Marlies Resch: „Ich wollte ein schönes Festl machen“

Marlies Resch steht hinter der Theke und schenkt eine Johannisbeerschorle nach der anderen ein, zwischendrin mal ein Bier, eine Radler oder auch nur ein Wasser. Es ist recht schwül-heiß an diesem Abend und die Goldhaubenfrauen sind durstig. Und weil heute mehr von ihnen als erwartet den Landgasthof Resch in Vornbach besuchen, muss das Wirtsdirndl einspringen. „Ich hab mir schon als kleines Kind gewünscht, in einem Wirtshaus groß zu werden,“ erzählt Marlies später bei einer Weinschorle am Tisch vorm Kücheneingang und blinzelt in die Sonne…

„Da hab ich meinen rosa Koffer gepackt…“

Ihr Wunsch ging mit neun Jahren in Erfüllung, als die Mama den Wirt Woife kennenlernte. „Da hab ich meinen rosa Koffer gepackt und wir sind hergezogen,“ sagt Marlies. „Das war genau das, was ich gebraucht hab. Ein Dorf mit Kindern, Weihern, Natur und viel Freiheit.“ Nach der Kindheit wollte sie freilich auch mal raus und lebt aktuell noch in Passau, mit Freund Christoph und Pragler Rattler-Rüden Aaron. Das wird sich aber noch diesen Sommer ändern. Marlies sehnt sich wieder zurück aufs Land, die Ruhe und das Daheim. „Es ist Luxus für mich, im Liegestuhl im Garten zu sitzen,“ sagt sie. In Passau ist sie ja geschwind – dort arbeitet sie in Teilzeit als Grafikdesignerin bei der OWP Brillen GmbH und da ist der Zauberberg, der Live-Club, dessen Geschäftsführerin sie ist.

Der Zauberberg hat Marlies die letzten Jahre gut auf Trab gehalten. Als sehr aktives Mitglied beim Musikförderverein war ihr schon lange klar, dass Passau dringend eine Location braucht, in der mehr Live-Musik möglich ist. Aus Lärmschutzgründen sind die möglichen Spieltage in der Tabakfabrik und im Zeughaus sehr begrenzt – die Liste der spielwilligen Bands ist hingegen endlos. Mit Christoph entdeckte Marlies zufällig den Zauberberg am Alten Copyshop, gegenüber vom Klostergarten nahe der Uni. Schon 20 Jahre hielt die ehemalige Disco Dornröschenschlaf. Marlies hat sie zusammen mit dem Team des Musikfördervereins wachgeküsst. Dazu brauchte es Nerven und Geduld, viele Probeläufe und so manches Lärmschutzgutachten. Seit Januar 2018 kam endlich das erleichternde Ok. Seitdem gibt es kein Halten mehr – das Publikum nimmt den neuen Zauberberg freudig an und auf der Bühne stehen nicht nur an den Wochenenden Bands jeglichen Genres.

„Mama war Vorbild für mich“

Marlies lächelt. So hat sie sich das vorgestellt. Sie selbst macht auch Musik, ist Frontfrau bei Flokati. Schon mit 14 hatte sie ihre erste Coverband und einige Zeit später die Band namens M.A.C.K., welche auch eigene Nummern im Repertoire hat. Das mit dem Musikmachen hat Marlies von der Mama sehr positiv vorgelebt bekommen. Die ist Kunst- und Musiklehrerin, spielte immer in irgendeiner Band und malte riesengroße Bilder. „Mama war Vorbild für mich und ich war immer stolz, sie auf der Bühne zu sehen,“ sagt Marlies. Sie selbst bekam von der Mama immer zu hören: „Mach das, was Dir Freude macht.“ Dieses Vertrauen und diese geschenkte Freiheit weiß Marlies bis heute zu schätzen.

Nach den Realschuljahren in Neuhaus am Inn zog Marlies mit 16 Jahren nach Straubing, um die dortige Kunst-FOS zu besuchen. „Es fiel mir nicht schwer, zu gehen. Ich habe schnell Freundschaften gefunden, die bis heute bestehen,“ sagt sie. An den Wochenenden kam sie aber immer gern heim ins Wirtshaus, ihren Lebensmittelpunkt, wie sie sagt. Auf der FOS konnte sie sich gut ausprobieren, die schuleigene Werkstatt machte es möglich. Und Marlies wurde klar: „Ich will mal keinen normalen Job haben.“ Der Wunsch blieb auch bestehen, als es sie nach der FOS zum Studieren nach Rosenheim zog. Innenarchitektur sollte es sein. Nach dem ersten Semester wusste Marlies: „Das ist zu hundert Prozent das, was ich machen will.“ Der Reiz bestand für sie darin, die Pläne auf Papier in die dritte Dimension umzusetzen. Dazu war es ihr immer wichtig, selbst zu wissen, wie Handwerker arbeiten. Deshalb belegte sie Kurse in Holzbearbeitung und Schweißen.

„Meine Küche hab ich selbst entworfen“

Noch später sitzen wir in ihrer Wohnung. Das letzte warme Abendlicht scheint herein, Marlies öffnet die Fenster. „Meine Küche hab ich selbst entworfen,“ sagt sie und lächelt ein klein wenig stolz. Sie streichelt über die Theke, warmes Holz aus einem Stück, klare Linie, lange Front. In einer Ecke lehnt ihre E-Gitarre, auf dem Schreibtisch steht der Laptop, auf der Couch liegen flauschige Schaffelle. Am Fenster wächst eine mächtige Pflanze mit riesigen Blättern, „selbstgezogen aus einem Avocado-Kern. Und die Lampe da hinten hab ich auch selbst gemacht.“ Marlies lächelt. Da ist eine Idee – und die will umgesetzt werden. Also macht sie.

Nach dem Bachelor in Rosenheim arbeitete Marlies ein Jahr als freie Innenarchitektin, gestaltete unter anderem das Büro von mymuesli sowie einen Coffeeshop in München mit. Danach ging sie nach Wien, um Architektur weiterzustudieren. „Das war der Wunsch von Mama, noch was Gscheids zu machen,“ sagt sie. Nach zwei Semestern hatte sich der Fall Wien allerdings erledigt. Marlies schaut aus dem Fenster, spricht von einer schwierigen Zeit und ihrem Bedürfnis nach Nichtsmüssen, nur dürfen. Und sie beginnt, vom Rosa Laub Festival zu erzählen, das seit nunmehr fünf Jahren ein Wochenende im Sommer im Hof gefeiert wird.

„Der Name zieht das richtige Publikum an“

„Ich wollte einfach ein schönes Festl machen. Ein Pendant zum Bierzeltfest mit coolen Bands. Anfangs hab ich das mehr für mich selbst gemacht,“ sagt sie. Mittlerweile erfreut sich das kleine, feine und vor allem familienfreundliche Festival größter Beliebtheit. Mitorganisatorin ist ihre Freundin Kathi Müller. Und was soll Rosa Laub eigentlich heißen? So viel sich erkennen lässt, ist das Laub der großen Kastanie im Hof nicht rosa, sondern herkömmlich grün. Marlies lacht: „Wir haben gegoogelt, was an dem Tag war. Und irgendwann wurde eine Rockoper uraufgeführt, deren Hauptfigur Rosa Laub hieß.“ So ist das also. „Rosa Laub – der Name ist die Versinnbildlichung des Festivals. Es geht um Natur, ums Wohlfühlen. Der Name zieht das richtige Publikum an.“ Noch nie gab es Ärger, immer lief alles friedlich ab, sagt Marlies. Wohl auch aufgrund der Kinder, die auf dem Festival gern gesehen sind, eine gute Stimmung verbreiten und für die Marlies und Kathi alljährlich ein gutes Programm zusammenstellen.

Heuer gibt’s zum Beispiel einen Zirkus zum Mitmachen. Und was wäre ein Festival ohne Campinggelegenheit? Hinterm Hof bietet eine große Wiese ausreichend Platz für die durchschnittlich 1.000 Gäste. Das Dorf steht dem „Festl“ von der Marlies offen gegenüber. „Der Bauunternehmer stellt seine Bauzäune zur Verfügung, der Schreiner Podeste, der Elektriker kümmert sich um die Stromversorgung und die Feuerwehr leiht uns ihre Manneskraft,“ sagt Marlies. Die Bandmitglieder schlafen im großen Wirtshaussaal, ausgestattet mit den Matratzen von Paul Zauner, der sein eigenes Festival hat – die INNtöne. Er lebt mit Frau und Tochter am Hof, Marlies hat ihm mal ein CD-Cover gezeichnet und so unterstützt einer den anderen.

Das kann sie: eine Stimmung herstellen

„Wenn die Leute den Platz betreten, sieht man die Freude in den Gesichtern,“ sagt Marlies. Die Liebe zum Detail ist ihr wichtig, darum hängen in den Bäumen Lampions, manchmal sogar ein Bett. Da stehen Polstersessel, da gibt es gutes Essen und feine Getränke, da liegt neben der Musik eine Stimmung in der Luft, die seinesgleichen sucht. Eine Stimmung herzustellen, vielleicht ist das auch das Ding einer Innenarchitektin, vielleicht kommt es aber von viel früher.

Marlies erzählt aus ihrer Kindheit, so dass es richtig spürbar wird, wie sie die Welt wahrnahm. Sie erzählt davon, wie sie an der Hand des Opas die Wirtshäuser erkundete, in denen sie zu Mittag aßen und sich immer sehnlichst wünschte, in so einem zu leben. Die Düfte aus der Küche, das Geschirrklappern, das geschäftige Eilen der Bedienungen, die Zapfanlagen, aus denen sich farbige Flüssigkeiten ergossen, die essenden, zufriedenen Gäste. Und dann, als sich ihr Wunsch erfüllte und die Mama den Woife kennenlernte und schließlich heiratete. Ihre Freude darüber, aber auch die anfängliche Traurigkeit der Großeltern, dass sie nun nicht mehr bei ihnen auf der Königswies bei Ruhstorf lebten.

„Mädels waren mir oft zu brav“

Marlies erzählt über die Oma, die auch wie eine Mama für sie ist, die immer für sie da war, mit ihr gelernt hat – und die sie nach wie vor regelmäßig besucht. Heute sieht sie die Oma und die Mama aus einer anderen Perspektive – sieht, wie sehr sich die Generationen unterstützt haben, sieht, was ihre Mama geleistet hat. Damals, als Alleinerziehende, als sie für Marlies da war und dann auch noch das Lehramtsstudium durchgezogen hat, neben den Musikstunden, um finanziell über die Runden zu kommen. Marlies hat keine Geschwister, aber ihre Cousine hat mit ihm Haus bei der Oma gewohnt, vor ihrer Zeit in Vornbach.

Und dann, in Vornbach, da ging ihre wilde Kindheit erst los. „Ich hab schon immer lieber mit Jungs gespielt, Mädels waren mir oft zu brav,“ sagt Marlies. Mit den Buben hat sie am Inn Piraten gespielt, über den Fluss sind sie auf kleine Inseln gerudert, „das weiß meine Mama heute noch nicht.“ Die Mama hat nur immer gesagt: „Komm wieder, wenn’s dunkel wird.“ Ja, dieses Vertrauen hat Marlies geprägt. Das hat es ihr wohl auch ermöglicht, immer ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. So, wie sie sich mit 18 vom Woife adoptieren ließ und dann erst Resch hieß. „Der Woife ist auch mein Papa, ein herzensguter Mann,“ sagt Marlies.

„Christoph ist ein krasser Unterstützer“

Marlies schaut in ein Paket, das heute erst für sie angekommen ist, voll mit italienischen Spezialitäten. Pasta, Soßen, Öl, Wein. Den Weißen hat sie schon gekühlt, sie ist neugierig und mag probieren. Der Korken ploppt und golden glänzt der Wein im Glas. Marlies schnuppert und trinkt einen Schluck, hält das Glas mit beiden Händen und lächelt. Da ist sie, diese stille Stimmung – eine gute Gemütlichkeit mit Lebendigkeit und Macherei in der Hinterhand. Das alte Wirtshaus trägt seinen Teil dazu bei. Die hohen Wände, „300, 400 Jahre alt. Es war schon immer ein Wirtshaus und hat zum Schloss und dann zum Kloster gehört.“ Als sie hier einzog, hat sich ihre Mama ums Optische gekümmert und der Woife hat die Küche gestemmt. Und Marlies hat sich bald dafür interessiert, was mit dem Essen geschieht, das übrig bleibt. Eine zeitlang hat sie Leute mit kleinem Geldbeutel mit dem Essen versorgt. Noch heute nimmt sie Übriggebliebenes zur Arbeit mit und schaut, dass nichts verkommt. „Wäre einfach schade drum,“ sagt sie.

Vom guten Essen profitiert auch ihr Freund Christoph, mit dem sie mittlerweile drei Jahre zusammen ist und demnächst nach Vornbach ziehen wird. Kein Ding für ihn, „wir machen das, was Dir gut tut,“ hat er zu Marlies gesagt. Sie lächelt nun sehr glücklich und erzählt, wie sie sich über den Musikförderverein angenähert haben, wie er beim Rosa Laub Festival geholfen hat, ohne sie schon gut zu kennen. „Christoph ist ein krasser Unterstützer,“ sagt sie über ihn. Mit ihm hat sie den Zauberberg zu dem gemacht, was er heute ist, „da verging kein Tag in der Woche ohne Zauberberg.“ Trotzdem schafft sie es noch nebenbei, selbst Musik zu machen – sie singt und spielt Bass, Christoph sitzt mit weißer Plüschweste und nichts darunter am Schlagzeug und Tony strapaziert die Gitarre. Dabei heraus kommt Grunge Rock vom Feinsten. Und eine Marlies, die man so nicht unbedingt erwarten würde, so wie sie da sitzt: „Auf der Bühne kommt mein Freak heraus, da scheiß ich mir nix. Das ist für mich wie Fasching, da mag ich ausgeflippte Klamotten.“

Kunst mit 60 Brust-Paaren – „das hatte viel mit mir zu tun“

Die mag sie auch jenseits der Bühne. Heute trägt sie die alte gelbe Jeansjacke von der Mama von Blue System, das war in den 80ern der letzte Schrei. „ich geh gern auf Flohmärkte, da finde ich Sachen, die sonst keiner hat,“ sagt sie. Und wenn sie es nicht kaufen kann, macht sie es einfach selbst, so wie die betonerne Lampe im Eck. Handwerk und Kunst sind ja aufs Engste miteinander verbunden. Marlies erinnert sich an ihr Kunstprojekt vor sieben Jahren. Von 60 Frauen nahm sie einen Gipsabdruck ihrer Brüste. „Das hatte viel mit mir zu tun. Ich hatte mit 23 endlich gelernt, als Frau wahrgenommen zu werden. Mich hat das Idealbild einer Frau sehr beschäftigt,“ sagt sie. Diese Barbie-Maße, diese retouchierten, völlig verzerrten Bilder aus Magazinen und Fernsehen. Alle Frauen hatten viel zu erzählen, wie sie sagt – und keine davon hatte auch nur annähernd Modelmaße. Mitgemacht haben viele Frauen jenseits der 50, die von ihrer Jugend und ihrer Rolle als Frau sprachen. „Das hat mir sehr geholfen, mit meinem Körper ins Reine zu kommen,“ sagt Marlies.

Kurz darauf hat sie ihren Fernseher entsorgt, mit dieser „Fake-Welt und Angstmacherei“ wollte sie sich nicht länger belasten. Sie erinnert sich an ihre Jugendjahre, „14 war ein ganz schlimmes Alter, dieses Mithaltenwollen, diese Vergleicherei.“ Verantwortlich dafür macht sie auch das Schulsystem, das alle in dieselbe Richtung trimmt und die Verschiedenartigkeit der jungen Leute nicht wahrnimmt. Davon erzählt auch ihre Mama viel: „Sie unterrichtet an der Pockinger Hauptschule. Sie hat eine lässige Art, wird von den Schülern akzeptiert, weil sie ihnen zuhört und auch bei privaten Problemen hilft.“

„Sich gegenseitig helfen – das mag ich“

Marlies nimmt noch einen Schluck vom Wein, draußen ist es nun stockdunkel und das Licht sirrt im Kopf so wie die Gedanken. „Ich finde die Extrem-Trends heute so auffallend,“ sagt sie. „Vegan, links, rechts, feministisch – all das mag ich nicht sein, das ist ungschmeidig. Da gibt es nur Pro und Contra. Es ist doch besser, Gemeinsamkeiten als Gruppierungen hervorzuheben.“ Freilich liegt das auch an den Medien, meint Marlies. Aber letztlich ist es eine Entscheidung von jedem selbst, wie er so drauf ist. „Höflich und freundlich sein, sich gegenseitig helfen – das mag ich,“ sagt sie und freut sich schon auf das Rosa Laub, das heute vom 6. Bis 8. Juli gefeiert wird. Dort wird es genau so zugehen.

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