Simon Strobl: Die Drehscheibe und der Sinn des Lebens

Simon Strobl schneidet mit Draht eine Portion Ton ab, wiegt das Material genau, bevor er es ein wenig geschmeidiger knetet. Seine Lederschürze sieht so aus, als ob sie schon viele Arbeitsstunden mitgemacht hätte. Seine Werkstatt bei Griesbach hat er sich neu eingerichtet. Das Tor ist geöffnet, die Morgensonne scheint herein. Simon kontrolliert den Brennofen, dessen Temperatur noch zu hoch ist, um ihn zu öffnen. „Schade,“ sagt er. Gern hätte er seine neuesten Entwürfe gezeigt. Eine große Auswahl fertiger Stücke steht in zu Regalen umfunktionierten Kisten. Kannen, Teller, Schüsseln, Tassen, hinten im Eck fertig gekaufte Rohlinge für die Workshop-Reihe DesignTeilen. Simon nimmt den Klumpen Ton und setzt sich an die Drehscheibe.

„Ich hab im Dreck gespielt, bis es Sinn gemacht hat“

„Früher hat man seinen Ton selbst hergestellt, aber das macht man fast nicht mehr. Das ist zu aufwändig,“ erzählt er. Sein Geschirr kommt gut an. Dabei ist es erst knapp eineinhalb Jahre her, dass sich der 30-Jährige überhaupt mit dem Material Ton angefreundet hat. Es kam so, wie es oft im Leben kommt: unverhofft. Simon lacht und erzählt seine Geschichte. „Günni hatte sein Lazy Cat Café noch nicht eröffnet. Als er über Instagram Büsten – die ich im Studium modelliert habe – gesehen hat, fragte er mich, ob – wenn ich schon Köpfe modellieren kann – auch Geschirr machen könnte? Ich sagte ja, obwohl ich es nicht konnte… Daraufhin brachte ich mir das Drehen innerhalb zwei Wochen bei. Die ersten Tassen waren ziemlich klein und ausbaufähig.“

Eine Ecke im Wohnzimmer wurde zur Töpferei. Simon deckte Wände und Boden mit Folien ab und legte los. „Ich hab im Dreck gespielt, bis es Sinn gemacht hat,“ sagt er und muss wieder lachen. Warm und herzlich klingt das, die Augen lachen mit. Damals war er noch Student und erfreut, auf so coole Art und Weise ein paar Euro zu verdienen. Zehn Stunden verbrachte Simon täglich an der Töpferscheibe, bis er nach zwei Wochen wörtlich den Dreh heraus hatte. „Das Zentrieren ist das Schwierigste,“ sagt er. „Stabil muss es sein.“

Er zeigt, was er damit meint, setzt die Scheibe in Bewegung, legt einen kleinen Klumpen Ton drauf, presst die Hände hinein. Seine Finger erzeugen Rillen, sein Daumen formt nach, bis eine flache, gleichmäßige Form entstanden ist. Daraus wird weder Tasse noch Teller, das ist nur der Haftgrund. Auf diesen legt Simon eine kleinere Scheibe – nun erst kann es losgehen. Die kleinere Scheibe dient als Arbeitsfläche. Simon nimmt die restliche Portion Ton, feuchtet die Hände an und beginnt.

„Das konnte es nicht gewesen sein“

Ja, unverhofft kam er zu seinem heutigen Metier. Mit 15 Jahren begann er eine Ausbildung zum Maler und Lackierer. Als Teenager musste er auf dem Bau nicht nur das machen, was sein Berufsbild verlangte – Kanalrohre verlegen, zum Beispiel. „Als ich da im Graben stand, hörte ich den inneren Weckruf. Das konnte es nicht gewesen sein,“ sagt Simon und runzelt die Stirn. Mit dem Gesellenbrief hätte er halbherzig die BOS im Sinn gehabt, woraus nichts wurde. 17 war er da, mitten in der Pubertät, Weggehen und Führerschein machen waren wichtiger als irgendeine Zukunft sichern. Also doch erst mal Zivildienst. „Die Zeit war wichtig, um mich zu finden. Und ich hab nicht nur mich gefunden, sondern auch meinen besten Freund, den Pidi.“ Simons Wunsch nach einer eigenen Wohnung erfüllte sich, als er kurzerhand in Pidis Bandprobenraum zog. Endlich Privatsphäre.

Nach dem Zivi musste Simon eine Antwort auf die Frage „Was nun?“ finden. Das Abi hätte er gern gemacht, allerdings fehlte ihm das Geld dazu. Also erst mal arbeiten. Als Postbote sparte er sich innerhalb vier Jahre 10.000 Euro an, um dann die Aufnahmeprüfung für die FOS zu bestehen: „Ich habe mich für den Sozialzweig entschieden, weil mich selbst damals die Fragen beschäftigten, wie Persönlichkeiten entstehen, was in den Menschen vorgeht. Pädagogik und Psychologie waren also genau richtig.“ Nach Praktika in einem Kindergarten und einem Reha-Zentrum überlegte Simon kurz, den Beruf des Erziehers zu erlernen, konzentrierte sich aber dann doch lieber auf das Fachabitur.

Simon hält den sich drehenden Tonklumpen mit beiden Händen fest, langt immer wieder in den kleinen Eimer mit Wasser, um alles schön rutschig zu halten. Er bewegt die Hände langsam nach oben, zieht das Material in die Länge, gibt ihm eine erste Form. Immer wieder macht er das, feuchtet den Ton an, sitzt breitbeinig und gerade an der Scheibe, konzentriert und ruhig. Mit der Höhe scheint er zufrieden zu sein, als er mit dem Daumen oben eine Vertiefung hineindrückt. Schnell entsteht ein Rand, den er mit beiden Händen gleichmäßig formt. Immer wieder geht eine Hand zum Wassereimer, der graubraune Ton glänzt über der feinen Körnung, der Motor der Drehscheibe schnurrt.

„Die Leute fragen immer danach, was man macht – nie, wer man ist“

„Das bestandene Fachabitur war etwas Besonderes für mich,“ sagt Simon. „Ich hatte immer Angst, zu versagen und wieder im Graben meines Ausbildungsberufs zu landen. Den Weg bis zum Abi hatte ich mir wirklich hart erarbeitet. Darum wollte ich mich belohnen.“ Und zwar mit etwas, das ihm Freude bereiten sollte, etwas Kreativem, das ihn ein zu enges System ersparen würde. Noch eine Aufnahmeprüfung stand ihm bevor, dann stürzte er sich freudig in sein Kunststudium in Linz. Das Studium trug weiter zu seiner Persönlichkeitsbildung bei, wie er selbst sagt. „Die Leute fragen immer danach, was man macht – nie, wer man ist,“ stellt Simon fest. „Im Studium hat gezählt, wer man ist – die Projekte waren ausschließlich persönlichkeitsbezogen. Es ging darum, nicht austauschbar zu sein.“

Im ersten Semester spielte es keine Rolle, ob ein Student von Kunst Ahnung hatte oder nicht. Ein Thema wurde vorgegeben: „Kuh – Gnu“. Was anfangen mit zweierlei Rindviechern? Ohne Anleitung, ohne handwerkliches Können keine leichte Aufgabe, vor allem nicht nach jahrelanger regelschulischer Konditionierung. Doch Simon fiel schließlich was ein: Seine Mama hat eine Hundepension und Simons Job war es als Kind, die Kutteln zu trocknen und zu entfetten. „Davor hatte ich einen echten Ekel,“ sagt er und muss lachen. „Diese negative Erinnerung wollte ich zu etwas Ästhetischem umwandeln.“ Also schnappte er sich einen frischen Pansen und funktionierte den einstigen Kuhmagen zur Lampe um. Der Gestank war umwerfend, aber die Profs mussten sich das Werk ansehen, um es auch beurteilen zu können. Die Kutteln benutzte Simon, um mit ihrer gleichmäßigen Oberflächenstruktur Gipsabdrücke herzustellen. „Daraus entwickelte sich meine Vorliebe zum Plastischen.“

„Ich bin der, der ich eben bin“

Auf der Drehscheibe ist nun ganz klar ein Gefäß erkennbar. Simon drückt die Fingerspitzen an die Außenwand, lässt die typischen ungleichmäßigen Rillen seiner Krüge entstehen. Noch einmal anfeuchten, ein Blick von allen Seiten – fertig. Mit einem Holzzirkel überprüft er den Durchmesser und die Dicke des Rands. Passt. „Mittlerweile hab ich ein gutes Gefühl dafür,“ sagt Simon und löst den Krug mit einem Draht von der Scheibe. Zum Antrocknen stellt er das Stück auf ein Regal in die Sonne, die Finger wischt er sich an der Schürze ab. Später ergänzt er den Krug mit einem Henkelhalter. Der Henkel selbst kommt erst viel später hinzu: Er ist aus Holz maßangefertigt von einem bekannten Drechsler aus Pfarrkirchen und gleichzeitig ein Flaschenöffner.

Simon erzählt weiter vom Studium, vom freien Ausleben seiner Kreativität, von den vielen Möglichkeiten, sich auszudrücken. In einem Kurs für Drehbuch und Filmschnitt stellte er mit Kommilitonen Flüchtlingsgeschichten dar, führte Interviews, tastete sich an die Umsetzung heran. „Es ging nicht darum, etwas zu lernen, sondern einfach zu machen,“ sagt er. „Das war eine gute Erfahrung fürs Leben – es gab kein Richtig oder Falsch.“ Am Ende des Bachelor-Studiums wollte Simon wissen, was er mochte und auch konnte. Weil er immer recht sportlich war, neben dem Studium die Lizenz zum Fitnesstrainer machte und eben nicht wie der prototypische Designstudent daherkam, verband er in seiner Bachelor-Arbeit beide Interessen: Er baute ein Rad, das sich auf unterschiedliche Arten antreiben lässt, nicht nur mit den Beinen. „An der Uni kam ich wie der Sportler rüber, privat wurde ich als der kreative Künstler wahrgenommen. Da stellte ich mir schon die Frage, wer ich nun eigentlich war. Die Antwort beantwortete ich mir später: Der, der ich eben bin.“

„Was sollte ich mit einem Kunststudium machen?“

Aktuell wird Simon von seinem Umfeld als „der Tassentöpfer vom Lazy Cat“ gesehen. Das ist aber nur ein Aspekt seines Lebens. Nicht nur, dass er seit sieben Monaten Papa ist, außerdem arbeitet er als Fachlehrer an der Montessori-Schule in Rotthalmünster. „Mal ehrlich – was sollte ich mit einem Kunststudium machen? Ich will behaupten, die meisten Studiengänge sind gut, um die Persönlichkeitsreife voranzutreiben, aber nicht geeignet, um am Ende mit einem Beruf dazustehen,“ sagt Simon und putzt die Drehscheibe. Tragisch findet er das nicht. Im Gegenteil, er freut sich, dass neue, selbst geschaffene Berufe entstehen, dass sich aufgeschlossene Menschen mit vielerlei Thematiken auseinandersetzen. Fachliches, Marketing, Finanzen – all das vereint auch sein Tun.

Die Drehscheibe ist sauber, Simon zieht die Schürze aus und hängt sie an einen zur Garderobe umfunktionierten Ast. In der Ecke neben dem Brennofen steht ein Tisch mit einem glatten Stoff, darauf stellt er eine fertige Tasse mit Teller, beides in einem satten Ockerton namens „Ozelot“. Er knipst kleine Scheinwerfertüten an, geht mit seinem Smartphone in die Hocke und macht noch geschwind ein paar Fotos für Instagram. Manchmal legt er eine Blüte dazu, fotografiert Details wie Henkel oder Struktur. Noch ein Blick auf die Temperatur des Brennofens. Immer noch nicht kühl genug, um das Gerät zu öffnen. Simon räumt den Ton weg, zeigt noch geschwind das Regal mit all den Glasuren und Farben. Dabei glitzert es vor Begeisterung in seinen Augen.

„Wer die alten Maßstäbe einhält, versklavt sich“

Später trinkt er in Pfarrkirchen im Lazy Cat Coffeehouse einen Kaffee aus einer seiner eigenen Tassen. Im Regal stehen neben Kaffeebohnen und Gin seine Tassen und Teller, aktuell handgedrehte Kaffeefilterhalter in blau glänzenden Steinzeugglasuren. Simon plaudert ein wenig mit Güner, grüßt hereinkommende Gäste. Er ist locker und wirkt zufrieden mit seinem Sein. Ist er auch, wie er sagt: „Ich freue mich, etwas aus innerem Antrieb zu machen. Mein Tun ist selbst gewählt. Ich entscheide, was, wie viel und wann ich was mache. Die alten Maßstäbe und Definitionen von Arbeit sind überholt. Wer diese Maßstäbe einhält, versklavt sich. Materieller Besitz bedeutet nicht Freiheit, sondern Gebundenheit.“ Simon freut sich, dass er immer mehr Gleichgesinnte trifft.

Die Arbeit an der Montessori-Schule tut ihm gut. Beim Vorstellungsgespräch wurde auf die Persönlichkeit Wert gelegt. „Ich bin sehr dankbar dafür, dass sie mir als Quereinsteiger vertraut haben,“ sagt Simon. „Ich fühle mich gesehen und das ist großartig.“ Die Arbeit an der Schule gibt ihm Rückhalt, ein 9-5-Job wäre nicht sein Ding. Er sagt mit einem Lachen: „Das Verständnis aus dem Umfeld fehlt oft. Die meisten Leute sind von sieben bis 18 Uhr aus dem Haus, haben 28 Tage lang Urlaub, bekommen ihren Lohn. Wie sollen sie mich da verstehen?“

Mit Freundin Sheron und Tochter Neyla lebt Simon in Pfarrkirchen, mitten am Stadtplatz. Er mag die kleine Stadt auf dem Land, kennt nach Zeiten in Linz und München die Unterschiede. Darum weiß er, dass es auf dem Land leichter ist, Dinge schneller umzusetzen. Unkomplizierte Verbindungen, gegenseitige Unterstützung sind einfacher zu haben. Seine Ausrüstung zum Beispiel, Drehscheine und Brennofen, hat ihm eine Freundin seiner Mutter geschenkt, einfach so, weil sie in ihm Talent erkannt hat. „Das ist großartig – ich hätte mir das nicht leisten können,“ sagt er mit Respekt.

„Meine Keramik muss benutzt werden“

Simon ist froh darüber, wie alles gekommen ist. Er hat Familie und Freunde um sich, weiß was er tut, tut was er mag. Angst vorm Scheitern hatte er nicht, im Gegenteil. Seine kleine Familie war für ihn ein extremer Ansporn, etwas zu schaffen, wie er sagt. Gleichzeitig ist er froh darüber, dass ihn seine Freundin immer in seinem Vorhaben unterstützt hat, „normal ist das nicht, wenn man grade Vater geworden ist.“ Nach einem Jahr kann Simon von sich behaupten, dass aus einem Versuch eine respektierte Tätigkeit gewachsen ist. Seine Keramik ist echte Handarbeit, vom Formen bis zum Glasieren.

Die Kaffeemaschine brummt, sein Geschirr klappert, er lächelt: „Meine Keramik ist nicht dazu da, herumzustehen. Sie muss benutzt werden.“ Er sieht sich als Kunsthandwerker mit eigenem Design. Apropos – in den Workshops Design-TAT-Ort im Glasbau e.V. in Pfarrkirchen, die er mit einem Freund, der ihn in Sachen Marketing unterstützt, aufzieht, vermittelt er Aufgeschlossenen seine Freude am Schaffen: Hier kann Rohkeramik gestaltet werden, nebenbei sitzt man bei Essen, Trinken und Musik lässig zusammen. „Das ist der perfekte erste Schritt, Keramik kennenzulernen,“ sagt Simon. „Man fühlt sich schöpferisch – mit Funktion.“

Nächster Termin ist am 17. November 2019:  Design-TAT-Ort von 12 bis 16 Uhr im Glasbau e.V. in Pfarrkrichen. Anmeldung unter 0171-5018354 oder über Facebook „Design-TAT-ort“.

Ein weiterer wichtiger Termin: Im Januar eröffnet Simons Onlineshop.

Hier ist eine Auswahl an Simons Keramik zu bewundern:

Das Rotter Gsichter Magazin
Das Rottaler Gsichter Magazin

Print ist das neue Digital! Die Rottaler Gsichter gibt’s ab 1. Juli 2019 auch als MAGAZIN! Wie gewohnt mit Portraits von Rottalern – und obendrein mit mehr Gschichten, Menschen, Gedanken und Einblicken. Zum Anfassen. Aus Papier. In Echt.

Hier gibt’s weitere Infos…

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