Theatermacher Uwe Lohr: „In meinem Leben hat alles so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt habe“

Frühmorgens ist ein Theater ein anderer Ort als abends, wenn die Vorstellungen beginnen, wenn diese einzigartige feierliche Mischung aus leiser Spannung und neugieriger Vorfreude in der Luft liegt. Frühmorgens duftet das Theater nach Kaffee und Arbeit: Im Büro wird telefoniert, in der Schreinerei fliegen die Späne für das nächste Bühnenbild, in der Schneiderei rattert die Nähmaschine, in der Maske wird eine Perücke bestückt und auf der Bühne das Licht eingestellt. Und unten im Theatercafé werden hinter der Theke Gläser poliert und nebenan geprobt für die „Nightline“. Uwe Lohr macht den ersten seiner täglichen Rundgänge, wünscht einen guten Morgen, schaut, ob alles läuft oder ihn jemand braucht. Seit der Saison 2014/2015 ist er Intendant des Theater an der Rott.

Kein altes Fahrwasser

Dass es so weit gekommen ist mit ihm, hat Uwe Lohr nicht geplant. In der Zeit seines Vorgängers Karl Sibelius war er für alles Erdenkliche zuständig, in erster Linie als Betriebsdirektor für die Finanzen. Nachdem Karl Sibelius Eggenfelden verließ, hatte Uwe Lohr schon seine Wohnung gekündigt und wollte zu weiteren, noch unbekannten Ufern aufbrechen. Sein Zweijahresvertrag wäre ohnehin abgelaufen und er war offen für Neues. „Länger als zwei, drei Jahre hält es mich nirgendwo,“ sagt der 42-Jährige.

Doch das Leben und nicht zuletzt der Kulturausschuss hatten anderes mit ihm vor. Er wurde einstimmig zum neuen Intendanten des deutschlandweit einzigen Landkreistheaters gewählt. Nun denn. Dann eben doch bleiben und als Intendant schauen, was sich machen ließe mit dem Theater um das Theater. Sein Freund Karl Sibelius hatte die alten Strukturen ordentlich aufgewirbelt. Mit dem Vorschlaghammer, weil der „Stachel im Fleisch der Gemütlichkeit“ fest sitzen sollte, wie sein Credo lautete. Uwe Lohrs Ziel war es nun, die Wogen zu glätten – aber keinesfalls wieder ins alte Fahrwasser zu kommen. Mit Erfolg: Die Vorstellungen sind gut besucht, das Theater schreibt schwarze Zahlen, heimst Preise ein und bietet dem Publikum eine gesunde Mischung aus Tradition und Innovation.

„Mein Fokus liegt auf der Region“

„Als Intendant habe ich den Anspruch, Menschen mit künstlerischer Kreativität zu finden, die sie mit Fokus auf die Region umsetzen können,“ sagt Uwe Lohr. Er hat wieder ein festes Ensemble eingeführt, das mit Gastregisseuren sämtliche Stücke aufführt. Seit seiner Intendanz gibt es zudem die Jungen Hunde, die Kinder- und Jugendsparte des Theaters. „Im Austausch mit großen Häusern wird immer gestaunt, dass wir mit einem relativ kleinen Team und Budget so viel schaffen,“ sagt Uwe Lohr. In seiner Stimme schwingt schon ein klein wenig Stolz mit, aber auch Ehrgeiz und das Wissen ums Ganze. Und das Ganze, so sein Plan, muss auch mal ohne ihn funktionieren können, dann, wenn er irgendwann sein Zepter dem nächsten Intendanten übergibt. „Es fühlt sich für mich lohnend an, meine Zeit und Energie in dieses Haus zu stecken. Meine Nachfolger sollen darauf aufbauen könne, ohne dass die einzelnen Abteilungen große Umwälzungen mitmachen müssen.“ Um das zu erreichen, wird es ab der nächsten Saison eine eigene Stelle für die Disposition geben. „Die Strukturen verfestigen sich und die Planungen werden konkreter. Das ist gut zu sehen.“

Uwe Lohr trinkt Kaffee, wirkt entspannt und gleichzeitig ein wenig freudig aufgekratzt. Er ist ganz offensichtlich kein Künstler, sondern das ausgleichende Element im Hintergrund, das alle Fäden zusammenhält. Jetzt, gegen Ende der Saison, spürt er die Erschöpfung durchaus, wie er sagt. „Aber das ist kein Vergleich mehr zu den ersten beiden Spielzeiten. Da bin ich im Frühling auf dem Zahnfleisch daher gekommen.“ Kein Wunder bei 80 Wochenstunden Arbeit. Inzwischen ist er bei 60 angekommen – auch, weil er nur mehr ein Stück anstatt drei selbst inszeniert. Er lacht gemütlich und redet „schön“, obwohl er seine österreichische Herkunft weder verleugnen kann noch mag.

„Regisseur passt besser zu mir“

Geboren wurde Uwe Lohr in Leonding bei Linz, „20.000 Einwohner und damit größer als Eggenfelden.“ Seinen Vater hat er mit sechs Jahren verloren. Er hat eine ältere Schwester, die heute Krankenschwester ist. Er selbst wollte als Kind Polizist werden, „bis ich kapiert habe, dass ich die Geldstrafen nicht selbst behalten darf.“ Uwe Lohr beschreibt sich selbst als sehr erwachsenes Kind, das wusste, was es wollte und was nicht. „Länger als bis zehn Uhr aufbleiben, war eine Qual für mich. Und ich konnte noch nie länger als sechs Stunden am Stück schlafen. Wenn ich also um vier Uhr wach wurde, dachte ich einfach viel nach.“ Das hält er übrigens bis heute so.

In Linz hat er das Ganztags-Gymnasium Aloisianum besucht, wo er erstmals mit dem Theater in Berührung kam. Das Schultheater zog ihn so sehr in den Bann, dass nach dem Abitur sein Entschluss feststand: Ich werde Schauspieler! „Meine Mutter war erst am Boden zerstört. Damals machte so mancher Skandal am Theater seine Runde. Aber sie hätte sich nie in meine Berufswahl eingemischt.“ Also spazierte er mutig zum Vorsprechen ins Max-Reinhardt-Seminar nach Wien – und wurde prompt abgelehnt. Dann lieber doch erst mal studieren. Uwe Lohr blieb trotzdem in Wien, beschäftigte sich mit Theaterwissenschaft und Publizistik bis hin zum Doktortitel und fand bei diversen Hospitanzen am Theater in der Josefstadt schnell heraus: „Regisseur passt besser zu mir.“

„Das Kaufmännische hat noch gefehlt“

Als einen wichtigen Mentor nennt er Oskar-Preisträger Helmut Griem: „Durch ihn ist bei mir ein Knopf aufgegangen.“ Ein weiterer wichtiger Theatermann ist für Uwe Lohr Günter Rainer, den er als Produktionsassistent am Linzer Landestheater kennenlernte und der ihn ebenfalls auf seinem Weg weiterbrachte. In Linz wurde Uwe Lohr für zwei Jahre als Regieassistent engagiert. „Ich wollte unbedingt selbst inszenieren,“ sagt er. Mit seinem Kollegen und mittlerweile langjährigem Freund Martin Dreiling gründete er das Hoftheater Mauthausen, das bis 2013 existierte. Mittlerweile hat Uwe Lohr bei über 50 Inszenierungen Regie geführt, „da war alles dabei – vom Kindertheater bis zur Operette.“

Nach Eggenfelden ist Uwe Lohr Karl Sibelius‘ Ruf gefolgt, „weil das Kaufmännische noch in meiner Biografie gefehlt hat.“ Er kannte die Stadt bereits zuvor: Bei einer Linzer Sommerproduktion auf der Tillysburg wurde nach der passenden Ausstattung gesucht – dabei kam man auf den Kostümverleih Vogl. Ohne zu wissen, dass es in Eggenfelden ein Theater gab, besuchte Uwe Lohr 2007 die Stadt. Wenn er damals schon gewusst hätte… Er lacht und sagt: „In meinem Leben hat alles so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt habe.“ Das sitzt! Und das erklärt womöglich diese spürbare Ausgeglichenheit, die Uwe Lohr umgibt – diese tiefe Zuversicht, obwohl es gleichzeitig auch mal in ihm brodeln mag.

„Das Theater ist unser Baby“

Einen großen Anteil daran hat gewiss Elke Schwab-Lohr. Die beiden haben sich im Studium in Wien kennen gelernt und führten lange Zeit eine Wochenendbeziehung. Sie lebte in Wien, er in Linz. „Dann hat’s aber irgendwann gereicht,“ sagt Uwe Lohr. Darum war für ihn klar: „Eggenfelden ist nur eine Option, wenn wir beide dort arbeiten können.“ Und so ist es nun das Ehepaar Schwab-Lohr, das an der Theater-Spitze steht – er als Intendant und sie als stellvertretende künstlerische Leitung, Dramaturgin, Regisseurin und Auffangende für all das, was Uwe Lohr alleine nicht schaffen kann. „Elke nimmt mir viel Büroarbeit ab,“ sagt er.

Das Zuhause der beiden ist Privatzone – hier muss das Theater auch mal draußen bleiben. Beim gemeinsamen Essen gelingt es hin und wieder, bewusst nicht über die Arbeit zu sprechen. Selten sind Kollegen zu Gast. Und dennoch: „Das Theater ist unser Baby, unsere gemeinsame Herausforderung.“ Zeit für allzu viel Zweisamkeit oder eigene Hobbys bleibt kaum. Uwe Lohr schwimmt leidenschaftlich gern in Seen, derzeit leider viel zu selten. Und auch seinem Oldtimer, einen 7er BMW aus dem Jahre 1978, kann er nicht so viel Aufmerksamkeit schenken wie damals, als er ihn großteils eigenhändig restaurierte. Er grillt und isst gern – oder liegt auch einfach nur nichtstuend auf dem Sofa. Selbst für so sympathisch Unspektakuläres wird er erst in der knappen Sommerpause Zeit finden.

„Sei ein Schwamm“

„Ich wusste schon, was der Theaterjob mit sich bringt – aber manchmal war ich sehr blauäugig,“ gibt er zu. Das fing schon damals in seiner Studienzeit am Theater in der Josefstadt an, als der Regieassistent krank wurde und er mit nahezu null Erfahrung einspringen musste. „Der Fall Furtwängler“ wurde zu seinem Spezialfall und hat sich tief eingeprägt: „Ich habe viel gelernt mit einem absolut erfahrenen Team. Seitdem ist mein Anspruch an mich selbst: Sei erst mal ein Schwamm und sauge alles auf.“ So hielt Uwe Lohr es auch mit Eggenfelden. In der Zeit als Betriebsdirektor lernte er das Theater an der Rott in- und auswendig kennen. „Das Haus hat eine super Energie, das habe ich von Anfang an gespürt,“ sagt er.

Indes wird der Kulturbegriff neu beachtet, neu gedacht – und auf kapitalistische Weise schätzen gelernt. „Kultur als weicher Standortfaktor“ – das ist die neue Erkenntnis schlechthin. Gute Arbeitskräfte kommen und bleiben also, wenn das kulturelle Angebot einer Region stimmt. Zumindest das Theater an der Rott profitiert von dieser Erkenntnis – seitens des Landkreises selbst, aber auch seitens Unternehmen, die als Sponsoren und Unterstützer ihren Beitrag zum künstlerischen sowie substantiellen Erhalt der Kulturstätte beitragen. Die Zusammenarbeit mit dem Landratsamt und Landrat Michael Fahmüller ist für Uwe Lohr die Basis und die funktioniert sehr gut: „Herr Fahmüller sieht unsere gute Arbeit anhand der Zahlen und unterstützt uns entsprechend. Beim Künstlerischen lässt er uns freie Hand, das ist keine Selbstverständlichkeit.“

„Die Jungen Hunde sollen theaterbildend wirken“

Das Landkreistheater steht in Eggenfelden – irgendwo muss das Haus ja platziert sein. Uwe Lohr nimmt allerdings das Hintergrundrauschen deutlich wahr: „Für manche Pfarrkirchner ist das ein Problem.“ Er sieht die Konkurrenz der beiden Städtchen in der Landkreisreform begründet. „Auch nach über 40 Jahren ist die Identität des Landkreises nicht entwickelt. Das wird auch durch das Wiederaufleben des alten Kennzeichens EG nicht besser.“ Als Theatermann legt er deshalb Wert darauf, nicht nur am Haus zu spielen. So ist in der Spielzeit 2018/2019 ein Bürgerprojekt geplant, das die Besucher in alle drei Landkreisstädte führt – an einem Abend. Bestens bewährt haben sich auch die mobilen Stücke, die durch die Gasthäuser des Landkreises ziehen – in der kommenden Saison Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte. Mobil unterwegs sind dazu die Klassenzimmerstücke sowie das Senioren-Projekt, das Altenheim-Bewohnern ein Theatererlebnis beschert.

Diese Vielschichtigkeit an Theater ist Uwe Lohr wichtig. Noch immer kreist in den Köpfen vieler Menschen ein recht traditionelles Theaterbild, wo diese Kunstform auf eine vermeintlich höhere, gebildete Gesellschaftsschicht ausgelegt ist. „Viele haben bis in die Jugend keinen einzigen Theaterkontakt – und empfinden dann eine Faust-Aufführung als zu modern,“ sagt der Intendant. „Unsere Jungen Hunde sollen theaterbildend wirken.“ Wenn Theater direkt in die Klassenzimmer kommt, entfällt die Hürde einer Anreise und das Erlebnis ist durch die fehlende Distanz viel intensiver. Auch über die Besuche in den Altenheimen ist Uwe Lohr sehr glücklich: „Unsere Schauspieler haben keine Berührungsängste. Wenn schwer Demenzkranke plötzlich eine Melodie mitsummen, ist das schon beeindruckend.“ Er betont die soziale Funktion eines Theaters und dass es in dieser Kunstform um so viel mehr als nur um Unterhaltung geht.

„Ich möchte mich nicht verarscht fühlen“

Er selbst bevorzugt kein Genre, „ich möchte mich einfach wiederfinden können und mich nicht verarscht fühlen müssen. Der Bezug zum Publikum muss unbedingt da sein. Und ich liebe es, emotional berührt zu werden – dann ist ein Abend grandios.“ Was hat das Theater mit ihm als Menschen gemacht, wo er doch mehr als ein Dreiviertel seiner Lebenszeit damit zu tun hat? Uwe Lohr denkt lange nach, sagt schließlich: „Ich habe dadurch gelernt, mich selbst und die Welt um mich herum zu hinterfragen. Warum sind Situationen und Menschen so, wie sie sind? Mein Blick auf die Dinge ist offener, genauer geworden. Ich habe gelernt, zuzuhören und neutral zu bleiben. Mein Motto lautet: Leben und leben lassen.“

Was das Theater an der Rott angeht, wünscht er sich Zukunftssicherheit für „ein qualitativ hochwertiges Theater für die Region und darüber hinaus, in dem sich auch etwas ausprobieren lässt.“ Sein Vertrag läuft noch bis 2020 und dann? Uwe Lohrs Schultern zucken, er lächelt. Die Chancen auf Verlängerungen stünden wohl gut, aber will er das auch? „Auch nach sechs Jahren in Eggenfelden fühle ich mich hier noch nicht verwurzelt und das ist gut so. Entwurzelungen sind schmerzhaft. Was kommt, kann ich noch nicht sagen – aber bis zur Rente muss ich nicht unbedingt Theater machen.“ Sagt er, lächelt nochmal ausgeglichen, steht auf und holt sich noch einen Kaffee vor dem nächsten Rundgang. Gleich kommen die Schüler aus dem Studio hinter der Bühne und wollen mit ihm über das Stück sprechen.

Theater an der Rott

Dr. Uwe Lohr

Telefon: 08721-126898-0
Anschrift: Theaterstraße 1
84307 Eggenfelden

Ein Kommentar

  1. Ein schöner Bericht, der mich motiviert, auch in Eggenfelden ins Theater zu gehen; der kommende Spielplan für 2018/19 bietet weitere Gründe. Danke!

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