Aus dem Leben des Autors Manfred Böckl: “Ich bin ein überlebender Kelte”

Manfred Böckl sitzt auf der Terrasse des Gasthauses Klessinger in Hundsruck im Bayerischen Wald. Die Örtlichkeit hat er ausgewählt, weil sich im Keller ein so genannter Erdstall verbirgt, den er mir zeigen will. Ein ganzes Buch mit dem Titel “Das Mysterium der Erdställe” hat er über den Hintergrund der niedrigen unterirdischen Gänge geschrieben, sauber historisch aufgearbeitet, mit logischen Rückschlüssen. Manfred hat sich im wahrsten Wortsinn der Geschichte verschrieben: In seinen Büchern taucht er ein in vergangene Welten, erweckt tatsächliche Begebenheiten und erdachtes Beiwerk so zum Leben, dass seine Leser ganz nah dran sind und Zeit plötzlich keine Rolle mehr spielt.

Über 80 Werke hat der 72-Jährige geschrieben, im Frühjahr erscheint sein neuer Roman, dessen Handlung im Bayerischen Wald beginnt und der die Leser bis in Manfreds zweite Heimat Britannien und Wales führt. In seinem Buch “Keltenschanzen, Ringwälle, Burgställe” stellt der Autor, der mittlerweile in Empertsreut im Bayerischen Wald sein Zuhause gefunden hat, 120 Orte im Niederbayerischen Hügelland sowie im “Woid” vor, die uns heute noch die Spuren der Vergangenheit erlebbar machen. Und in seiner Biografie schildert uns Manfred eindrücklich, was er alles erlebt hat – geradeheraus, unterhaltsam, tiefgehend. Bei abgebräuntem Leberkäse mit Spiegelei und Schwarztee unterhalten wir uns in herbstlicher Stimmung mehrere kurzweilige Stunden.

“Die Gegend hat eine ganz eigene Stimmung”

Manfred, Du lebst in Ringelai, im Bayerischen Wald. Welchen Bezug hast Du zum Rottal?
Ich hatte in Eggenfelden einen Großonkel, der bis in die 50er, 60er Jahre der bekannteste Strafverteidiger Niederbayerns gewesen sein soll. In Eggenfelden gibt es heute noch eine Hausruine, die im Volksmund “Böckl-Villa” genannt wird. Da hat der Großonkel mit seiner Frau gewohnt. Und ich war mal mit einer Frau aus der Arnstorfer Gegend verheiratet. Und dazu ist ein kürzlich erschienener Roman zum Großteil im Rottal angesiedelt, das ist “Der Uttenschwalb”. Der spielt auch hauptsächlich in der Arnstorfer Gegend.

Den “Uttenschwalb” habe ich mit Begeisterung gelesen. Da erzählst Du die Geschichte einer Grafentochter, die ihren eigenen Weg geht – mit dem Hintergrund einer wahren Geschichte, die sich im Detail so vor über 800 Jahren abgespielt haben könnte. Du schreibst sehr bildhaft und eindrücklich und ich konnte mich gut in die Figuren und die damalige Zeit einfühlen. Was findest Du aus historischer Sicht spannend am Rottal?
Die alten Rottaler Dreiseit- und Vierseithöfe sprechen mich immer wieder an. Mir persönlich vermitteln die Bauernhöfe ein Gefühl von Geborgenheit, von einer alten, schönen, romantischen Welt. Mir ist aber schon klar, dass hinter den Mauern in der alten Welt viel Schlimmes passiert ist, es war ein hartes Leben. Trotzdem mag ich die Stimmung, die von den Höfen ausgeht – auch von dieser staaden, ruhigen Landschaft. Die Gegend hat was ganz Eigenes.

Was ich auch interessant finde, ist die rebellische Geschichte der Grafen von Ortenburg – die einzigen Protestanten weit und breit. In der Nähe von Ortenburg, in Sammarei, ist eine meiner Omas geboren und aufgewachsen, bevor sie nach Landau geheiratet hat. Und dann hatten wir noch eine ein bissl narrische Verwandte in Sankt Salvator: Mein Papa war mit seinem Bruder bei ihr auf Besuch in ihrem Sacherl in der Einschicht. Im Eck stand eine Rein mit Rohrnudeln, da fraß ein Hund heraus. Und die Tante fragte: “Megt’s aa a Nudel?”

“Da mag ich jetzt nimmer weg”

Du hast ja doch schon in ein paar ostbayerischen Gegenden gelebt – wie hat es Dich in den Wald gezogen?
Bis zum Abitur war ich in Landau und Dingolfing, danach bin ich nach Regensburg gegangen und war mit Unterbrechungen lange Jahre dort – bis 1990, 1991 der Wahnsinn losging mit den Immobilienpreisen und Mietsteigerungen. Da konnte ich nicht mehr mithalten und wollte weg. In meinem Beruf als freier Schriftsteller hatte ich immer den Vorteil, dort zu leben, wo es mir gefällt. Im Woid habe ich zunächst in Zwiesel was gefunden. Lang hat es mich da aber nicht gehalten, da war mir zu viel Fremdenverkehr. Danach war ich 16 Jahre in Salzweg. Ich wollte aber immer mehr heim zu Mutter Natur, am liebsten an den Waldrand. Vor zwölf Jahren habe ich in Empertsreut bei Perlesreut mein Häusel am Waldrand gefunden. Da mag ich jetzt nimmer weg.

Was macht für Dich ein Zuhause aus?
Die Naturnähe, die Ruhe, zu spüren, dass man den Jahreskreislauf miterleben kann. Und die Leute – die Waidler, manchmal rau, immer grundanständig, wortkarg. Aber wennst sie brauchst, sind sie da. In unserem Ort leben nur 60 Leute und die Dorfgemeinschaft ist ganz intakt. Das ist manchmal wie eine große Familie. Das ist auch Heimat.

Als Schriftsteller hast Du mit Kinderbüchern angefangen – wie bist Du zum Historischen gekommen?
Geschichte hat mich immer interessiert. Ich hab ja schon mit 14 Jahren meinen ersten Roman geschrieben, der war von Karl May abgekupfert. Später waren es dann Jugendbücher – keine Kinderbücher. Ein älterer Freund und Kollege hatte beim Franz Schneider Verlag einen Auftrag für eine ganze Jugendbuchreihe an Land gezogen. Da wurde ihm bewusst, das würde er gar nicht allein schaffen. Also hat er mich angerufen und gefragt, ob ich mitschreiben würde. Ich hab’s gemacht. Und auch damals war das schon historischer Stoff – eine Fortsetzung der “Drei Musketiere” unter dem Reihentitel “Geheimbund Blaue Rose”, die Hauptfigur ist ein Sohn von d’Artagnan.

“Das sind meine Leute, da gehöre ich hin”

Was fasziniert Dich so an der Vergangenheit?
Das ist so abenteuerlich – da stecken so tolle Geschichten drin. Da rührt sich was. Da kann man in Welten eintauchen, die nicht zivilisiert sind. Ich bin ein alter Anarchist. Ich lebe zwar gut in der Zivilisation, die auch ihre Vorteile hat, aber sie ist mir zu langweilig. Da stecken mir zu wenig Geschichten drin. Im Historischen ballen sich die tollen Geschichten, da geht es wild zu, das gefällt mir. Für mich liegt die Grenze beim 30-jährigen Krieg. Was danach kommt, ist mir schon zu brav. Keltenzeit und Mittelalter, das ist das, was mich interessiert.

Was verbindet Dich mit der Zeit der Kelten?
Ich bin ein überlebender Kelte. Mentalität, Religion, Verrücktheit – das sind meine Leute, da gehöre ich bin.

Was macht für Dich einen Kelten aus?
Er ist ein Mittel- oder Westeuropäer, ein liebenswerter Anarchist, der niemandem weh tut, sondern nur einen unbändigen Freiheitsdrang hat. Er akzeptiert den Staat nur so weit, wie man ihn unbedingt braucht. Er ist Romantiker und Poet. Es gibt den Film “Braveheart“, wo es am Schluss in etwa heißt: “Sie waren Kriegerpoeten, sie waren Kelten.” Das drückt es ganz gut aus. Die keltische Gesellschaft war aber auch sehr weiblich. Im Zentrum der keltischen Religion steht die Dreifache Göttin. Es gab Frauengleichberechtigung. In vielen meiner Bücher habe ich über Frauen geschrieben, die für ihre Rechte eingetreten sind. Zum Beispiel die Keltenkönigin Boadicea. Das ist auch ein keltischer Wesenszug, der sich wehrt gegen die römisch-katholische Welt, gegen diese frauenfeindliche Welt. Die keltische Welt ist sehr frauenfreundlich – und männerfreundlich. Menschenfreundlich!

“Wer Frauen nicht anerkennt, kann sie auch nicht erkennen”

Wie sind die Frauen in unserer Gesellschaft so ins Hintertreffen geraten?
Schon durch die Römer. Die Römer ließen Frauen gesellschaftlich nicht hochkommen. Und die ganzen Bibelreligionen sind sowieso frauenfeindlich. Anders lässt sich das nicht sagen.

Wie konnte das passieren?
Weil diese Religionen von alten, machtbesessenen Männern gegründet wurden. Die hatten Angst vor Frauen. Ich glaube, hinter Frauenfeindlichkeit steckt die Angst vor Frauen.

Woher kommt diese Angst? Frauen sind doch auch die nährenden Mütter…
Das kapieren die patriarchalen Deppen nicht. Ich glaube, das hängt mit der Sexualität zusammen. Im Bibelmonotheismus steckt auch eine große Sexualfeindlichkeit. Wer Frauen nicht anerkennt, kann sie auch nicht erkennen und begreifen. Und wenn eine Frau nicht verstanden wird, kann sie auch unheimlich auf den wirken, der sie nicht versteht. Und daraus entsteht Angst. Wenn ich mich mit einer Frau auseinandersetze, kann ich erkennen, dass sie ihren eigenen Kopf hat – aber sie ist nicht gefährlich. Wenn ich mit ihr anständig umgehe, geht sie auch mit mir so um.

Wie lebst Du heute? Bist Du verheiratet?
Nicht mit einer Frau, sondern mit meiner Arbeit. Ich bin geschieden, war vorher schon mit einer anderen Frau viermal ver- und entlobt. Das ging nicht gut. Dann wird man älter und ich habe gemerkt, dass ich meine ganze Kraft für die Arbeit brauche. Deswegen lebe ich schon seit vielen Jahren alleine. Ich bin aber fähig zu Freundschaft mit Frauen. Oft wird gesagt, das geht nicht – es geht schon.

“In diesem Leben ist wichtig, dass ich mein Werk schreibe”

Und wie geht das ohne den sexuellen Aspekt?
Es ist doch nicht jeder andere Mensch ein potenzieller Sexualpartner… Das wäre ja Wahnsinn! Natürlich gibt es Frauen, die mich interessieren – aber bei mir stellt sich das Problem mit meinen 72 Jahren nicht mehr so konkret. Früher war das anders. Aber es hat nichts gehalten – vielleicht auch aus einem anderen Grund. Wenn Du Künstler bist, ist in Dir ein Bereich, in den ein anderer Mensch nie hineinkann. Ich habe erlebt, dass die ein oder andere Frau das nicht verkraftet hat. Da bleibt ihr was verschlossen, das sie sehr irritiert. Ich glaube, wenn eine Frau mit einem Mann zusammen ist, will sie ihn ganz – und bei einem Künstler geht das nicht. Kelten glauben an Wiedergeburt. Und ich denke, in diesem Leben ist es wichtig, dass ich mein Werk schreibe. Das sind ungefähr 80 Bücher. Und es kommt ein anderes Leben, in dem ich vielleicht zum Ausgleich eine riesige Liebe erlebe.

Die Liebe muss sich auch nicht zwingend auf einen Menschen beziehen, sondern auf die Natur, auf Landschaften. Du erzählst in Deiner Biografie viel von Großbritannien…
Das ist für mich eine zweite Heimat. Da ich an Wiedergeburt glaube, weiß ich, dass ich auch schon in Britannien gelebt habe. Es zieht mich speziell nach Wales – die Waliser sind überlebende Kelten wie ich. Da ist auch die keltische Sprache wieder lebendig.

Verstehst Du das?
Nein. Jein. Ein bissl was verstehe ich inzwischen. Die keltische Sprache ist völlig anders als das Englische oder Deutsche. (Manfred sagt etwas völlig Unverständliches, das niedergeschrieben so aussieht: “Pan welwch olei goch sefwch yma”.) “Wenn die Lichter leuchten rot, halte hier” – das weiß ich, weil es an den walisischen Verkehrsampeln steht. (lacht).

Und ich dachte, jetzt käme was Poetisches…
Was Poetisches bring ich nicht zusammen. Nur noch Bitte und Danke. (Manfred spricht es aus: “Da chi” und “Diolch yn fawr”.)

“Wir sind alle miteinander verbunden”

Was sind denn keltische Überbleibsel in Bayern?
Jede Menge. Die Bayern selbst! Und Bräuche wie das Maibaumaufstellen. Bei uns im Dorf kommen am Pfingstsonntag immer die Wasservögel – ein keltischer Fruchtbarkeitsbrauch. Und die unverwechselbare bayerische Mentalität. Ich rede dabei von Altbayern – in Franken ist die Mentalität eine ganz andere. Das sind keine Kelten, sondern Germanen.

Du hast erzählt, Du bist Heide – lebst Du Deinen Glauben auch auf Deine Art und Weise?
Ja, aber nicht spektakulär. Ich mache keine Rituale. Manchmal bete ich im Wald und bedanke mich bei einem Baum, den ich fällen muss, dass er mir sein Holz schenkt. Oder ich spreche mit einem Tier auf gleich und gleich und sage ihm, dass es genauso wertvoll wie ich bin. Wir sind alle miteinander verbunden. Es ist mehr ein bestimmtes Bewusstsein, ein bestimmter Blick aufs Leben. Von dem ganzen esoterischen Zeug halte ich gar nichts.

Was ist für Dich esoterisch?
All diese Spinnereien. Ich bin kein Experte, ich weiß nur, dass mir die Leute gewaltig auf die Nerven gehen, weil sie so fanatisch sind und so blödsinnige Vorstellungen haben, die mit der Realität nichts zu tun haben. Einmal war ich mit einem im Wald unterwegs, der permanent Steine und Federn aufgehoben und Zweige abgebrochen hat – weil er ständig opfern musste. Ich hab ihn für einen Vollidioten gehalten. Diese ganze Esoterikindustrie ist furchtbar.

“Jesus? Ein netter Kerl, aber auch ein wenig verrückt”

Ich brauche nichts dergleichen – die keltische Religion ist eine Naturreligion. Es geht darum, still sein zu können und sich nicht als eine Krone der Schöpfung zu betrachten. Das sind wir nicht – wir sind ein Teil. Ich glaube an das Grundprinzip der immerwährenden Veränderung hier auf der Erde und im ganzen Universum. Alles ist ständig im Wandel, es gilt das Kreislaufprinzip – und das möglicherweise sogar durch verschiedene Dimensionen. Da denke ich an die berühmten schwarzen Löcher. Ich glaube an keinen Gott, der aus dem Nichts etwas schafft. Ich kann mir aber vorstellen, wie die Schöpfungsgeschichte entstanden ist. Da war einer, der hat einen Stuhl vor sich gesehen. Und er hat sich gedacht: Den hat der Schreiner gemacht. Und Himmel und Erde muss auch so eine Art Schreiner gemacht haben, der Gott. Man hat von einer trivialen irdischen Vorstellung heraus eine Kosmologie entwickeln wollen – das haut nicht hin. Das ist zu einfach.

Der Ausgangspunkt liegt da beim Menschen…
Ja, das ist ein Grundproblem des Bibelmonotheismus – die Vermenschlichung des Göttlichen. Am stärksten im Christentum, wo man gleich einen Menschen zu Gott gemacht hat. Das passt mir nicht.

Was hältst Du von Jesus?
Er war ein jüdischer Reformator. Wahrscheinlich ein netter Kerl, aber auch ein wenig verrückt. Mit seiner Feindesliebe kann ich nichts anfangen. Wenn einer wirklich ein Feind ist, hilft es mir gar nichts, wenn ich ihn liebe. Entweder haue ich ab oder bekämpfe ihn. Wenn ich ihn liebe, lacht er mich nur aus und kann mich auch umbringen.

Dann bist Du ein Märtyrer…
Der mag ich aber nicht sein.

“Meine Eltern haben mir immer geholfen”

Wenn Du schon mit 14 ein Buch geschrieben hast – wusstest Du, dass Du Schriftsteller werden würdest?
Ja, das habe ich immer gewusst. Das hat schon im zweiten Schuljahr ein Lehrer erkannt. Da mussten wir einen Aufsatz zum Thema “Was macht der Schuster?” schreiben. Ich habe die Schuhe reden lassen – daraufhin hat der Lehrer zu meinen Eltern gesagt: “Der Bub wird einmal ein Schriftsteller.”

Wahrscheinlich haben das Deine Eltern damals nicht so ernst genommen. Als es dann so weit war – was haben sie von Deinem Beruf gehalten?
Tja… Sie haben gefürchtet, dass das finanziell nicht hinhaut. So war das auch in den ersten zehn Jahren meiner Selbstständigkeit und da haben sie sicher darunter gelitten. Aber sie haben mir immer geholfen, wenn es wieder mal ganz schlimm war. Später, als die Not überstanden war, waren sie schon stolz auf mich. Immer wenn ich ein neues Buch herausgebracht habe, hat es der Vati ins Kaffeehaus mitgenommen und seinen Stammtischbrüdern gezeigt.

Das hat Dich dann auch gefreut – weil Du gemerkt hast, dass Du was richtig gemacht hast…
(gerührt). Schon, ja.

Auch aus Deiner Biografie weiß ich, dass Du Dich schon ganz schön durchgebissen hast – und es mit den Verlagen auch nicht immer einfach hattest…
Am Anfang musst Du erst mal einen Verlag finden. An Dir ist da noch niemand interessiert, weil Du ja noch nichts publiziert hast. Irgendwann ging es. Da war die eine Wand in meinem Zimmer schon komplett mit Absagebriefen tapeziert. Mit einem Verlag geht es leichter – oft auch sehr leicht. Dann kommen die Verlage auf Dich zu. Aber in den letzten Jahren ist es wieder extrem schwer geworden. Die heutigen Verlage sind reine Kommerzunternehmen. Die haben es inzwischen geschafft, die deutsche Literatur fast zu ruinieren.

“Da geht’s nur noch um Umsatz”

Man braucht nur in die Buchhandlungen schauen – man sieht nur diese blödsinnigen Regionalkrimis, die Thriller, die Ratgeber. Wo ist die wichtige große deutsche Literatur vom Format von Günter Grass, Heinrich Böll, Siegfried Lenz, Karl Amery? Wir hatten damals vor zwanzig, dreißig Jahren noch ein Literaturniveau, um das uns ganz Europa beneidet hat. Heute haben wir es verloren, was die Schuld sehr vieler Verlage ist. Die Verlegerpersönlichkeiten sind verschwunden, es sind Manager gekommen, die an Literatur überhaupt nicht interessiert sind. Da geht’s nur noch um Umsatz. Viele Verlage setzen darum rein auf Unterhaltung. Andere wollen die Themen vorschreiben. Aber ich werde nicht zum Lohnschreiber. Und darum habe ich jetzt keinen Verlag mehr.

Was machst Du dann?
Einfach weiter. Jetzt schreibe ich einen neuen Roman. Allerdings werde ich ihn – wie mein letztes Sachbuch auch schon – wieder nur bei Amazon rausbringen. Mir bleibt nichts anderes übrig, auch wenn mir dann der Buchhandel wieder böse ist.

Das ist schon bitter. Das Thema Amazon ist ja eine schwierige Angelegenheit…
Ich sehe keine andere Möglichkeit. Meine neue Romanidee habe ich schon x Verlagen vorgestellt – nichts zu machen. Es ist eine Seelenwanderungsgeschichte, verknüpft mit einem hochinteressanten Ort in Nordwales, den ich 2017 entdeckt habe. Das ist ein mit keltischer, römischer und mittelalterlicher Geschichte getränktes Gebiet am Rand des Snowdonia-Nationalparks. Dieses Buch will ich jetzt schreiben, und da ich keinen Verlag habe, brauche ich Medien, damit die Leute von meinem neuen Werk erfahren.

Darum sitzen wir auch zusammen. Mir ist es wichtig, regionale Künstler zu unterstützen.
Im März werde ich mit dem neuen Roman voraussichtlich fertig sein.

Das ist Wahnsinn – Deine Werke haben ja über 300 Seiten.
Ich muss so schnell sein – sonst hätte ich das nie finanzieren können.

Manfred und ich trinken noch unsere Schwarztees aus – mit Milch auf britische Art, versteht sich. Danach zeigt mir der Autor den Erdstall im Keller und beim Erzählen leuchtet die Begeisterung in seinen Augen. Und noch etwas mag mir Manfred zeigen – einen großen Ritualstein bei Saldenburg. Wir gehen durch den herbstlichen Wald, da liegt der Stein, groß und mächtig. Verschiedenartige Vertiefungen zeichnen sich im Feld ab. Manfred erklärt mir seine Theorie, nach der in früheren Zeiten verschiedene Fruchtbarkeitsrituale hier vollzogen wurden.

Im Wald ist es still, der Wind streicht sacht hindurch. Manfred steht da, auf seinen Stock gestützt und schaut. Und weil auch ich leise werde und meine Gedanken still, entsteht so ein Moment, in dem alles möglich ist. Ja, wer weiß, vielleicht ist es das Blut der alten Stämme, das da in unseren Adern rauscht. Mit guten Gedanken fahre ich heim ins Rottal, lese den Uttenschwalb und freue mich schon auf Manfreds neuen Roman…

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2 Kommentare

  1. Lieber Herr Böckl,hallo Kelte
    meineGroßeltern stammen aus dem Böhmerwald. Mein Vater hat mir bei unseren Waldspaziergang öfter mal von den Kelten hierzulande erzählt. Ich hab das alles natürlich immer gleich voller Stolz tagsdrauf in der Schule erzählt. Die Lehrerin (Nonne) hat mich und Papa für verrückt erklärt. Die Kelten waren in Gallien, basta ,das wars dann mit meinem Interesse an Geschichte. Erst vor einigen Jahren hab ich einen Fernsehbericht über Kelten im Mühlviertel, Böhmer u. Bayerwald gesehen. Somit bin ich auch auf ihre tollen Bücher gestoßen. hab nicht alle gelesen, wird aber noch. ichkann in den Büchern mitleben, so vertraut ist mir das Für heute mal vielen Dank F. Artzen

  2. Sehr geehrter Herr Böckl,
    seit vielen Jahren bin ich ein absoluter Keltenverehrer. Ich kenne das Keltendorf bei Ringelai, aber auch Wales. War insgesamt neun mal dort und weiß nun, nach dem ich Ihr neuestes Buch innerhalb von drei Tagen gelesen habe, warum sich die Waliser und die Waidler auf Anhieb so sympathisch sind. Ich habe dort die herrlichsten Geschichten erlebt. Das Hibernia-Inn in Angle bei Pembroke war lange unsere Stammkneipe. Dort gab es zum Beispiel kein „Last Order“. Gegen 23.00 Uhr wurden die lichtdichten Vorhänge geschlossen und es wurde weiter gefeiert, Schuh geplattelt und Knopfharmonie gespielt. Freitagabend bereitete der Wirt einen großen Kessel Eintopf am offenen Kamin zu. Dann spielten zwei Gruppen Karten, die Gruppe, die verloren hatte, lud die Siegergruppe zum Essen ein. Der Wirt Julian trug einen Alarmelder, die gleiche Bauart wie wir sie zu Hause in Passau bei der Feuerwehr haben, an seinem Gürtel. Auf meine Frage, wozu der Melder diene, meinte er, dass zum Dorf eine Live-Boat-Station gehöre und sie am Sonntag Vormittag eine Übung hätten. Dazu hat er uns eingeladen. Wir durften die Station nicht nur besuchen, sonder auch noch mit aufs Meer hinaus fahren. Ein unvergessliches Erlebnis. Irgendwann, wenn dieser Coronaschmarrn hoffentlich ein Ende hat, werde ich diesen Ort noch einmal aufsuchen! Zu Ihrem Buch darf Ihnen nur gratulieren!
    Mit freundlichen Grüßen

    Martin Scherr

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