Michael Schmidbauer und die Liebe zum Alten: Von Chevys, Schlössern und einem Wirtshaus

Es ist ein recht grauer Tag Ende Oktober, die Sonne will sich nicht recht blicken lassen, frisch ist es und es nieselt immer wieder leicht. Man würde es kaum für möglich halten, aber in Triftern, oben in der Adalbert-Stifter-Straße, da steht die Sonne höchstpersönlich vor einer Doppelgarage. Bei näherer Betrachtung ist es vielleicht doch nicht die Sonne, sondern nur ein zitronengelber Pontiac Grand Prix aus dem Jahre 1965. Während Farbe und Formen dem Auge schmeicheln, erfreut sich drinnen in der Garage ein Mann an zwei weiteren Amerikanischen Automobilen. Er wird sich die kommenden Stunden so in Rage reden, dass seine Begeisterung und Freude am Ende das triste Wetter überstrahlen. Die Rede ist von Michael Schmidbauer.

„Der 64er Chevy hat mal Bela B gehört“

„Schuld war mein Vater,“ sagt der 36-Jährige und lacht. Er war es, der den Sohn auf den Geschmack für die amerikanischen Autos gebracht hat. Michael schaffte es einfach nicht, sich für die kleinen Golf GTIs zu begeistern, für die seine Schulkollegen schwärmten. Sein Vater erbarmte sich und brachte ihm eines Tages die Zeitschrift „Chrom und Flammen“ mit. 16 oder 17 muss Michael da gewesen sein. „Dann war’s vorbei,“ sagt Michael und lacht wieder sein typisches Lachen. Er zündet sich eine Zigarette an, lehnt sich an das meterlange Gefährt ohne Lack, namentlich ein 64er Chevy Impala Sportcoupé. „Der hat mal Bela B von den Ärzten gehört,“ erzählt Michael. „Damals war er noch weiß mit blauen Flammen.“ Die Flammen waren aber nur miserabel lackiert, schlechtwettertauglich war das Ganze nicht. Deshalb wartet der Chevy nun auf einen neuen Anstrich in Candygold, „und das Dach bekommt ein cremefarbenes Perlweiß.“

 

Der 64er Chevy ist beiweitem nicht Michaels erster amerikanischer Oldtimer. Nachdem ihn als Fahranfänger der alte 2er Golf Diesel, „das ausrangierte Auto vom Vater“, nicht so recht glücklich machen konnte, hielt der 18-jährige Michael mehr oder minder heimlich die Augen offen. Bis er in Eggenfelden eine Corvette entdeckte und den Verkäufer sogar zum Probefahren überreden konnte. Voller Freude beschleunigte Michael den Wagen, bis ihn der Verkäufer einbremste. „‚Ich fahr doch erst 110,‘ hab ich gesagt. ‚Ja, aber das sind Meilen‘, hat mich der gute Mann aufgeklärt,“ erzählt Michael, steckt die Hände in die Hosentaschen und lehnt sich an die alte Anrichte in der Werkstatt. „Daheim haben mir alle den Vogel gezeigt. Bis auf meinen Opa. Der hätte mir vielleicht das Geld geliehen.“ Bis er von den 380 PS unter der Motorhaube erfuhr. Dann war auch der Opa als möglicher Geldgeber aus dem Spiel.

„Ich hab sofort meine japanischen Videospiele verkauft“

Michael bedauert das heute nicht mehr. Eine Corvette ist in der Szene nicht das Nonplusultra. Und außerdem wartete ein ganz anderes Abenteuer auf Michael. Er ist ein richtiger Geschichtenerzähler, er redet voller Freude, als ob’s erst gestern gewesen wäre: „Mein Spezl hat auf einem Bauernhof einen 61er Chevy entdeckt, irgendwo bei Mariakirchen. Wir nix wie hin. Das Auto war aber weg.“ Gefunden haben die beiden das gute Stück in der Werkstatt am Ort – und es war schon verkauft. In selbiger Werkstatt stand allerdings noch ein Amerikanisches Auto herum, wie es der Zufall so wollte. „Das war ein 59er Cadillac,“ sagt Michael. „Ich hab sofort meine japanischen Videospiele an einen Sammler verkauft.“ Japanische Videospiele? „Ja, war halt so ein Spleen,“ meint Michael und lacht. Noch reichte das Geld nicht ganz, „aber damals hat man von der Bank ja noch leicht einen kleineren Kredit bekommen.“

 

Und so war Michael mit seinen 18 Jahren stolzer Besitzer seines ersten Amerikanischen Autos. Einziges Problem: Der Wagen passte nicht in die heimische Garage. „Damals gab’s die Doppelgarage noch nicht,“ erklärt Michael. Bei einem Spezl konnte er seine Errungenschaft unterstellen – der wohnte allerdings 30 Kilometer weit weg. Nun ja, ein weiteres kleines Problem gab es schon noch: „Der Cadillac war teilzerlegt und nicht fahrbar. Innen war er komplett leer. Und die Ersatzteile waren schweineteuer. Eigentlich ein hoffnungsloser Fall.“ Doch wie sich die Dinge so ergeben, war die Lage nicht ganz so aussichtslos. Ausgerechnet Michaels Mutter war die Überbringerin einer äußerst frohen Botschaft: „‚Ich sags dir ungern, aber da hat ein Bauer einen Chevy auf seinem Hof stehen‘, hat sie mir erzählt. Naja, das war dann ein 64er Chevy Impala. Den Cadillac hab ich an einen Dönerbudenbesitzer verkauft.“

„Mein Opa hatte auch alle Autos in Blau“

Michael erzählt, raucht, draußen nieselt es leise, in der Garage brennt Licht und lässt den Lack des neben dem Impala stehenden 60er Pontiac Ventura glänzen. Sämtliche Nummernschilder hängen an der Decke, dort hinten steht ein altes Buffet, die Hängekasterl vorn sind dicht an dicht mit Aufklebern bestückt und ein alter Hocker aus den 50ern dient als Sitzgelegenheit. „Der 64er Chevy war fahrbar – und damit bin ich nur noch gefahren. An der Berufsschule und eigentlich überall war ich schnell ziemlich bekannt,“ sagt Michael. Großhandelskaufmann hat er gelernt, bei seiner Trifterner Tante in deren Großhandel für Bastelbedarf, danach hat er sein Fachabi nachgeholt. Und irgendwann endete auch die Liaison zwischen diesem Chevy und Michael – woraufhin er den Wagen auf einer Party gegen das Modell eintauschte, der nun in der elterlichen Garage steht. Blaumetallic, mit dunklen Candy-Flammen. „Mein Opa hatte auch alle Autos in Blau,“ sagt Michael und lächelt.

 

Das ist also die Geschichte von Michael und seinen Amerikanischen Autos. Mehr als sein halbes Leben lang brennt diese Leidenschaft schon. Und inzwischen hat er es geschafft, sein Hobby mit dem Beruf zu verbinden. Seit drei Jahren ist er der Chefredakteur des „Kustom Car Magazines„, das mittlerweile den Namen „Kustom Life Magazine“ trägt. Da er ein freier Chefredakteur ist, ist er an keine Redaktion und Örtlichkeit gebunden. Darum ist er wieder heimgekommen ins Rottal. Denn geblieben ist Michael hier nur bis nach seinem Fachabitur. Wie so viele zog es ihn dann in die große Stadt, nach München. Er begann zu studieren, Druck- und Medientechnik. Ganz seins war das aber nicht, weshalb er es praktischer angehen ließ und die Ausbildung zum Mediengestalter darauf folgte. Später hängte er noch den Medienfachwirt dran, „das ist so viel wie ein Meister.“ Irgendwann hat Michael in einer Münchner Firma Webshops und Apps eingerichtet, gewohnt hat er am Ammersee, mit seiner damaligen Freundin, in einem eigenen, alten Haus.

„Ich mag die Wegwerfgesellschaft nicht“

Schön war das schon – aber alles, was schön ist, hat für gewöhnlich auch mal ein Ende – zumindest lehrt das das Leben auf kurz oder lang. Und dann kommt wieder was anderes Schönes. Im Falle von Michael war dies die Rückkehr ins Rottal und der Kauf eines alten Wirtshauses in Asenham. Alles, was alt ist, scheint Michael magisch anzuziehen. „Ich lebe aber schon im Jetzt und Heute,“ sagt er, lacht und zündet sich noch eine an. „Ich mag nur die Wegwerfgesellschaft nicht.“ Er erzählt weiter vom Wirtshaus: „Da ist echt alles zu erneuern. Und ich mach alles selbst. Nur bei schweren Sachen hilft mir schon mal mein Vater.“ Den Rest bringt er sich selbst bei – sei es, alte Balken neu einzuziehen und möglicherweise sogar selbst Fenster zu bauen. „Das Haus soll seinen alten Charakter behalten und nicht mit modernen Methoden kaputt gemacht werden,“ sagt Michael.

 

Wie lange so eine Komplett-Renovierung dauern kann, war ihm selbst nicht in dieser Tragweite klar. Seit einem Jahr werkelt er in Asenham dahin und wohnt derweil in Triftern bei seinen Eltern. Das war freilich für beide Parteien eine Gewöhnungssache. Mit 35 wieder bei den Eltern einziehen, ist halt so ein Ding. Obwohl sich Michael mit Mama und Papa sehr gut versteht, ist die Situation für ihn langsam ausgereizt: „Im Frühjahr möchte ich in mein Haus ziehen. Bis dahin muss ich mir noch einiges selbst beweisen. Helfen lasse ich mir ja nur ungern.“ Nach Perfektion strebt er nicht, „es soll einfach sympathisch und warm ausschauen.“ Vielleicht findet ja dann auch seine Freundin Geschmack daran. Noch lebt sie in Finnland, ihre Heimat ist in Chile. „So richtig entscheidungsfreudig ist sie aber nicht,“ sagt Michael.

„Die Japaner sind in allem extrem, was sie tun“

Nicht zuletzt deshalb hat Michael schon ganz schön was gesehen vom Erdenball. „Letztes Jahr war ich schon bestimmt drei Monate lang in Finnland,“ sagt er. Das Angenehme hat er gleich mit dem Nützlichen verbunden. Bei der Helsinki Cruise Night war er mit dabei, das ergab gleich eine schöne Geschichte für das „Kustom Life Magazine“.  Die allermeisten Artikel schreibt Michael selbst. Angst, dass ihm das Material ausgehen könnte, hat er nicht. Über die Jahre hat er einfach zu viele Leute aus der Szene kennengelernt, die was zu zeigen und zu erzählen haben. In München war die Werkstatt an der Hackerbrücke sein zweites Wohnzimmer, inzwischen wurde sie „weggentrifiziert“, wie er sagt. Unvergesslich bleiben für ihn die vielen Partys mit Livebands und Lagerfeuer, das Grillen und das Schrauben.

 

Heuer war Michael schon in Japan, mal schnell übers Wochenende. Mit Stolz zeigt er sein persönliches Special im Magazin – über mehrere Seiten blinzeln freakige Japaner in die Kamera und präsentieren ihre ganz schön verrückten Amerikanischen Autos. „Die Japaner sind in allem extrem, was sie tun,“ sagt Michael. Im Dezember fliegt er nochmal hin, nach Nagoya, wo er auch schon eine Stammkneipe hat, „das ist wie Wolfsburg in Deutschland oder Detroit in Amerika. Eine echte Autostadt.“ Die USA selbst, das Herkunftsland seiner Leidenschaft, interessiert Michael überraschenderweise weniger: „Das ist nicht mein Traumland. Die Ortschaften sind einfach nicht meins. Da gibt’s kein Zentrum, die Straßenfluchten sind ewig weit. Das mag ich nicht.“ Dafür mag er es, im Kopf zu reisen. Jeden Abend ist er bei Google Street View unterwegs. „Gestern war ich in Kanada,“ sagt Michael und lacht. Ach, und da ist noch sein Hang zu Schlössern und Burgen: „Ich hab einen richtigen Tick. Ich liebe es, Schlösser zu fotografieren.“ Er erzählt vom Schlösser-Katalog, dass er darin schon so manchen alten Kasten besucht hat.

„Es geht darum, ein individuelles Auto zu haben“

Und Hast-Du’s-nicht-gesehen wechselt er wieder zu seinem allerliebsten Lieblingsthema. Unterhaltsam und mit einem Flackern in den grün-braunen Augen erzählt er von der Szene und deren Geschichte, holt aus bis zu den Anfängen in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts um schließlich bei den unterschiedlichen Vorlieben der Ost- und Westdeutschen zu landen. „Es geht darum, ein individuelles Auto zu haben,“ beendet er sein herrliches Referat und schaut zu seinen drei Individuen, zündet sich noch eine weitere Zigarette an, zieht sich seine Jacke über, rückt das Käppi zurecht. Auf dem Kofferraum von Bela Bs ehemaligen Chevys liegen vier Ausgaben des „Kustom Life Magazines“ zum Durchblättern. An der neuesten Ausgabe wird Michael heute noch ein wenig werkeln, gerne auch mit dem Laptop im Bett. Und morgen geht’s dann vielleicht mit dem „Baustellenauto“, einem 26-jährigen Benz, nach Asenham. Ist ja nicht so, dass da schon alles fertig sei. Aber eben alles zu seiner Zeit und eins nach dem anderen, dafür gescheit. Und obwohl es schon fast dunkel wird, scheint doch auch noch ein wenig die Sonne in der Trifterner Garage.

Ein Kommentar

  1. Ich wohne 4 Häuser entfernt,sozusagen einen Steinwurf
    von Michael entfernt.
    Ich kenne Ihn eigentlich nur als kleinen Jungen bzw seine
    spätere Schulzeit in Triftern.
    Dann war er ja mal weg.
    Wusste gar nicht was für ein Talent und Persönlichkeit
    da in meiner Nachbarschaft zurückgekehrt ist.
    Hut ab,von deinem bisherigen werdegang und mach weiterso.
    Alles gute zu deinem neuen – alten Haus in Asenham,und halt
    die Ohren steif.

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