Sonja und Martin Harlander: Eine Rottaler Heimat auf dem Moserhof

Als Martin Harlander noch zur Schule ging und mit dem Bus von Bayerbach nach Birnbach heimfahren sollte, konnte es schon vorkommen, dass er einfach früher ausstieg. In Kainerding, beim Hof seiner Großeltern. Da gefiel es ihm besser, da gab es immer was zu entdecken, da war dieses Gefühl, dass er sonst nirgendwo verspürte: Daheim sein. Heute, fast dreißig Jahre, einige Umzüge und viele Erlebnisse später, lebt er hier mit seiner Frau Sonja und Tochter Melinda. „Ich habe mir meine Heimat geschaffen,“ sagt er.

„Das Haus war in einem schlimmen Zustand“

Was er damit meint, ist sofort sicht- und spürbar. Das alte Bauernhaus ist tiptop saniert und das Holz leuchtet ebenso warm in der vorfrühlingshaften Sonne wie Martins Augen, wenn er die Geschichte seiner Heimatfindung erzählt. Wie so vieles begann alles mit einer Trennung. Martins frühere Beziehung ging in die Brüche und so zog er erst mal ohne große Pläne heim nach Kainerding. Da fiel ihm auf, wie sehr der Hof dem Verfall geweiht war, in dem seine Großeltern lebten. Seit der Scheidung seiner Eltern wurde der Vierseithof nicht mehr bewirtschaftet. „Mein Opa hat sich immer gewünscht, es soll weitergehen, aber ich hatte Angst vor Investitionen,“ sagt Martin.

Also ging es nicht weiter. Schon wenig später lernte Martin Sonja kennen und sie zog auf den Hof. Das war im Jahr 2010, das selbe Jahr, in dem Martin auch der Hof von seiner Mutter überschrieben wurde. „Das Haus war in einem schlimmen Zustand,“ sagt Sonja und schüttelt den Kopf. „Die Wände waren feucht, es wurde nie richtig warm – es war ehrlich gesagt eiskalt – und man musste eine Stunde zuvor den Holzofen einheizen, bevor man baden konnte.“ Die Elektrizität war völlig veraltet – in jedem Zimmer gab es maximal eine Steckdose. Das junge Paar lebte zusammen mit Martins Großeltern. Das Auskommen miteinander war nicht immer leicht. Irgendwas musste passieren. Und so stellten sich Martin und Sonja bald die schwierige Frage: Herrichten oder abreißen?

„Hätten nicht geglaubt, dass es so schön wird“

Die Antwort kam mit der Zeit, dafür umso klarer. „Erst dachten wir, wir richten alles kleinweis her,“ sagt der 35-Jährige. „Wir wollten im Bad zumindest fließend warmes Wasser.“ Beim Renovieren kamen nasse Mauern und ein nasses Fundament zum Vorschein. Dem Paar wurde klar, dass sich da nicht mal eben so schnell ein wenig was herrichten ließe. Martin wusste, dass das Haus unter Denkmalschutz stand und der Hof unter Ensembleschutz. Vielleicht bekämen sie über das Denkmalschutzamt Unterstützung? Er fragte nach, die Fachleute kamen – und waren restlos begeistert. Da wussten Sonja und Martin: Wir richten das Haus her. Komplett. Weniger begeistert vom diesem Vorhaben zeigte sich das Umfeld. Der Opa hatte kein Einsehen. „So lang er lebt, braucht’s das nicht,“ erzählt Martin über dessen Reaktion. „Die Oma sah das alles entspannter.“ Und von vielen anderen bekamen sie zu hören: Bruchbude. Abreißen. Spinnt Ihr? Was das kostet! „Dass es aber jemals so schön werden würde, hätten wir damals selbst nicht geglaubt,“ sagt Martin und lacht Sonja an.

Die Sonne scheint auf das Fichten- und Tannenholz der Fassade. Die von Hand geschnitzten Elemente werfen schöne Schatten, die hellen Haustüren machen neugierig auf’s Innenleben. Die handgeschmiedeten Fensterbeschläge heben sich mattschwarz vom Holz ab. Und die langen Balkone – auf Bairisch „Schroud“ – verleihen dem Haus das typische Rottalerische. Überhalb des alten Wagenschuppens, der heute den motorisierten Gefährten Platz bietet, befindet sich der großzügige Freisitz. Die Hausbank auf der „Gred“ aus alten Bruchsteinen und neuen Ziegeln gehört ebenso zum Gesamtbild wie Hofhund Blacky, der sein Territorium mit scharfem Gebell verteidigt und sich dann doch streicheln lässt sowie die Katzen, die sich überall sonnen und gelassen, aber wachsam die Augen zusammenzwicken.

„Man muss nicht neu bauen“

Dass das Haus noch schöner als erhofft wurde, haben Sonja und Martin allein ihrer Entscheidung zu verdanken, es zu erhalten. „Es gibt so viele alte Häuser, aus denen man was machen kann. Da muss man nicht neu bauen,“ findet Martin. Nach den positiven Aussichten, die ihnen das Denkmalschutzamt gab, sollte das Paar aber nochmal ins Straucheln geraten. „Wir haben immer mehr richtig marode Stellen entdeckt. Wurmstichige Balken und Wände im ersten Stock,“ sagt Martin und runzelt bei der Erinnerung die Stirn. „Da hat es einen Punkt gegeben, an dem sich keiner mehr rausgesehen hat.“

Bis, ja bis Sonja und Martin ihre Entdeckung machten: Josef Pongratz. Der Bauingenieur aus Falkenberg hat sich auf denkmalgeschützte Häuser spezialisiert, schaute sich den Kainerdinger Hof an – und wusste, was zu tun war. Martin und Sonja erzählen von ihm, als wäre er ein befreundeter Engel: „Er hat das Fachwissen, er wusste, wie alles anzugehen war und wie man mit dem Denkmalschutzamt reden musste.“ Hinzu gesellte sich Zimmerer Wolfgang Schießl, „ein echter Künstler mit Liebe und Muße“, wie Martin sagt. „Ratschläge, offene Ohren und ehrliche Meinungen gab es auch immer von meinem Schwiegerpapa.“ Mit dem besten Team an seiner Seite ging dann alles recht flott: Ein Bauzeichner hat das Haus vermessen und die Substanz geprüft – und die ersten Pläne entstanden.

Zunächst Luxus: ein Jahr im Wohnwagen

Alte Balken wurden analysiert und gaben das Alter des Hauses preis: 1834, also gut 180 Jahre. Ein Blick in alte Birnbacher Heimatbücher verriet, dass der Moserhof schon im Jahr 1402 bekannt war. Das Kellergewölbe wurde auf’s 15. Jahrhundert datiert. Wie meistens hat der Hofname nichts mit dem eigentlichen Nachnamen der Besitzer zu tun. „Moserhof meint den mittleren Hof – und der sind wir ja in Kainerding,“ sagt Martin. Und so sollte das altehrwürdige Gebäude genau das zurückbekommen: Würde und Anerkennung. Detailverliebt und stilecht.

Das Untergeschoss, in dem Martins Großeltern weiter leben sollten, wurde barrierefrei und behindertengerecht geplant. Der Unmut des Großvaters blieb bestehen und die Fronten verhärteten sich, als er zur Sanierung ausziehen musste. Zwar nur wenige Meter nach nebenan ins Haus von Martins Mutter, aber was soll’s: Der Opa war partout nicht einverstanden mit den Plänen seines Enkels. Auch die Obergeschosse wurden geplant – hier sollte Platz für Sonja und Martin und eventuellen Nachwuchs geschaffen werden. Für die Zeit der Sanierung zog das Paar in einen zehn Meter langen Wohnwagen, der günstig erstanden wurde. „Das war Luxus““ sagt die 33-Jährige und lacht. „Wir waren endlich für uns – nur für uns, es war warm und wir konnten bequem duschen.“

„Das ging nur mit viel Glück“

Ein Jahr lang hatten Sonja und Martin für die Sanierung eingeplant, 2012 wurde mit dem Großprojekt begonnen. „Wenn Du mich fragen würdest, ob ich das nochmal machen würde: Ja, aber mit einem anderen Zeitplan,“ sagt Martin. Gegen Ende des Projekts war das Leben im Wohnwagen gar nicht mehr so reizvoll. Der Baustellenstress und die fehlende Rückzugsmöglichkeit gingen an die Substanz. Die Hochzeitsnacht im August 2013 wollten die Harlanders schon im Haus feiern – stattdessen mussten sie doch noch mit Wohnwagenromantik vorlieb nehmen. „Am 3. Oktober haben wir zum ersten Mal im Haus geschlafen,“ erinnert sich Sonja. Dann hatten sie es geschafft. Martin und Sonja hatten ihre Heimat.

Hinter ihnen liegt ein echtes Abenteuer. Ein durchaus kostspieliges: „Mit der Förderung vom Denkmalschutzamt konnten wir grade mal die Planungskosten decken,“ verrät Martin. Und der Rest? „Eigenfinanzierung. Das ging nur mit viel Glück.“ Das Paar schaut sich schmunzelnd an – und schweigt. Die Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt hat rückblickend gut geklappt. Immer wieder hat der ihnen zugewiesene Referent vorbeigeschaut und sich versichert, dass alles bedingungsgemäß saniert wird. Den Spagat zwischen Tradition und Moderne hat das Paar geschafft: „Alles ist so geworden, wie wir es wollten. Es gab zwar Kompromisse, aber keine Einschränkungen,“ sagt Martin.

„Am Anfang wussten wir nicht viel“

Die Zeit der Sanierung war für ihn vor allem eine Zeit des Dazulernens. „Am Anfang wussten wir nicht viel,“ gibt der Haus- und Hofherr zu. Jetzt kennt er sich aus. Er weiß, dass früher das Holz nur zu bestimmten Mondtagen geschlagen wurde – und man ihm genug Zeit zum Trocknen gab. So wurden aus Fichte und Tanne beste Baustoffe. Und er weiß, wie man Holzschädlinge effektiv entfernt. Dazu wurde das komplette Haus verpackt und mit einer extra aufgebauten Heizanlage auf bis zu 190 Grad Celsius Lufttemperatur erwärmt. Es dauerte einen ganzen Tag, bis im Holkern  eine Stunde lang mindestens 55 Grad gemessen wurden. Dadurch zerfällt das Eiweiß im Holz und die Schädlinge sterben ab. Martin weiß jetzt auch, dass im Guten viel Hand- und Kunstwerk steckt. Und er weiß, dass Gut Ding eben Weile hat. Niemals jedoch Langeweile.

Dafür sorgt auch Melinda, die 2014, knapp ein Jahr nach der Fertigstellung, geboren wurde. Dadurch verbesserte sich das Verhältnis zu Martins Großeltern, auch wenn der Opa Martin gegenüber nach wie vor überzeugt davon ist, dass „es das nicht gebraucht hätte.“ Anderer Meinung waren die vielen Besucher, die am Tag des offenen Denkmals 2014 auf den Moserhof kamen. Über 500 Interessierte schauten sich die gelungene Sanierung an und Sonja und Martin gaben, unterstützt von Sonjas Eltern, eine Führung nach der anderen. 2015 machte das Paar nochmal mit, „da kamen weniger Leute und wir waren besser arrangiert,“ sagt Martin und lacht.

Typisch Rottalerisch: Kainerding und der Moserhof

In der großen Wohnküche unterm Dach lässt es sich gut leben und spielen. Sonja und Martin belegen Pizza, Melinda zeigt ihre Schätze, durchs Oberlicht blinzelt die Sonne und die Mischung aus Alt und Neu passt haargenau. Die Wärme kommt aus der Hackschnitzelheizung, der Strom von der Solaranlage auf dem Scheunendach. Auf dem riesigen Feld hinterm Haus wächst Nachschub für die Heizung, Pappeln. Davor erstreckt sich eine Streuobstwiese und ein Feldweg schlängelt sich bis in den Wald. Hier ist Ruhe angesagt. Kainerding ist ein ganz typisches Rottaler Bauerndorf und der Moserhof ein ganz typischer Rottaler Vierseithof. Hier ist die Zeit nicht stehen geblieben, weil das einfach nicht in der Natur der Sache liegt. Aber Sonja und Martin haben dem Hof eine Chance gegeben, sich heute wieder von seiner besten Seite zu zeigen.

Martin Harlander

Martin wuchs in Birnbach und Kainerding auf. Er ist gelernter Landmaschinenmechaniker und hat in der Lehre seine Liebe zum Licht entdeckt. Also begann er auch noch eine Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann in Veranstaltungstechnik. 2001 hatte er einen schweren Autounfall, den er mit viel Glück überlebte. Dieses Erlebnis bestärkte ihn darin, das zu tun, was er liebt. Heute arbeitet er wieder als Landmaschinenmechaniker, ist aber an den Wochenenden regelmäßig in Discotheken, Clubs und Veranstaltungen unterwegs und kümmert sich um die Lichttechnik. Martin liebt Legotechnik, wie die Vitrinen im Wohnzimmer verraten.

Sonja Harlander

Sonja kommt aus Roßbach. Ihre Ausbildung zur Bürokauffrau hat sie in München gemacht, kam aber wieder ins Rottal zurück. Mit ihrem Exmann lebte sie in Pfarrkirchen, bis sie über‘s Internet auf Martin aufmerksam wurde, den sie zunächst mit einem alten Schulkollegen verwechselte. Wie auch Martin hat sie ihre alte Beziehung aufgegeben, um ihr neues Glück zu versuchen. Heute arbeitet sie bei der Deutschen Vermögensberatung im Vertriebsinnendienst und putzt zweimal die Woche – beides mit Leidenschaft, wie sie sagt. Sonja liebt die Farbe Pink, was bei so manchem Detail im Haus nicht zu übersehen ist.

Melinda Harlander

Die Dreijährige besucht den Kindergarten in Bayerbach und wich mir bei meinem Besuch nicht von der Seite. Dass sie die Leidenschaft ihrer Mama übernommen hat, zeigte sich, als ich ihr pinkfarbene Bonbons anbot. Außerdem liebt sie Elsa und Hörspiele mit Benjamin Blümchen, Leberkäse und Kaba in allen Geschmacksrichtungen.

Und wie hat das Ganze vor und während der Sanierung ausgeschaut? Sonja und Martin gewähren uns einen Blick drauf:

 

Fotos von der Sanierung: Sonja und Martin Harlander / Fotos im Text: Eva Hörhammer

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