Stefanie Gruber: „In unserer Sexualität liegt unsere ganze Vitalität“

Stefanie Gruber ist Gesundpraktikerin für Sexualkultur. In ihrem Haus in Buchet bei Ruhstorf empfängt sie ihre Klientinnen – aber auch Paare, die mit ihrer Sexualität ins Reine kommen wollen. Die Frauen und Männer kommen aus dem Rottal, aber auch aus anderen Teilen Bayerns und Österreich – Regensburg, Ingolstadt, Wien, Graz. Wie arbeitet eine Gesundpraktikerin – und wie ist es um die Sexualkultur in unserer Gesellschaft bestellt? Ein weites Feld ist das. Darüber rede ich mit Stefanie Gruber.

Die Menschen berühren

Ich sitze mit der 38-Jährigen im großen Dachzimmer, sie schenkt Wasser aus einer Karaffe in bunte Gläser, der Raum verbreitet Stille, das Auge hat viel zu schauen. Auf der türkisen Couch liegen bunte Kissen, Stefanie Gruber sitzt in einem safrangelben Sessel, hinter ihr steht die Massageliege, noch weiter hinten auf einem Podest liegen eine große Matratze, dazu noch mehr Kissen. Da sehe ich große Straußenfedern, überall kleine und große Frauenfiguren, Kerzen, ein Tablett mit Massageölen, an den Wänden Bilder, in den Regalen Literatur.

Stefanie Gruber erzählt von ihrem Lebensweg und den Erfahrungen, die sie zu ihrer Arbeit gebracht haben. Sie erzählt frei und offen, dabei wirkt sie völlig entspannt und ruhig. Ihre Ausstrahlung ist stark und angenehm. Sie hat als Naturkosmetikerin gearbeitet, sich dabei immer für Massagen und Energiearbeit interessiert. „Ich wollte die Menschen schon immer berühren,“ sagt sie. Der Wendepunkt in ihrem Leben passierte bei einem Reitunfall vor neun Jahren. Ihr Pferd rutschte mit ihr im Sattel im vollen Galopp aus. Schwer verletzt hat sich Stefanie Gruber dabei nicht, der Unfall hat sie aber ordentlich durchgerüttelt. „Ich hab gespürt, dass Zeit für eine Veränderung war,“ sagt sie.

Das Ziel: Verspannungen lösen

Damals war sie längst verheiratet und Mutter von drei Kindern. Mit ihrer Familie zog sie auf das kleine Anwesen in Buchet – und besuchte ein schamanisches Seminar in Österreich. Dabei wurden Erinnerungen an den sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit geweckt. Ihr Fazit aus dem Seminar: „Heile deine weibliche Sexualität.“ Nur wie? Stefanie Gruber begann, sich erstmals intensiv mit sich selbst zu beschäftigen. Sie holte sich Unterstützung bei einer psychologischen Beraterin, besuchte Kurse in Astrologie, Körperarbeit und Holistic Pulsing. Und bekam schließlich von ihrem Mann zum Geburtstag ein Seminar namens „Im Spiegel des Vulkans“ geschenkt – eine Grundausbildung zur Massage der Frau mit Yonimassage.

Was ist nun eine Yonimassage – was überhaupt eine Yoni? „Yoni bezeichnet in der tantrischen Lehre das gesamte weibliche Sexualorgan,“ sagt Stefanie Gruber. Sie mag das Wort, weil es weder negativ behaftet ist noch lächerlich, herabwürdigend oder gar verletzend klingt. Bei der Yonimassage wird die gesamte Yoni berührt. Dahinter steht das Ziel, Verspannungen zu lösen – fast wie bei einer „gewöhnlichen“ Körpermassage. Stefanie Gruber sagt: „Die Yoni ist ein Bereich, der aufnimmt und sämtliche Erfahrungen einer Frau speichert. Diese Erfahrungen sitzen wortwörtlich tief und können nicht nur das sexuelle Wohlergehen von Frauen beeinflussen.“

„Das möchte ich weitergeben“

Ihre eigene Erfahrung mit der Yonimassage war umgreifend: Sie spürte, wie die alten Verletzungen verschwanden, fühlte sich erstmals völlig kraftvoll und ausgeglichen. Und sie wusste: „Das möchte ich weitergeben.“ Also ließ sie sich ausbilden: Bei Nhanga Ch. Grunow im Jahrestraining „Das Perlentor„. Anschließend folgte ein Jahr Assistenztraining und die Zertifizierung zur Gesundheitspraktikerin BfG für Sexualkultur. Dies ist ein Berufsverband in der Deutschen Gesellschaft für Alternative Medizin. Im Jahr 2015 machte sich Stefanie Gruber mit „Yonikraft“ selbstständig.

Nicht jeder aus ihrem Umfeld konnte diese Entscheidung begrüßen. Ihr begegnetem Unverständnis, Neugierde und ehrliches Interesse gleichermaßen. Die Reaktion ihrer 76-jährigen Oma hat Stefanie Gruber besonders gefreut: „Ach, wenn’s das schon zu unserer Zeit gegeben hätte,“ hat sie gesagt. Andere, auch weitaus jüngere Leute, wendeten sich hingegen ab. Stefanie Gruber versteht das. Sie weiß, dass Sexualität – und insbesondere die weibliche Sexualität – nach wie vor mit Tabus behaftet ist. Da mag die Gesellschaft noch so aufgeklärt und scheinbar übersexualisiert erscheinen. Immer noch stecken Angst und Scham tief in uns. Exkurs 1

„Eva hat das Paradies verraten“

Sie erzählt weiter von ihren eigenen Erfahrungen. Für sie ist das die beste Möglichkeit, zu zeigen, warum sie genau diese Arbeit macht, genau diesen Weg gegangen ist. „Hinter unserer Sexualität steht so viel mehr als ein Orgasmus – es geht um Kraft und Lebensfreude, um das Leben des eigenen Selbst,“ sagt Stefanie Gruber. „Eros hat im gesamten Leben Platz. Sinnlichkeit macht das Leben erst spürbar, erfahrbar. Zur Sinnlichkeit gehört das Wahrnehmen und Anerkennen der eigenen Gefühle. Viele Frauen fühlen sich nicht richtig und nicht wertvoll. Und es geht darum sich Zeit zu nehmen, achtsam zu sein. Dazu ist nicht unbedingt das Du notwendig, auch alleine kann eine erfüllte Sexualität möglich sein.“

Sie spricht das Thema Selbstbefriedigung an. Jeder macht’s, darüber gesprochen wird gar nicht, höchstens mit einem überspielendem Lachen. Das geht von Klein auf los, findet Stefanie Gruber. Kleinkinder entdecken ihren Körper – und damit auch den Genitalbereich. „Buben werden schon eher ermuntert, sich anzufassen – Mädchen sollen sich „da unten“ lieber nicht berühren,“ sagt die Gesundpraktikerin aus Erfahrung. „Da unten“. Das Mysterium der Weiblichkeit. Und die damit verbundenen Ängste. Woher kommt’s? Stefanie Gruber sagt’s geschwind und lacht dabei leise: „Eva hat das Paradies verraten.“ Exkurs 2 Stefanie Gruber hat keinen Groll auf die Religion, sie stellt nur fest. Und fährt dann lieber damit fort, ihre eigenen Erfahrungen zu erzählen.

Die Angst vor der eigenen Kraft

„Wer seine eigene Kraft kennenlernt, kann auch Angst davor bekommen,“ sagt Stefanie Gruber. „Wenn Frauen anfangen, zu fordern, wird’s unbequem.“ Jeder kennt das – es gibt einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt. Ist ein Gedanke erst mal gedacht oder ein Gefühl ernsthaft wahrgenommen, ist der Moment der Handlung – der Moment der Veränderung – nur noch eine Frage der Zeit. Das betrifft nicht nur einen selbst, sondern das gesamte Umfeld: Familie, Freunde, Arbeit. Mit Yonikraft bietet Stefanie Gruber Frauen genau das an: Zu sich selbst zu stehen, seine eigene Kraft zu finden.

Sie freut sich über ihre eigene Familie. Ihr Mann hat sie immer unterstützt – und auch die Kinder haben mit Verständnis auf die Veränderungen reagiert. Und alle haben auch etwas davon: Eine lebensfrohe, entspannte Frau und Mama. „Mein Mann ist stolz und liebevoll an meiner Seite – das war er schon immer. Er ist offen, schaut hinter die Dinge und lässt Erfahrungen zu.“ Stefanie Gruber sieht sich mit ihren 38 Jahren auf dem Gipfel ihrer nährenden Kraft. Sie findet ihren Ausdruck, ihre Schaffenskraft in ihrer Arbeit, in ihren Kindern, in ihrem Garten. An den vielen Details in ihrem Dachraum und dem Garten ist ersichtlich, dass sie Ideen hat – und eine Frau der Tat.

Wichtig: Präzise Kommunikation

Und so arbeitet Stefanie Gruber auch absolut praktisch: Sie massiert, berührt, ergänzt ihr Angebot mit Familienstellen und Holistic Pulsing. Sie fühlt sich ein, bewahrt die respektvolle Distanziertheit einer Gesundpraktikerin. Alle paar Wochen gibt es bei ihr einen Frauenabend, zudem regelmäßig Workshops. Die Frauen, die zu Stefanie Gruber kommen, sind zwischen Anfang 20 und Mitte 60. „Viele kommen immer wieder,“ sagt Stefanie Gruber. „Wenn alte Verletzungen auftauchen, ist das sehr schmerzhaft. Aber nach ein paar Sitzungen lösen sich die alten Geschichten.“ Oft kommt zu einem weiteren Termin der Partner mit. „Es ist oft nicht so einfach, dem Partner klar zu machen, worum es geht,“ sagt Stefanie Gruber. „Dabei geht es nicht mal vorrangig um Sex, sondern ganz grundsätzlich um Kommunikation.“ Und präzise Kommunikation ist oft gar kein Leichtes. Klar zu sagen, was man will und was nicht – puh. „Die Voraussetzung ist, seine Bedürfnisse zu kennen,“ sagt Stefanie Gruber. Klingt banal, ist es aber nicht. „Im sexuellen Bereich fehlen oft die Worte.“

Stefanie Gruber selbst findet immer die richtigen Worte. „Sex ist auch ein Ausdruck von Liebe,“ sagt sie. Das wird manchmal ganz vergessen im übersexualisierten Zeitalter. Darum sagt man „Liebe machen.“ Und das hat sehr viel mit Achtsamkeit und viel Zeit zu tun – und nichts mit Leistung und Druck. Sie erinnert sich an weitere Momente, die sie in ihrem Frausein gestärkt haben. An die Hausgeburt ihres dritten Kindes zum Beispiel. An die große Kraft, die sie dabei gespürt hat. Dass diese Kraft durchaus sexuell war. Und dass „sexuell“ eben nicht den anrüchigen Beigeschmack hat, der in unseren Köpfen so eingeprägt ist. „In unserer Sexualität liegt unsere ganze Vitalität,“ sagt Stefanie Gruber. Sie weiß Bescheid. Ihre eigene Vitalität strahlt aus ihren Augen, aus ihrem Lächeln, aus ihrer ganzen Haltung. Sie steht auf, geht die Treppe nach unten in den Garten, streichelt die Katze, freut sich über ihren wunderschönen Garten und genießt die Ruhe mitten im Leben.

 

Exkurs 1: Sexualkultur – der aktuelle Zeitgeist

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Sexualität allgegenwärtig zu sein scheint. Werbeplakate von leicht bekleideten Frauen, verbale Anzüglichkeiten, Pornografie, Sexualität als fester Bestandteil von Magazinen und Zeitungen, von Fernsehformaten und Regalen in Buchläden – das ist unser Alltag. Demnach dürfte unsere eigene Sexualität erfüllt sein. Doch ist sie das? Studien mögen darüber nicht viel aussagen – gerade beim Thema Sexualität sind wir versucht, sozial erwünschte Antworten zu geben. Die sexuelle Allgegenwärtigkeit setzt uns unter Druck – da wollen wir mithalten können. Doch eine Welt, in der wir fünfmal die Woche Geschlechtsverkehr haben, die Herren der Schöpfung stundenlang anhaltende Dauerständer und die Damen quietschvergnügte multiple Orgasmen haben, wo es weder Hemmungen noch Tabus gibt – so eine Welt existiert nicht.

Durch das Zerrbild der Sexualität entsteht Druck. Druck, nicht zu genügen, nicht perfekt genug zu sein. Der Mann: „Wie kann ich es ihr richtig besorgen – so wie in den Pornos?“ Die Frau: „Ist mein Bauch flach genug? Und hoffentlich brauche ich nicht zu lange, bis ich komme.“ In einer Gesellschaft, die so leistungs- und konsumorientiert ist, verlieren wir unsere eigenen Bedürfnisse und Gefühle schnell aus dem Blickfeld. Stattdessen orientieren wir uns nach außen. Unbeantwortet bleiben die Fragen: Wer sind wir wirklich – was wollen wir wirklich? Oder was glauben wir, wollen zu müssen? Das ist der aktuelle Zeitgeist.

Exkurs 2: Sexualkultur – die Religion

Zum aktuellen Zeitgeist (1) gesellt sich der alte Zeitgeist. Die Tradition unserer Sexualität. Wie war/ ist der Sex unserer Elterngeneration – und wie der unserer Großelterngeneration? Welche Geschichten haben wir davon gehört? Keine? Verschämte? Gab es Kopfschüttler und rote Gesichter beim Nachfragen? War der Mut für Nachfragen überhaupt vorhanden? Wie konnte Sex, die angeblich „natürlichste Sache der Welt“ derartig tabuisiert und schambesetzt werden, so sehr ins Hintertreffen gelangen, dass unseren Großeltern dafür die Worte fehlten? Scham, Sünde, Schuld, Bestrafung – das sind Worte, die an die Katholische Kirche denken lassen. Vor vielen Jahrhunderten kam das Christentum gewaltsam in unsere Kultur, die damals von unseren Vorfahren, den Kelten geprägt war. Die Kelten wiederum kannten viele Götter – und Göttinnen. Selbst, wenn es so manche mehr oder minder versteckte Zugeständnisse, nämlich christlich interpretierte heidnische Bräuche, Rituale oder Symbole gibt (die Beispiel würden schnell den Rahmen sprengen) – der Alte Weg war zu Ende gegangen.

Die Tradition des Christentums ist somit auch eine Tradition des Patriachats und eine Verdrängung des Gleichgewichts zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit.  Das Christentum ist eine Weltreligion, die nur durch knallharte Machtstrukturen zu einer solchen gelangen konnte. Machtstreben, Gewalt und Unterwerfung durch die Religion haben lange unsere Kultur geprägt, man denke an Ablasszahlungen, an die missverstandene Beichte, ans ewige Mantra der Schuld. Was für unsere Großeltern noch selbstverständlich war, Ehrfurcht (Man beachte das Wort, in dem die Angst steckt) vor der Religion – wirkt bis auf die heutige Generation nach. Und damit gemeint sind auch christliche „Tugenden“ – Keuschheit, der Mann über dem Weibe, keine Verhütung, keine Homosexualität, kein Adam-und-Eva-Kostüm, kein Untenrum, Hintenrum, keine Lebenslust – überhaupt keine Lust und keine individuelle Freiheit.

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Hier gibt’s weitere Infos…

Yonikraft

Stefanie Gruber

Telefon: 0176-1977 90 40
Anschrift: Buchet 9
94099 Ruhstorf

3 Kommentare

  1. So eine einfühlsame und berührende Reportage.
    Dass es im Rottal ein so spezielles Angebot gibt – finde ich einfach großartig.
    Ein wundervolles Beispiel einer Frau, die ihren ganz eigenen Weg geht und damit sich selbst und andere glücklich macht.
    Danke für dieses Menschenbild.

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