Verena Einwanger: Vom Haarstüberl und Harry Potter

Draußen herbstelt es schon gewaltig, die Sonne scheint und bringt die bunten Blätter noch leuchtender zur Geltung. Die Zeit zwischen den Lockdowns geht zu Ende, noch wissen wir das aber nicht. Da ist nur diese leise Ahnung, dass im Herbst der C-Virus wieder wilder werden könnte, wieder die Bremse des öffentlichen Lebens anziehen könnte, noch einmal vielen Branchen das Leben schwer machen könnte. Könnte. Noch ist es nicht so weit und doch würde Verena Einwanger jetzt nicht in ihrem Haarstüberl in Pfarrkirchen sitzen und auf ihre Freundin und Kundin Anja Felixberger warten, wenn da nicht dieser Virus wäre…

Eigentlich wäre Verena jetzt fast 1.000 Kilometer weiter nördlich, in Hamburg. Sie würde die Darsteller des Theaterstücks “Harry Potter und das verwunschene Kind” schminken, den Hauptdarsteller höchstpersönlich sogar. Sie würde ein wenig plaudern, würde sich freuen, an einem so besonderen Werk mitzuwirken. Eigentlich. Aber tatsächlich hat das Theaterstück noch nicht mal seine Premiere gefeiert. Auf diesen 15. März 2020 haben über 200 Leute hingearbeitet, bis zwei Tage vorher der Lockdown ausgerufen wurde. Die Premiere wurde zunächst auf Oktober verschoben. Und im Oktober dann auf April 2021. Was bis dahin sein wird, weiß noch niemand.

“Wir haben wie verrückt auf die Premiere hingearbeitet”

Auch Verena nicht. Nach der geplatzten Premiere saß sie ein wenig betäubt und unschlüssig in Hamburg, bevor sie beschloss, nach Hause zu kommen und erstmal zu bleiben. “Ich habe einen Zweijahresvertrag, was ziemlich toll ist in meinem Beruf,” sagt die Friseurmeisterin und Maskenbildnerin. “Es ist alles gut gelaufen, wir haben wie verrückt auf die Premiere hingearbeitet, 65-Stunden-Wochen waren normal. Und dann hat sich die Frage gestellt: Was tun?” Verena wurde in Kurzarbeit geschickt, “ein Glück in unserer Branche”, wie sie sagt.

Geplant waren acht Vorstellungen pro Woche – das Theaterstück wird in zwei Teilen aufgeführt und dauert jeweils etwa drei Stunden inklusive Pause. Fünf Maskenbildner*innen sind dafür pro Vorstellung im Einsatz, Verena ist für Harry, Ron, Polly und Hagrid zuständig und dazu für Special Effects. “Das ist sehr abwechslungsreich, viel Fantasy,” erzählt die 32-Jährige. Sie selbst hält sich an das Konzept der Designer, die die Optik der Figuren entwerfen – ein Prozess, der dauert, bis alles passt. Verena spricht, ihre Augen glänzen, man merkt: Sie macht das gerne, sie hätte sich sehr auf die Premiere gefreut, sie hadert schon mit der Ungewissheit.

“Ich mag Herausforderungen”

Und dennoch: dann ist sie halt wieder da. Ihren Freund Ben freut es. 14 Jahre ist sie schon mit ihm zusammen. Und auch Verena weiß sich im Grunde glücklich zu schätzen. Ganz neu eingezogen ist das Paar in die ausgebaute Wohnung in ihrem Elternhaus. Alles ist ganz schön schick, hat Stil, ist durchdacht und gemütlich. Verena hat eben Geschmack. Ihre Linie ist auch im Haarstüberl sichtbar, in dem sie direkt nebenan ihren ersten Beruf ausübt. Damals, nach der Schule, dachte sie sich: “Jetzt werd ich mal Friseurin und dann schaun wir mal.” In Pfarrkirchen hat sie gelernt, ein bissl Geld verdient und dann die Meisterin gemacht.

“Ich bin immer auf der Suche nach was Neuem. Ich mag Herausforderungen,” sagt sie. Die größte Herausforderung hat sie angenommen, als sie sich an der Privatschule für Maskenbildner in Berlin beworben hat. Verena bezeichnet sich als sehr heimatverbunden und musste deshalb lange überlegen – und das Haarstüberl gab es ja auch schon. Das erste Mal so weit weg von Zuhause… Damals ahnte sie nicht, dass genau das ihre Zukunft sein würde, die sie inzwischen über alles liebt. Angekommen in der Bundeshauptstadt, begannen die drei härtesten Jahre ihres Lebens, wie Verena sagt. 40 Stunden Schule pro Woche, dazu nebenbei Arbeit – wenn auch tolle Arbeit: “Die Schule hat eine Kooperation mit der Komischen Oper, da konnte ich viel Erfahrung sammeln. Genauso wie im Friedrichstadt-Palast. Das war schon toll, mitten im Geschehen zu sein. Aber nebenher natürlich auch ziemlich anstrengend und zeitintensiv.”

Fingerspitzengefühl und Menschenkenntnis

Alle zwei Wochen pendelte Verena nach Hause: Am Freitag fuhr sie heim, am Samstag arbeitete sie im Haarstüberl, am Sonntag ging es zurück nach Berlin. Der Freund, die Familie, der Freundeskreis, das Haarstüberl – all das wollte Verena nie aufgeben: “Das ist mein Anker zum Zuhause. Bis heute.” Über die anstrengende Zeit sagt sie heute: “Wenn man was will, dann schafft man es auch. Im Nachhinein liebe ich die Stadt, würde sogar hinziehen… Aber mein Freund…” Sie lacht, bezeichnet sich als die Reisende, ihn den zuhause fest Verwurzelten.

“Reisen erfüllt mich beruflich und privat. Städte geben mir viel Inspiration,” sagt sie und bezeichnet ihre Leidenschaft als gleichzeitig anstrengend und wertvoll. Seit Verena ihre Karriere als Maskenbildnerin gestartet hat, war sie übergangslos in sämtlichen Produktionen beschäftigt: bei den Bregenzer Festspielen, auf Tour mit dem Musical “Grease”, bei Musicalproduktionen wie “Tanz der Vampire” oder auch in München im Werk 7 Theater. Mit kleinen Low-Budget-Produktionen und mit Studentenprojekten fasst man in ihrer Branche Fuß und knüpft wichtige Kontakte. Da kommen nur die zu was, die die Augen offen halten und engagiert genug sind. Verena zuckt mit den Schultern, sagt: “Irgendwann kennt man sich.” Und: “Wichtig ist Fingerspitzengefühl und Menschenkenntnis.” Beides hat sie schon in den Jahren im Haarstüberl erworben.

“Das Haarstüberl ist kein Standard-Friseursalon”

Sie erzählt mehr aus ihrem reisenden Leben, richtet ihren verträumten Blick in die Ferne: Wie es ist, sich immer wieder eine neue Wohnung in neuen Städten zu suchen: spannend, “immer krasser in dieser Zeit” – mit krass meint sie auch teuer. Wie es ist, in ihrem Job ganz hinten im Gefälle zu stehen: “Naja, ganz oben stehen definitv die Schauspieler und Darsteller, oft starke Persönlichkeiten. Da braucht es viel Gespür, sich auf die Stimmungshochs und -tiefs einzulassen.” Wie es ist, zwischen den Schauspielern und den Designern zu stehen: Die Designer verlangen, dass Verena ihre Vorlagen umsetzt – die Schauspieler haben ihre eigenen Vorstellungen. Ja – und wie es ist, eine Fernbeziehung zu führen: zwiegespalten. “Ich vermisse ein wenig Struktur in meinem Leben. Aber der Mix in meinem Leben ist mir auch wichtig.”

Könnte sich Verena vorstellen, “nur” noch in ihrem Haarstüberl zu arbeiten? Sie überlegt nicht lange, schüttelt den Kopf. “Das Haarstüberl ist definitiv mein Herzstück. Ich liebe die gute Beziehung zu meinen Kunden,” sagt sie. “Das Haarstüberl ist kein Standard-Friseursalon. Darum schrecken mich die rund zwanzig Friseure in Pfarrkirchen nicht.” Nein, Standard ist ihr Salon nicht. Hier gibt es auf Wunsch nicht nur Kaffee, sondern auch Bier, hier backt die Mama Kuchen, hier bleibt man gern sitzen und genießt das Wohnzimmer-Ambiente.

Aber wenn sie sich allein für diesen Ort entscheiden müsste, dann müsste das mehr sein. Sie zeigt zur großen Werkstatt ihres Papas. Da würde sich ein Friseur-Café gut machen. Verena kommt ins Träumen und nickt: “Wer weiß, vielleicht wäre die Zeit reif, die eigenen Ideen umzusetzen. Ich hab schon das Gefühl, dass das Rottal etwas auftaut.” Ja, wer weiß… Mittlerweile ist Anja eingetrudelt, wird von Verena herzlich begrüßt. Verena fasst in Anjas Locken, “Lockis sind super”, waschen, schneiden, fönen. Ratschen, lachen, miteinander fantasieren. Und Hamburg ist gerade mehr als 1.000 Kilometer weit weg…


Aktuell hat Verena viel Zeit und freut sich über Deinen Besuch im Haarstüberl!

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Haarstüberl

Verena Einwanger

Verena Einwanger von Haarstüberl

Ein Kommentar

  1. Sehr interessante Lebensgeschichten – so lebensnah und schön niedergeschrieben. Hab grad die Rottaler Gsichter entdeckt und kann nicht mehr aufhören zu lesen.
    Wundervoll, was für tolle Menschen ich um mich herum leben in meiner lieblichen Wahlstadt Pfarrkirchen.
    Freue mich schon auf die kommende PrintAusgabe und würde auch nur zu gerne mal bei einem Event dabei sein. Die besten Wünsche für die Zukunft.

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