die schweren Stiefel an, dann die Jacke in Neonorange. Ihr Outfit ergänzt sie mit Atemschutzgerät, Helm und Handschuhen. Jetzt ist sie Feuerwehrlerin und bereit für den Einsatz. Zumindest theoretisch. Praktisch würde freilich vieles anders aussehen. Das Umziehen wäre zack-zack gegangen, ihre Kameraden würden auch herumwuseln und zuallererst hätte sich der Piepser gemeldet. Doch an diesem verschneiten Januartag ist noch alles ruhig.

„Die Birnbacher haben mich schon öfter gefragt“

Magdalena ist bei der Freiwilligen Feuerwehr Bad Birnbach und Untertattenbach. „Wir brauchen auch eine Jugendfeuerwehr,“ hat die damals 14-Jährige zu ihrem Papa Franz Weiß gesagt, der Kommandant in Untertattenbach ist. Mit zwei Freundinnen klapperte sie alle Kinder des Dorfes ab, bis sie zu fünft die neue Sparte gründeten. „Für ein so kleines Dorf ist das schon eine große Jugendfeuerwehr,“ sagt Madgalena. Heute ist sie 22 und längst unter den Aktiven: Ab 16 wird man im äußeren Gefahrenbereich eingesetzt, ab 18 überall da, wo’s notwendig ist.

 

Ihre zweite Mitgliedschaft bei den Birnbachern war unumgänglich, wie sie erzählt: „Die Birnbacher haben mich schon öfter gefragt. Und als dann mein Bruder Tobias die Ausbildung zum Atemschutzgeräteträger machen wollte, brauchte er dafür einen Partner.“ Dafür hielt die ältere Schwester gern her. Seitdem sind die Geschwister nun auch bei den Birnbachern, mittlerweile seit gut einem Jahr. Der Einsatz der Freiwilligen kann sich sehen lassen: Jeden Montag wird geübt.

„Ich war in der Arbeit, als der Piepser meldete“

Nicht planbar sind freilich die Einsätze. Dann meldet sich der kleine Piepser, den Magdalena immer bei sich trägt. Dann ist kein Platz für Nervosität, dann herrscht Hochkonzentration. Was muss ich tun? Mit was muss ich mich ausrüsten? Das sind die Fragen, die Magdalena dann durch den Kopf gehen. Gemeinsam mit ihren Kollegen fährt sie zum Einsatzort. Nicht immer sind gleich viele Feuerwehrler einsatzbereit. „An Wochenenden kommen viele, unter der Woche, vor allem am Vormittag und am frühen Nachmittag schaut’s schlechter aus,“ sagt Magdalena.

Für sie selbst lohnt es sich auch nicht, von der Arbeit aus zum Einsatz zu hetzen. Sie arbeitet in Arnstorf, bei der Firma Lindner in der Abteilung für Marketing. Sie erzählt weiter: „Ich war schon bei einigen Verkehrsunfällen dabei. Und bei einem größeren Wohnhausbrand. Und natürlich beim Hochwasser 2016.“ Bei den Unfällen musste sie den Verkehr regeln, beim Hochwasser hatte sie alle Hände voll zu tun. „Ich war in der Arbeit, als der Piepser meldete,“ erinnert sie sich. Über das Ausmaß der Katastrophe wurde sie sich erst dann bewusst, als Magdalenas Cousin ein Foto schickte.

„Auf dem Dorf gibt’s Nachwuchsprobleme“

Von Arnstorf düste sie nach Birnbach und war sofort mittendrin im Geschehen: Haushalte abfahren, Absperrungen errichten, Sandsäcke schleppen, Keller auspumpen – bis spät in die Nacht. Und nach ein paar Stunden Schlaf wieder ab in die Arbeit. „Nach der Arbeit ging’s wieder weiter,“ sagt Magdalena. Der tagelange, kräftezehrende Ausnahmezustand war für sie dennoch eine positive Erfahrung: „Wahnsinn, wie viele junge Leute einfach helfen wollten. Die kannten niemanden, kamen völlig freiwillig.“

 

So ist auch ihr Einsatz: freiwillig. „Momentan sind wir in Birnbach gut besetzt,“ sagt Magdalena. „Aber auf dem Dorf gibt’s schon Nachwuchsprobleme.“ So viel Zeit für ein Ehrenamt mag nicht jeder aufbringen. Dabei geht’s bei der Feuerwehr nicht nur um das übliche Gemeinschaftserlebnis, das die meisten Vereine auszeichnet. Dass es um Sicherheit, um Leben, um Verantwortung geht, zeigen nicht zuletzt die festen Strukturen, die im Ernstfall schnelles Handeln ermöglichen.

„Freilich kommen auch mal Sprüche“

„Ein Trupp besteht aus zwei Leuten, eine Staffel aus sechs, eine Gruppe aus acht. Der Fahrer ist der Maschinist, er bleibt immer beim Fahrzeug. Neben dem Fahrer sitzt der Gruppenführer. In Fahrtrichtung sitzen der Wasser- und Schlauchtrupp und entgegen der Angriffstrupp,“ sagt Magdalena aus dem Effeff. Für jeden Wehrler gilt ein strikter Ablauf. Damit erklärt sich die Notwendigkeit der Übungen von selbst. Neben den wöchentlichen Zusammenkünften werden Einsätze in Großübungen geprobt. „Letzten Sommer gab’s einen gestellten brennenden Bus. Da war Teamwork mit den Rot-Kreuzlern gefragt,“ erzählt Magdalena. Sie selbst fühlt sich bei den überwiegend männlichen Kollegen gut aufgenommen. „Freilich kommen auch mal Sprüche, aber das passt schon,“ sagt sie. „Als Person und Kameradin schätzen sie mich, das weiß ich.“ Auch darum will sie heuer die Ausbildung zum Gruppenführer machen.

„Mein Papa sagt immer, ich bin ein Alpha-Weibchen,“ sagt Magdalena und lacht. „Ich organisiere gern und bin nicht auf den Mund gefallen.“ Zwei Merkmale, die ihr auch bei der Arbeit hilfreich sind. Die 22-Jährige kümmert sich in der Onlinemarketingabteilung um die knapp 20 Webseiten der Firma Lindner und betreut die Social-Media-Netzwerke.

„Ich hab mich immer leicht gelernt“

Eigentlich wäre sie gern Ärztin geworden. Aber der Numerus Clausus hat dazwischengefunkt. „Also hatte ich Lehramt im Kopf. Sport und Mathe,“ sagt Magdalena. Aber auch daraus wurde nichts. Glücklicherweise. „Ein Bekannter meiner Eltern hat vom dualen Studium bei Lindner erzählt,“ sagt sie. Die Kombi aus BWL-Studium und der Ausbildung zur Industriekauffrau hörte sich gut an, also bewarb sie sich nach dem Abitur. Wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen,  bekam noch am selben Tag die Zusage zu einem Tag Probearbeit.  Nach diesem Tag war der Fall klar. Dass es meist nicht so glatt läuft, weiß sie aus ihrem großen Freundeskreis.

 

Magdalena war unter den ersten Gymnasiasten, die nach nur acht Jahren Abi machten. Kein Ding für sie. „Ich kenn’s ja nicht anders. Die einzigen, die sich stressen, sind die Eltern,“ sagt sie. Abi mit 18, fertig mit Studium und Ausbildung mit gerade mal 21 Jahren. „Ein Semester hat zehn Wochen gedauert – in der zehnten Woche waren die Prüfungen. Das war schon anstrengend, aber ich hab mich schon immer wahnsinnig leicht gelernt,“ gibt Magdalena zu.

Buchhaltung, Finanzplanung: „Ein Graus“

Beim Lindner durchlief sie nicht alle Abteilungen, wie es ansonsten in Ausbildungen üblich ist: „Ich war von Anfang an fest im Marketing.“ Die Abschlussprüfung zur Industriekauffrau war kein Problem für sie, obwohl sie sich den Stoff selbst erarbeitet hat. „Ich hatte nie Berufsschule. Die Themen waren im Studium schon so vertieft,“ sagt Magdalena. Nur Buchhaltung und Finanzrechnungen „waren ein Graus“.

Das „trockene Zeug“ spielt heute keine Rolle mehr für sie. Als „Digital Native“ ist Magdalena mit der Online-Welt aufgewachsen – und so war es naheliegend, dass ihr Platz im Onlinemarketing sein würde. Sie selbst lacht über ihren unkonventionellen und unkomplizierten Werdegang. Sie weiß: „Ich hatte großes Glück. Ich hätte nicht gewusst, dass es im Rottal solche Arbeitsplätze gibt.“ Nach dem Studium in der Rottaler Heimat einen geeigneten und fairen Arbeitsplatz finden – für Magdalena gelebte Realität.

„Der Computer hat niemanden interessiert“

Zu ihrer privaten Realität gehört allerdings mehr als „nur“ Arbeit und Feuerwehr. Magdalena wundert sich selbst, dass sie noch Zeit findet für ihre weiteren zahlreichen Hobbys. Sport muss sein, wie sie findet. Darum schwingt sie regelmäßig den Tennisschläger oder reagiert sich im Fitnessstudio ab. Sie bezeichnet sich selbst als „Volksfesthupn“, geht gern auf Konzerte und trifft sich mit ihren Freuden jeden Mittwoch zum Stammtisch in ihrer Hütte in der Nähe von Triftern. Dort, in Triftern leben ihre drei Cousins, mit denen Magdalena und ihr Bruder Tobias ihre Kinderzeit verbracht haben.

 

„Eigentlich bin ich kein typisches Mädel,“ meint Magdalena. „Ich bin eher als Bub aufgewachsen – unter lauter Buben. Wir waren nur draußen, sind nackert Radl gefahren, haben im Wald Lager gebaut. Der Computer hat niemanden interessiert.“ Als 22-Jährige sagt sie jetzt schon – trotz ihres Jobs – „Früher war alles besser.“ Der positive Einfluss einer Kindheit auf dem Land, ihre Familie, ihre Eltern, die Arbeit – all dem ist es wohl zu verdanken, dass Magdalena keinen Grund sieht, ihrer Heimat den Rücken zu kehren.

„In Regensburg hab ich während des Studiums in einer WG gewohnt. Ich war immer froh, am Wochenende heimzukommen,“ sagt sie. Das Stadtleben – nix für sie. Darum sieht sie sich auch noch in ferner Zukunft im Rottal. „Irgendwann werde ich die Ferienwohnung von meinen Eltern übernehmen. So in dreißig Jahren ungefähr,“ sagt sie und lacht. Bei der Feuerwehr wird sie gewiss auch dann noch sein: Die Feuerwehrrente beginnt erst mit 63 Jahren.

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