Sandra Steiner: “Das Rottal hat enormes Potential”

Sie öffnet die Haustür, lacht herzlich, schüttelt mir kräftig die Hand und noch während ich überlege, ob ich mir die Schuhe ausziehe oder nicht, weil wir möglicherweise auf der sonnigen Terrasse Platz nehmen könnten, ergießt sich ein fröhlicher Wortschwall über mich. Er kommt aus Sandra Steiners Mund und er wird nicht verebben, ehe ich ein paar Stunden später vom Hof fahre. Die 24-Jährige sprüht vor Lebendigkeit. Ihre Heimat ist der Weiler Hengsberg bei Egglham, auch wenn sie mittlerweile mit ihrem Freund in Burghausen lebt. Als studierte Regionalmanagerin arbeite sie am neuen Campus.

“Vielleicht ist das Rottal noch ein Geheimtipp?”

Jetzt aber ist sie daheim, stellt die berühmten Schokobananen vom lokalen Bäcker auf den Tisch, schenkt Kaffee ein. Die Sonne scheint an diesem recht milden Nachmittag Anfang November und wir sitzen draußen. Am Horizont nur Felder, im Wohnzimmer die Mama und hin und wieder streift eine Katze am Bein entlang, während mir Sandra von ihrer Sicht auf die Heimat erzählt. Nach dem Abi war sie beim Studium in München und im fränkischen Triesdorf. Der Blick aus der Ferne hat ihren Blick aufs Daheim verändert und geschärft. Und dazu ihr Studium.

“Das Rottal kannte keiner von meinen Kommilitonen,” sagt sie. “Alle kannten höchstens Passau oder Eggenfelden – und zwar immer noch wegen Daniel Küblböck.” Sandra verzieht das Gesicht. Mit ihren Worten tanzen Mimik und Gestik, Augen, Mund, Hände – alles an ihr ist lebhaft. Und warum kennt keiner das Rottal, dafür aber die Fränkische Schweiz, das Allgäu oder den Bayerischen Wald? Sie zuckt mit den Schultern: “Vielleicht ist es einfach noch ein Geheimtipp und damit unsere Chance?”

“Ois a weng und nix gscheid”

Nach dem Abi hat sie sich an der LMU München eingeschrieben. “Ich war immer eine durchschnittliche Schülerin. Mich hat alles und nichts interessiert,” sagt Sandra. Darum auch ihre Kombi an der Uni: Geografie, Soziologie und BWL. “Ois a wenig und nix gscheid – für mich perfekt,” sagt sie und lacht. Ihr Forscherdrang war geweckt, sie hat viel gelernt und sich ganz schön durchgebissen, wie sie sagt. Gelebt hat sie damals in Rosenheim in der WG ihres früheren Freundes. “In München war’s schwer, was zu finden. Also bin ich halt gependelt. Das war ok und nebenbei hab ich mich in Rosenheim verliebt.”

Am meisten hat sie sich im Studium für Humangeografie interessiert, wo man sich mit der Frage beschäftigt: Was macht der Mensch mit der Umwelt? Sie überlegt kurz, nickt: “Mein Opa hat sich schon mit Regionalentwicklung beschäftigt. Er hat immer gesagt: Bleib stehen und schau.” Damit hat er ihren Blick für die Natur, die Landschaft, die Details geprägt. Das Weltgeschehen ist oft Thema bei den Steiners und Sandras Oma fragt immer wieder: “Was werdet ihr noch alles erleben, wie wird’s weitergehen?”

“Eine Uni mitten in der Pampa”

Da kommt die Oma schon ums Eck. Sie lebt im Haus nebenan. Ob uns nicht kalt sei? Sandra wechselt ein paar herzliche Worte mit ihr, die große Verbundenheit ist spürbar. Die Oma zieht ihre Weste enger um sich und verschwindet bald wieder im Haus. Sie gehört zu Sandras Dahoam. Sandra schaut ihr nach, überlegt, wo war sie stehengeblieben? Studium. München. Pflichtpraktika! Freilich unbezahlt oder höchstens für ein Butterbrot. Sandra hat sich die Arbeit im Vermessungsamt angeschaut – langweilig, nichts Kommunikatives, nichts für sie. Da gefiel ihr die Zeit im Rottaler Landratsamt, Abteilung Regionalentwicklung, schon besser. Dort hat sie auch ihre Bachelor-Arbeit geschrieben: Über den demografischen Wandel im Landkreis.

Und dann? Sandra stellte sich die große Frage: “Was kann ich jetzt eigentlich?” Sie wollte weitermachen, informierte sich über Masterstudiengänge. Bis sie in Triesdorf den MBA Regionalmanagement entdeckte. Aber wo liegt eigentlich Triesdorf? Sie schaute auf der Landkarte nach: Triesdorf, ein 2.000-Seelen-Dorf in Franken, “eine Uni mitten in der Pampa”. Sie bewarb sich – dazu in Passau und in Bayreuth. Und bekam drei Zusagen. Ihre Entscheidung kam schnell: Triesdorf sollte es sein.

Eine tiefe Verbundenheit, ein gesunder Stolz

“Das war Liebe auf den ersten Blick,” sagt Sandra. In Triesdorf hat sie in einem Appartement in einem alten denkmalgeschütztem Haus gewohnt, montags und dienstags gearbeitet und die restliche Woche studiert. Ihre Bauchentscheidung, nach Franken zu gehen, erwies sich für Sandra als goldrichtig: “Ich hab so viel gelernt. Der Masterstudiengang war absolut praxisorientiert. Und wir waren nur elf Studenten.” Und um was geht’s überhaupt in einem Regionalmanagement-Studium? “Um die Entwicklung von Räumen, oft um ländliche Regionen. Hier arbeitet man ergänzend zur staatlichen Regionalpolitik mit nachhaltigen alternativen Entwicklungskonzepten gemeinsam mit den Bürgern. Dafür gibt es in der EU und im Freistaat viele verschiedene Fördertöpfe und -programme,” erzählt Sandra. Auch im Masterstudium hat sie sich nach einem Praktikumsplatz umgeschaut – und wurde in Burghausen fündig. In der Stadt hat sie Einblicke in Sachen Wirtschaftsförderung bekommen und nebenbei erfahren, dass Burghausen Hochschulstandort wird…

Sandra steht auf, langsam wird es doch etwas frisch draußen. Da kommt ein kleiner Spaziergang gerade recht. Sandra zeigt mir ihre Heimat. Den Aldersbach, der hinter dem Haus dahinplätschert und einst die alte Mühle ihrer Großeltern angetrieben hat. Ihren alten Schulweg zur Bushaltestelle querfeldein. Die Sonne steht schon ganz tief, die Katzen laufen mit und die Oma schaut aus dem Fenster. Sandra erzählt Geschichten vom Biber, der am Bach sein Unwesen treibt, vom Haus, von Egglham, von den Leuten. Sie ist so spürbar hier daheim. Da ist eine tiefe Verbundenheit, auch ein gesunder Stolz – ein Schutz, eine Sicherheit, die ihr das Zuhause bietet.

Der Slogan: “Studieren, wo die Chemie stimmt”

Mit solchen Wurzeln macht es nichts, dass Sandra mittlerweile die meiste Zeit in Burghausen verbringt, wo sie mit ihrem Freund Raphael, einem Altöttinger Urgestein, lebt und arbeitet. Noch im Praktikum hat sich Sandra dem Thema Hochschule angenommen und in einer Seminararbeit ein Marketingkonzept für die Außenstelle der FH Rosenheim entwickelt. Dabei hat sie ihre heutige Chefin kennen gelernt, die sie gleich angeheuert hat. Während des Studiums hat sie am neuen Campus Teilzeit gearbeitet, mittlerweile ist Sandra in Vollzeit beschäftigt.

Studiengangsassistentin für BWL mit technischen Modulen und Marketing – so definiert sich ihr Aufgabenfeld. “Anfangs war der Job leicht. Ich war selbst noch Studentin und konnte mich gut reindenken,” sagt Sandra. Inzwischen hat sich viel verändert – Studenten uns Mitarbeiter sind mehr geworden. Der Campus-Slogan lautet: “Studieren, wo die Chemie stimmt”, die Dozenten kommen aus den Unternehmen der Region, selbstredend auch von Wacker.

“Der Campus ist eine Art Start-Up”

Inzwischen sitzen wir auf der Eckbank in der guten Stube. Der rote Kater hat sich auf dem Kanapee ausgestreckt und gerade kommt Sandras Bruder Stefan heim. Er ist gerade nach Passau umgezogen, sein Wirtschaftswissenschaften-Studium hat gerade begonnen. Sandra ist froh, jetzt einen studierenden Bruder zu haben, “damit ich nicht betriebsblind werde.” Wobei sie ihre Arbeit als sehr abwechslungsreich beschreibt: Messen, Social Media, viel Kontakt zu Studierenden und Lehrenden. “Ich arbeite im öffentlichen Dienst – aber der Campus ist noch so frisch, dass er auch eine Art Start-Up ist,” sagt sie. Sie schwärmt vom guten Team, das aus gerade mal rund 15 Leuten besteht. Es scheint ganz so, als ob sie ihr Ding mit 24 Jahren gefunden hätte.

Ein-, zweimal im Monat ist Sandra daheim in Hengsberg. Ihr Kinderzimmer ist nach wie vor für sie da. “Für mich war es wichtig, rauszukommen. Auch, um die eigene Region anders wahrnehmen zu können,” sagt sie. So denkt sie, dass dem Rottal ein wenig die eigene Identität abhanden gekommen ist – auch durch die Landkreisreform: “Das war zwar schon 1972, aber trotzdem ist das Rottal immer noch kein Landkreis. Da ist das Rottal, da das Inntal und im Norden noch das Kollbachtal – und eigentlich zieht sich das geografische Rottal weit über die Landkreisgrenzen hinaus.”

“Die Leute müssen innovativ sein dürfen”

Die fehlende Identität müsste nicht sein, findet Sandra. Sie hat so manchen Landkreis, so manches Regionalmanagement kennengelernt. “Das Rottal ist schon eine sehr konservative Region, wo nach dem Motto ‘Das gab’s früher auch nicht’ gearbeitet wird,” sagt sie. “Der Rottaler Dickschädel ist halt auch kontraproduktiv. Dabei hätte das Rottal enormes Potential in Sachen Bekanntheitsförderung.” Man müsste halt einfach mal gewisse Dinge ausprobieren und an die kommenden Generationen denken, sich was trauen. “Als Schlüsselbegriff wird immer Innovation genannt – aber dann müssen die Leute mit Ideen auch innovativ sein dürfen,” sagt Sandra.

Sie erzählt von der ausgezeichneten Situation Egglhams: Die 2.000-Seelen-Gemeinde steht mit Kindergarten, Arzt, Apotheke, neuer Grundschule, Edeka, Metzger und Bäcker gut da – nicht zuletzt dank Vitamin B, wie sie sagt. “Momentan gibt’s in Egglham wenig Baugrund – das ist ein Problem. Und ein Problem sind die Leerstände im Ort.” Was das Regionalmanagement angeht, sagt sie sehr diplomatisch: “Es gibt immer nur individuelle Lösungen – nie die eine. Und das ist die Herausforderung daran.”

Wenn  sie dem Rottal was wünschen dürfte, dann wären das “viele mutige und offene Leute, sich sich trauen, was zu machen – und die dabei auch unterstützt werden. Ich wünsche der Region Innovationen – in welchem Bereich auch immer. Die Region braucht Menschen, die zeigen, dass es auch im ländlichen Bereich klappen kann.” Und sie mutmaßt, dass dabei durchaus der Rottaler Dickschädel hilfreich sein könnte. Langfristig kann sich Sandra durchaus vorstellen, wieder in Egglham zu wohnen. “Das ist einfach mein Heimatdorf.”

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