Ramona Ellguth und Heidi Fink-Friedlmeier und ihre EllFi GbR: „Wir haben eine wunderschöne Arbeit“

Ramona Ellguth und Heidi Fink-Friedlmeier sitzen am großen Tisch im Spielzimmer, vor sich volle Wassergläser. Die Fenster stehen weit offen an diesem heißen Sommervormittag. Die beiden Frauen besprechen die Woche: Was steht an im Team, was gilt es zu bedenken, welche neuen Anfragen erwarten sie? Ramona und Heidi sind die Gründerinnen von EllFi: Unter diesem Namen, der den Anfang ihrer Nachnamen vereint, betreiben sie eine heilpädagogische Praxis sowie einen Inklusionsfachdienst für Kitas. Außerdem leistet EllFi sozialpädagogische Familienhilfe.

“Vom Typ her grundverschieden”

Erst Ende 2018 haben sich die beiden 41-Jährigen komplett selbstständig gemacht. Die Räumlichkeiten in der Innstraße hatten sie schon ein halbes Jahr zuvor angemietet. Zuvor waren sie lang genug Kolleginnen in ihrer einstigen Arbeitsstelle, um zu wissen, dass es fachlich und menschlich zwischen ihnen passt. “Obwohl wir vom Typ her grundverschieden sind,” sagt Ramona und lacht. “Ich bin die kreative Macherin, Heidi die strukturierte Denkerin.” Heidi nickt und ergänzt: “Ich war nebenher schon lange im Bereich der sozialpädagogischen Familienhilfe selbstständig unterwegs und Ramona im Inklusionsfachdienst.”

Der Schritt, sich ganz auf eigene Beine zu stellen, war für Ramona und Heidi logisch, aber nie ihr langgehegter Plan. Beide waren mit ihrem zweiten Kind in Elternzeit, als sie den richtigen Zeitpunkt vor sich sahen. “Viel gebraucht haben wir nicht: Einen Computer, ein Auto, ein Telefon,” zählt Ramona auf. Sie stellten ihr Konzept beim Jugendamt vor – mit Erfolg. Das war im Juni 2017. Schon bald erreichten sie so viele Anfragen, dass die Arbeit zu zweit nicht mehr zu stemmen war. Die erste Mitarbeiterin kam zu EllFi. “Ein Rad greift ins nächste, so läuft das seit der Gründung,” sagt Heidi.

Mittlerweile arbeiten 20 Mitarbeiter im Team EllFi, fünf davon festangestellt. Mit dabei sind Sozialpädagog*innen, Heilpädagog*innen, Erzieher*innen und Heilerziehungspfleger*innen – und eine Sekretärin. “Katja Amler ist unsere Mrs. Brain,” sagt Ramona und lacht herzlich. “Ohne sie würde gar nichts mehr gehen.”

“Wir sind beratend tätig”

Was geschieht nun konkret bei EllFi? “Unser Angebot besteht aus drei Säulen,” erklärt Ramona. “Eine davon ist die sozialpädagogische Familienhilfe.” Hat das Jugendamt einen Fall vorliegen, wendet es sich an einen Pool aus Trägern – einer davon ist EllFi. Oft rät das Jugendamt den Klientenfamilien an, sich Unterstützung zu suchen. Oft besteht aber keine Freiwilligkeit – dann, wenn das Familiengericht entschieden hat, dass eine Familie fachlichen Beistand braucht. Dann steht ein schweres Wort im Raum, deren tatsächliche Tragweite ein ganzes Leben beeinflusst: Kindeswohlgefährdung, Paragraph 8a SGB VIII.

“Unser oberstes Ziel ist es, die Eltern in ihrer Erziehungskompetenz zu stärken,” sagt Ramona. “Die Familie ist ein Gesamtsystem, das wir stabilisieren wollen. Damit das Kind in der Familie bleiben kann.” Immer gelingt das nicht. Das wissen Ramona und Heidi. Entschieden wir immer zum Wohle des Kindes, wobei… “Die Entscheidung selbst liegt beim Jugendamt bzw. Familiengericht,” sagt Heidi. “Wir sind beratend tätig.” Sie schenkt sich das “nur”, denn sie weiß, dass die Jugendämter meistens gemäß diesem Rat handeln. Heute zum Beispiel, da wird eine Mama mit ihrem Kind in eine Mutter-Kind-Einrichtung gebracht, weil es daheim nicht mehr geht. So erzählt es Ramona, beide Frauen nicken nachdenklich.

“Wir sind zu Gast in den Familien”

“Wir kommen beide emotional oft an unsere Grenzen,” sagt Ramona. “Wir wissen, dass wir uns unbedingt abgrenzen müssen, aber leicht fällt das nicht immer.” Vor allem dann nicht, wenn man selbst Mutter ist und meint, so vieles nachfühlen zu können. Doch Ramona und Heidi sind professionell genug, um zu wissen: Jede Situation, jede Familie ist anders – und der eigene Maßstab ist auch darum keiner für alle.

Trotz aller emotionaler Schwere: “Es ist eine schöne Aufgabe,” sagt Ramona. “Ich kann etwas für die Kinder und Familien tun.” Ohne dieses sinnstiftende Element wäre der Arbeitsalltag auch kaum machbar. Wird die sozialpädagogische Familienhilfe vom Familiengericht angeordnet, freut das die betroffenen Familien zunächst nicht. Die Mitarbeiter*innen vom Team EllFi besuchen die Familien zuhause, treten ein in Wohnungen und Häuser, in denen es brodelt. “Wir sind zu Gast in den Familien, das ist oberstes Gebot,” sagt Ramona. Mit Respekt geht es darum, eine Basis zu finden, ein Vertrauen aufzubauen, durch das eine Zusammenarbeit erst möglich werden kann.

“Das Beste aus der Situation machen”

So einfach, wie die Theorie klingt, ist die Praxis selten. “Manchmal räumen wir einfach gemeinsam die Wohnung auf,” sagt Heidi. Manchmal lässt sich nur so viel erreichen, dass die Kinder vorübergehend ein sauberes Bett und eine gekochte Mahlzeit haben. Und manchmal lässt sich weiterreden. Dann fließen Tränen, dann bahnt sich aufgestaute Wut ihre Bahn, dann drückt die Hilflosigkeit Schultern nach unten, dann vermischt sich alles mit Scham, verletztem Stolz und Ausweglosigkeit. Dann öffnet sich eine Tür einen Spalt breit – aber was verbirgt sich dahinter?

“Alte Muster,” sagt Heidi. “Und die werden von Generation zu Generation übertragen.” Dass EllFi diese alten Muster auftrennt, diese Illusion machen sich Ramona und Heidi nicht. “Unser Ziel ist es, das Beste aus der Situation zu machen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger,” sagt Ramona. Da ist das Kind, das in eine neue Pflegefamilie begleitet wird. Das Team leitet Rituale an, führt Tagesstrukturen ein, sensibilisiert die Pflegeeltern dafür, was Kinder brauchen, was ein Pflegekind im Speziellen braucht.

Teilzeitarbeit im Team EllFi

Und da sind die Kinder, die in ihrer Herkunftsfamilie leben. Wo oft schon gemeinsames Aufräumen hilft – “und oft das Ziel genügen muss, dass sich nichts verschlimmert,” sagt Ramona. “Wir müssen uns immer wieder selbst reflektieren, um den Familien nicht unsere Werte überzustülpen.” Die Eltern sind und bleiben immer die Eltern für die Kinder – und Kinder lieben ihre Eltern, ganz gleich, wie die Umstände sind. Freilich hat das gewisse Grenzen und das Kindeswohl steht immer an erster Stelle in EllFis Arbeit.

Um bei diesen Ansprüchen dem hohen qualitativen Standard gerecht zu werden, arbeiten alle im Team EllFi in Teilzeit. “Anders geht es nicht, dazu ist unsere Arbeit zu fordernd,” sagt Heidi. Der gute Nebeneffekt: So bleibt genug Zeit für die eigene Familie. “Wir wollen uns nicht ausschließlich über die Arbeit definieren. Zu unserem Leben gehört die Familie genauso,” sagt Ramona. Die Chefinnen bieten ihren Mitarbeiter*innen Supervisionen und regelmäßige Besprechungen, sind außerdem rund um die Uhr telefonisch erreichbar.

“Oft fehlen den Eltern die Wurzeln”

Im Spielzimmer warten Tierfiguren, bunte Tücher, Bausteine, ein Piratenschiff, ein Puppenhaus und viele Spiele auf Kinder. In den Räumlichkeiten der EllFi finden auch so genannte begleitete Umgänge statt: Eltern(teile), die ihre Kinder nicht mehr ohne Aufsicht sehen dürfen. Die Mitarbeiter*innen leiten zum Spiel an, sind Ansprechpartner und neutraler Vermittler, wenn es zwischen den Eltern zu Streitigkeiten kommt. “Wir führen auch Schlichtgespräche,” sagt Ramona. Was in der Theorie wieder so optimistisch klingt, sieht praktisch oft anders aus. “Oft schreien sich die Eltern minutenlang an, machen sich Vorwürfe. Nach einer Trennung sind viele frische Emotionen im Spiel. Die finden hier einen Raum.” Selbstredend in Abwesenheit der Kinder.

Kinder brauchen ein stabiles Gegenüber, authentische Erwachsene, da sind sich Ramona und Heidi einig. “Vor allem die Mamas haben heute einen sehr hohen Anspruch an sich und verlieren dabei aus dem Auge, wer sie selbst sind,” sagt Ramona aus Erfahrung. Und Heidi ergänzt: “Außerdem ist die Erwartungshaltung an die Kinder riesig. Darum ist es so wichtig, sie fundamental zu stärken. Diese Wurzeln fehlen den Eltern oft selbst. Hier setzt EllFi an: bei der Stärkung der Eltern.”

“Wir arbeiten unabhängig”

Das Licht fällt ins Zimmer, die Spielsachen stehen unschuldig in den Regalen, ein Bild an der Wand heißt den Besucher herzlich willkommen. Der Verkehr brummt auf der Straße, es geht auf Mittag zu. Heidi verabschiedet sich, weil sie ihre Kinder vom Kindergarten abholen will. Ramona bleibt noch, das erledigt heute ihr Mann. Mir selbst fällt es schwer, mir vorzustellen, dass das Team EllFi mit Wartelisten arbeitet. Dass es so vielen Kindern nicht gut geht in ihren Familien. Ein Gedanke ergibt den anderen und es ist gut, dass mich Ramona dabei unterbricht.

“Ich weiß schon, dass das arg schnulzig klingt, aber unsere Arbeit ist wirklich unser Herzblut,” sagt sie und ich glaube es ihr aufs Wort. Sie strahlt eine zufriedene Ruhe aus, ihre Augen blitzen wach und tatkräftig. “Wir arbeiten unabhängig, das gibt uns Freiheit und Sicherheit.” Und da sind ja noch die beiden anderen Standbeine, die heilpädagogische Praxis und der Inklusionsfachdienst für Kitas.

Die heilpädagogische Praxis begleitet Kinder mit Entwicklungsverzögerungen oder geistigen, körperlichen oder seelischen Behinderungen. Hier nehmen die Familien Kontakt zu EllFi auf bzw. wird den Eltern die heilpädagogische Maßnahme vom zuständigen Kinderarzt empfohlen und durch diesen vermittelt. Nach einem Aufnahmegespräch wird der Bedarf eingeschätzt, ein Antrag beim Bezirk gestellt und dieser dann bewilligt. “Zumindest wurde noch kein einziger abgelehnt,” sagt Ramona und lacht.

“Behinderung ist immer noch ein Tabuthema”

“Teamfortbildung ist ein weiteres Angebot von EllFi, um unser Know-How bezüglich Inklusion dem ganzen Team zu vermitteln. Auch dieses Angebot entstand spontan, da ein Kindergarten, den Ramona bereits über den Inklusionsfachdienst betreut, angefragt hat,” erzählt Heidi. Hier wird das gesamte Personal versammelt, damit jeder gleichermaßen im Bilde ist. “Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung im Kindergartenalltag” lautet der Titel der aktuellen Fortbildung offen und klar. “Es geht uns darum, unser Wissen zu vermitteln – aber so praxisbezogen wie möglich,” sagt Ramona. Inklusion ist ihr Herzensthema, wie sie selbst sagt. “Kinder mit besonderen Bedürfnissen sind nichts Negatives,” sagt sie. Dieses Bild möchte nicht nur sie aus der Welt schaffen, das besagt das Inklusionsgesetz selbst: Alle sind gleich, niemand muss integriert werden. Leider sei das aber der derzeitige Stand. Inklusion und Integration würden damit falsch verstanden.

Als Fachdienst sieht das Team EllFi seine Aufgabe im Beobachten, Analysieren, in der Beratung für Hilfsmittel, in der Konzepterstellung, Teamberatung und natürlich nicht zuletzt in der Arbeit mit dem Kind. “Behinderung ist nach wie vor ein Tabuthema,” sagt Ramona. “Kinder selbst sind noch vorbehaltslos – aber Erwachsene prägen sie mit ihren Einstellungen. Die Welt ist bunt. Genau diese Toleranz soll Kindern mitgegeben werden.” Und weiter: Es geht nicht darum, dass jeder alles gleich gut kann. Jeder soll seine individuellen Stärken finden und entwickeln dürfen, ganz abgesehen von den Leistungsansprüchen der Gesellschaft. Da ist sie wieder, diese feine Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis.

Ramona und Heidi haben ihren Weg aus diesem Dilemma gefunden: Sie machen für sich selbst und ihr Team das Beste daraus. Jede darf ihre Stärken einbringen, ganz nach Qualifikation und persönlichem Interesse. “Ich selbst arbeite ganz stark nach Gefühl,” sagt Ramona. Und sie erzählt von Mitarbeiterinnen, die demnächst auch noch systemische Familienarbeit und Kinderyoga anbieten werden, bevor sie ihre Tasche packt und sich auch auf dem Heimweg macht. Morgen ist ein neuer Tag.

Wer ist Ell, wer ist Fi?

Ramona Ellguth ist 41 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Sie ist Heilerziehungspflegerin und Heilpädagogin.

Heidi Fink-Friedlmeier ist ebenfalls 41 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Sie ist Erzieherin und diplomierte Sozialpädagogin.

Gesucht!

Das Team EllFi sucht Personal – vor allem Heilpädagog*innen und Sozialpädagog*innen sowie Individualbegleiter*innen für den Kindergarten und Schulbegleiter*innen. Bei Interesse einfach melden, die Kontaktdaten findest Du im Infokasten.

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EllFi GbR

Ramona Ellguth und Heidi Fink-Friedlmeier

Telefon: 08571-9379501
Anschrift: Innstraße 43a
84359 Simbach am Inn
Ramona Ellguth und Heidi Fink-Friedlmeier von EllFi GbR

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