„So nice“ – Die Pfarrkirchner Uni und ihr Studentenverein RESP e.V.

Mit seinen Kommilitonen sitzt Severin Eder auf der Terrasse vor der Mensa. Die Studenten besprechen, was so ansteht bei ihrem Verein RESP e.V. Die meisten von ihnen sind im sechsten und somit vorletzten Semester, viele von ihnen studieren International Health Management, alle Vorlesungen und Seminare sind in English, please. Über 500 Studenten aus sagenhaften 60 Nationen bevölkern den European Campus in Pfarrkirchen, einen Ableger der Technischen Hochschule Deggendorf (THD). Severin selbst ist Rottaler und Vereinsvorsitzender. Als solcher erzählt er, wie es ist mit dem Multikulti mitten auf dem Land – an einer Uni, die aus allen Nähten platzt und einen ganz eigenen Mikrokosmos in der Landkreishauptstadt bildet…

„Wir sind wie eine kleine Familie“

Daniel kommt aus der Oberpfalz, Rebekka aus Franken. Von Pfarrkirchen haben sie vor Studienbeginn nichts gehört. Ein ganzer Campus mitten in einer kleinen Stadt im Rottal? Tatsächlich ist das Gebäude kleiner als das hiesige Gymnasium – es liegt am Stadtrand Richtung Postmünster. Auf dem angrenzenden Feld bereitet ein Landwirt in diesem Moment den Boden vor. Wie Severin kommen auch Marina und Verena aus dem Rottal. „Es klingt kitschig,“ sagen sie. „Aber weil es hier so überschaubar ist, sind wir wie eine kleine Familie.“ Das finden Janis und Lilly auch – ihre Heimat liegt in Oberbayern und sie loben den Freizeitwert der Region: Freibad, Rottauensee, Voglsam zum Beispiel.

Am Nebentisch sitzt Günni und spitzt herüber. „Er ist unser Wirt,“ sagt Severin. „Ihm gehört das Cookies.“ Wo in grauer Vorzeit das Venezia war, befindet sich nun die Lounge-Bar, mit der er das etwas karge städtische Nachtleben bereichert. Günni versorgt aber nicht nur die Pfarrkirchner Studentenschaft, er studiert auch selbst. Neben ihm hört Bilal aus Bangladesh gut zu, schiebt die Sonnenbrille zurecht, nickt. „So nice,“ sagt er. „Der Zusammenhalt, das Volksfest, alles.“

„Die Wohnsituation ist schwierig“

Severin freut das zu hören. Wirklich alles sei aber nicht „so nice“, meint er. „Die Wohnungssituation ist schwierig. Die Nachfrage ist groß, viele Wohnungen sind ziemlich klein und teuer.“ Dazu gibt es kaum Einzimmerwohnungen – und von WGs sind viele Vermieter nicht begeistert. Das einzige Wohnheim Pfarrkirchens bietet grade mal für 15 Leute Platz – nicht der Rede wert bei über 500 Studenten. In den umliegenden Dörfern oder noch weiter weg zu leben und zu pendeln, kommt für viele nicht infrage. „Gerade die internationalen Studenten haben meist kein Auto, der Nahverkehr ist nicht ausreichend ausgebaut. Zugfahren ist richtig teuer, weil es für uns keine Ermäßigung gibt,“ sagt Severin.

Er selbst hat es gut und lebt noch bequem bei seinen Eltern in Hebertsfelden. Bilal hingegen ist aufs Radl angewiesen – er strampelt von seiner Postmünsterer Wohnung zum Campus. Das geht ja noch. Weil sie so schnell keine Wohnung finden, weichen manche monatsweise aufs Hotel aus, wie Severin erzählt. Andere werden zum Dauer-Couchsurfer, haben semesterweise keine feste Bleibe. Klar, mit der schnellen Studentenschwemme habe keiner so richtig gerechnet – geplant waren anfänglich 60 Erstsemester. Daraus wurden gleich mal hundert. Und innerhalb drei Jahren hat sich diese Zahl verfünffacht.

„Jede Woche ein Event“

Wie genau sich die Deggendorfer Hochschule mit Stadt und Landkreis abstimmt, das wissen die Studenten nicht genau. Regelmäßig findet ausgehend von der THD ein so genannter Qualitätszirkel statt, für den die Semestersprecher die Meinungen und Anliegen der Studenten sammeln und weitergeben. Was daraus wird, ist unkonkret. Rebekka spricht von teilweiser schlechter Kommunikation, sie nennt als Beispiel das „Wohnen-für-Hilfe-Projekt“, das sie betreuen sollte: „Ältere Leute bieten ein Zimmer an und erhalten von den Studenten Hilfe im Haushalt und bei Besorgungen. Es ging zwar von Stadt und Hochschule aus, wurde aber nicht weiter unterstützt.“ Darum wohl ist es irgendwo im Sand verlaufen. Severin schickt sich, die Unterstützung seitens der Stadt zu loben. Altbürgermeister Georg Riedl lasse sich wie sein Nachfolger Wolfgang Beißmann regelmäßig blicken und mische sich unkompliziert unter die Studentenschaft. Neulich hat die Stadt eine Busreise in die Partnerstadt San Vicenzo organisiert. Riedl hat sich außerdem für die Vereinsgründung eingesetzt.

Gleich im ersten Semester startete RESP e.V. – die Abkürzung soll heißen: „Respect other cultures, European mind, Students Pfarrkirchen“. Als Vereinsziel haben sich die Gründer um Severin die Stärkung der studentischen Gemeinschaft auf die Fahnen geschrieben – vor allem das Miteinander der in- und ausländischen Studierenden. „Jede Woche ein Event“ lautet das Motto. Minigolf- und Volleyballturniere, Spieleabende und der gemeinsame Volksfestbesuch, bei dem sämtliche Nationen mit Dirndl und Krachlederner aufmarschierten und Maßen stemmten. Am 3. Mai wird der Campus-Maibaum aufgestellt – eine nicht nur bayerische Tradition.

Der Verein hilft bei Startschwierigkeiten

Neben all dem Spaß an der Freude unterstützen die Vereinsmitglieder – mittlerweile knapp 90 an der Zahl – die internationalen Studenten, für die die niederbayerische Tiefebene samt ländlicher Strukturen und Sprache anfangs hoffnungsloses Neuland ist. Wie für Daniel, der die mexikanische Millionenstadt Guadalajara seine Heimat nennt. Oder für Andres aus Peru, der Deutsch lernen wollte und nur Bairisch zu hören bekam. Oder auch für Daniel aus Bulgarien, der ein größeres kulturelles Angebot in Pfarrkirchen vermisst. Ein Tandem-Sprachprogramm bringt Internationale und Deutsche zusammen – so entsteht ein sprachlicher und kultureller Austausch, der oft in einer Freundschaft mündet.

Groß geschrieben wird der Sport:  2016 gründeten sich die European PANthers, die Campus-Fußballmannschaft, die im vergangenen Jahr zusammen mit befreundeten niederbayerischen Vereinen ein Turnier ausrichtete. Die Studenten sind in sämtlichen Pfarrkirchner Sportstätten aktiv und freuen sich über den freien Eintritt ins Freibad.

„Die wissen oft nicht, dass es uns gibt“

Dazu gesellen sich diverse Festivitäten. Wie das jährliche „Taste the World“-Event. „Hier bekommen 15 Nationen von uns ein Budget, mit dem sie landestypische Gerichte kochen. Jeder darf probieren,“ erzählt Severin. Eine feine Sache. Und dann gibt es das Sommerfest, bei dem die Familien der Studenten eingeladen sind – und die Pfarrkirchner Bevölkerung. Bei Live-Musik und einem feinen Programm zeigt sich die Weltoffenheit des Campus in Pfarrkirchen. Und die Pfarrkirchner? „Die wissen oft gar nicht, dass es uns gibt. Und wenn doch, fragen sie sich, was wir machen,“ sagt Severin. Der Stand des Vereins auf dem Altstadtfest dient deshalb eher zu Aufklärungszwecken, als über Studiengänge zu informieren.

International Tourism Management, Health Informatics, Medical Informatics, Industrial Engeneering und Energy SupplyTechnologies – so nennen sich die Studiengänge, weswegen die 500 jungen Leute aus der ganzen Welt in Pfarrkirchen Zwischenstopp machen. Über die Hälfte von ihnen kommt aus inzwischen aus dem Ausland – und zum Wintersemester 2018/2019 sollen nochmal 250 neue Studenten hinzukommen. Hochschule und Landkreis planen deshalb einen Ausbau des Campus, wie nicht zuletzt eine Tafel vor dem Gebäude verrät – über 600 Quadratmeter Platz sollen noch geschaffen werden. Noch sind die Baustellenfahrzeuge nicht angerückt, noch müssen die Studenten zu Prüfungen in die Stadthalle und den Brauhaussaal ausweichen.

„Wir sind definitiv reisefreudig“

Bis die Erweiterung vollendet ist, werden Severin und seine Mitstreiter schon längst nicht mehr da sein. Das vorletzte Semester liegt in den Endzügen – und dann? Da gehen die Pläne auseinander. „Man braucht schon Glück, hier im Rottal einen Job zu bekommen, der sich mit dem Studium verträgt,“ sagt Verena. „Gut ist, dass wir alle BWL-Grundlagen haben,“ meint Severin. Allesamt waren sie schon gut unterwegs in der Welt, im Auslands- und im Praxissemester. „Wir sind definitiv reisefreudig,“ sagt Daniel und lacht ein wenig schief. Viel Erfahrung für wenig Geld – das kennen sie. Manche haben das Glück, ein Stipendium erwischt zu haben, viele bekommen BAföG. Aber alle gehen einem oder mehreren Jobs nach – nicht nur während der Semesterferien. Nur gut, dass sie alle ihre kleinen und großen Probleme teilen können. Der Campus-Mikrokosmos ist halt doch wie eine kleine Familie, Kitsch hin oder her.

European Campus Pfarrkirchen Lilly

Lilly aus Oberbayern: „Ich studiere im sechsten Semester. Meinen Master will ich im Ausland machen – vielleicht in England, obwohl es da ganz schön teuer ist.“

Verena European Campus

Verena aus dem Rottal: „Ich bin gelernte Fremdsprachenkorrespondentin. Das Praxissemester hab ich im Eggenfeldener Krankenhaus und in der Kreisentwicklung gemacht. Ich arbeite als studentische Hilfskraft und kümmere mich um die Social-Media-Seiten von RESP.“

Andres European Campus

Andres aus Peru: „Zunächst war es hart für mich, Deutsch zu lernen. An der Uni waren nur drei Stunden pro Woche dafür vorgesehen – ich will aber den C1 machen. Das geht nur in Passau – ohne Auto ist das schwierig und ein Zugticket ist sehr teuer, weil es keine Ermäßigung gibt. Ich habe zwei Jobs, arbeite im Irish Pub und beim La Boveda. Das ist nicht leicht vereinbar mit dem Studium.“

Daniel European Campus

Daniel aus der Oberpfalz: „Ich hab schon in Spanien und auf Malta gearbeitet. Nach dem Studium will ich erst mal als Backpacker reisen. Als Student arbeite ich in Bad Griesbach an einer Hotelrezeption.“

Marina European Campus

Marina aus dem Rottal: „Vor dem Studium hab ich Hotelfachfrau gelernt. Jetzt bin ich im vierten Semester – was nach dem Bachelor kommt, weiß ich noch nicht. Wahrscheinlich werde ich den Master im Ausland machen.“

Daniel aus Mexico: „Ich fand das Studenten-Programm hier so toll, darum hab ich mich für Pfarrkirchen entschieden. Am Anfang war es sehr schwer, ich komme aus der Millionenstadt Guadalajara, der Hauptstadt des Tequila. Hier ist alles sehr klein und geschlossen. Mittlerweile hab ich mich daran gewöhnt. Hier sind gute Leute.“

Severin aus dem Rottal: „Ich hab in meiner Heimat Hebertsfelden Elektroniker für Geräte gelernt, dann Abi gemacht und war dann ein Jahr in Rom. Jetzt bin ich im sechsten Semester und hatte zeitweise drei Nebenjobs.“

Bilal European Campus

Bilal aus Bangladesh: „Ich bin in meinem ersten Master-Semester. Erst habe ich Pfarrkirchen gegoogelt und dachte mir: Oje! Aber die Stadt ist so nice. Man braucht die richtigen Leute um sich, dann passt das. Ich wohne in Postmünster und fahre mit dem Rad an den Campus. Das Multikulti hier ist so nice! Und das Volksfest war geil!“

Rebekka aus Franken: „Mein Auslandssemester hab ich in Thailand gemacht – Studium zwischen Uni und Palmen. Vor dem Studium hab ich Hotelfachfrau gelernt. Nach dem Studium möchte ich erst mal Berufserfahrung sammeln, bevor ich meinen Master mache.“

Daniel European Campus

Daniel aus Bulgarien: „Am Anfang hatte ich Probleme, eine Wohnung zu finden. Für Studenten ist hier nicht viel geboten, da ist es wichtig, gute Kontakte zu haben. Das Sport-Angebot ist okay, aber ich vermisse ein Kino. Es war auch schwer für mich, einen Job zu finden. Jetzt arbeite ich im Cookies.“

Janis European Campus

Janis aus Oberbayern: „In meinem Auslandssemester war ich in Finnland – in meinem Praxissemester auf Teneriffa. Nach dem Studium will ich erst mal mit dem Work&Travel-Ticket nach Neuseeland. Den Master mach ich dann in Baden-Württemberg oder in Hamburg.“

European Campus Günni

Günni aus dem Rottal: „Ich bin der Geschäftsführer vom Cookies. Zu mir kommen die Studenten gern. Ich bin ja selber einer – ich studiere International Tourism Management. Ursprünglich komme ich aus der Türkei. Ich schaffe das alles, indem ich das Leben nicht zu ernst nehme.“

Ein Kommentar

  1. Ein großartiger Bericht einer ideenreicher Studentengemeinschaft, geprägt von gelebter Internationalität. Eigentlich eine Aufgabe der Öffentlichkeitsarbeit der Hochschule. Dagegen das erfreuliche Verständnis der Obrigkeit der Stadt Pfarrkirchen.

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