Franz-Jürgen Habben: „Ich habe schon im Mutterleib gemalt“

Draußen regnet es. Alles Grau in Grau. Drinnen scheint die Sonne. Drinnen ist eine andere Welt. Eine Welt, die nach Farben duftet. Es ist Franz-Jürgen Habbens Welt, die ich einen verregneten halben Spätsommertag erleben darf. In Tann, in der Fasanstraße. Als ich hereinkomme, sehe ich ihn nicht. „Da hinten im Wald bin ich,“ sagt der 74-Jährige und taucht nach einer Weile hinter einem Bündel an Skulpturen auf, die mitten in seinem Atelier bis an die Decke ragen. Manche sind ganz weiß, andere bunt bemalt.

Seine Kunst hat Sogwirkung

Bunt. Bunt scheint Franz-Jürgens Lieblingsfarbe zu sein. Seine Bilder sind bunt, sie sind lebendig und all die Wellen und Figuren, die Hände und Wirbel – sie treten aus seinen Werken heraus. Bei näherer Betrachtung. Seine Kunst hat Sogwirkung und ich stehe lange vor seinen Bildern. Manche sind klein, noch mehr sind aber riesengroß.

Franz-Jürgen stützt sich auf eine Gehhilfe, lässt sich in den Rollstuhl sinken. Vor ein paar Wochen ist er gestürzt. Notgedrungen musste er ein paar Tage im Krankenhaus und im Pflegeheim verbringen. Dann war er froh, wieder in seinem Haus zu sein. Franz-Jürgens Haus ist einmalig. Neben der Eingangstür verbirgt sich eine kleine Kochnische, dahinter ein winziges Bad. Geradeaus das Schlafzimmer. Der größte Raum ist das Atelier, an das sich ein großes, komplett gefülltes Lager anschließt. Alles voll mit seiner Kunst. Alles voll mit seinem Leben.

In ihm ist es farbig

Früher, da hat er nicht so bunt gemalt. Früher hat er sogar ganz klassisch gemalt. Aber mit dem Alter wurde es immer bunter. Ein Kontrast, der für sich spricht. Da sitzt Franz-Jürgen. Er ist nicht groß. Ein bisschen zerzaust mit Bartstoppeln. Er trägt einen naturfarbenen Wollpulli und eine Jogginghose. Es gilt, genauer hinzuschauen. Und da – die sprichwörtlichen Tore zur Seele verraten mehr. Seine Augen blitzen blau und lebendig. Sein Erzählen ist bedächtig, aber füllig. Und in ihm – da ist es so farbig wie nie zuvor. Franz-Jürgen muss selbst nichts darstellen – er stellt lieber selbst etwas her. Was er da aus sich herauslässt – das ist er. „Je mehr ich selbst verholze, umso bewegter werden meine Bilder,“ sagt er.

An den Wänden gibt es keinen freien Platz. Überall hängen Franz-Jürgens Bilder. Auch die Türen sind hinten und vorn beklebt mit Plakaten, die verraten, wo er schon überall ausgestellt hat. An der Decke baumeln Installationen, auf jedem freien Platz stehen Skulpturen. Der Malbereich ist ein Nebeneinander und Übereinander an Pinseln und Farbtuben, an losen Papieren. Dazwischen Selbstgeschriebenes, Gedanken und Worte.

Franz-Jürgens Handy klingelt. Ein Nachbar fragt, ob er für ihn einkaufen gehen soll. „Ja, bitte, Orangen. Ganz wichtig. Danke, danke.“ Franz-Jürgen redet liebenswürdig und gerührt. Er hat seine Leute, die für ihn da sind. Später bringt der Nachbar die Einkäufe vorbei. Franz-Jürgen freut sich und wechselt ein paar freundliche Worte.

Und jetzt lasse ich Franz-Jürgen lieber selbst erzählen. Nachdem ich ihm meinen Portrait-Entwurf auf acht Seiten postalisch geschickt hatte, hat er mir ebenfalls per Brief geantwortet. Seine Ergänzungen habe ich gerne aufgenommen, auch weil er schrieb: „(…) Und es ist schwer, so ein Leben in eine 8-Seiten-Wortform zu pressen. Teilweise für mich schmerzlich, mein Leben so verkürzt zu sehen, so wiederzutreffen, zusammengerafft, was sich so fein zart oder brutal im Leben abgespielt hat. (…)“


Über das Malen

Ich male ohne Plan, ohne Konstrukt. Ich fange einfach mit einer Farbe an. Dadurch entsteht eine Bewegung. Das entwickelt sich, ich bin völlig gedankenlos. Ich bin sogar ideenlos. Sonst funktioniert das nicht bei mir. Das Bild bestimmt, wie es wird. Ich muss dem nur mit meinem Gefühl folgen. Es ist Intuition. Das Bild sagt mir, was es braucht. Ich führe das nicht immer gleich aus – ich muss dem aber folgen. Eigentlich ist ein Bild in jedem Zustand „fertig“. Es braucht viel Zeit, Spontaneität, Energie und Hingabe dem nachzuspüren, was sich da gestalten will. Aus der steten Veränderung von Farben, Formen, dem erst vermeintlich richtig gut Gestalteten den Fehler zu erkennen – der aber nötig war und ist, damit über diesen Umweg die Klänge, Kontraste, Lichtquellen, die Kontinuität der Komposition stattfindet.

Jedes Bild ist bei mir eine komplexe Welt, ein universelles Ereignis. Ich bin immer skeptisch in meinem Malen, was ja das Spirituelle fordert. Schließlich ist mein bildnerisches Tun mein Auftrag, meine Danksagung an das Wunder unseres Daseins. Es ist ein Kunststück, diese Dualität von Unbewusstem und Intellekt in einem zu überwinden. Erst wenn sich der Intellekt, der Neinsager, unterordnet, beginnt es zu fließen, können sich Melodien, Farben und Harmonien entwickeln.

„… dagegen habe ich angemalt“

Ich habe von Geburt an gemalt, wahrscheinlich schon im Mutterleib. Ich bin kein Auftragsmaler. Meine Bilder entstehen ohne Zweck und Sinn. Der Sinn ergibt sich aus dem Tun. Daher habe ich mich nie kommerziell vermarktet. Denn dann hätte ich mich selbst verraten – den Sinn meines Tuns. Der Vorteil daran ist, dass ich mich zwanglos und frei auf meinen Leinwänden bewegen kann. Ich unterlag nie dem Kunsthändlerzwang, musste nie eine Masche reiten, um der Star zu sein. Hier endet die Echtheit – und dagegen habe ich angemalt. Ich male heute viel mit Acryl. Nur manchmal noch mit Öl. Auf Kunststofffarbe habe ich 1980 widerstrebend umgestellt. Aber meine Farbwelt hatte sich dahingehend entwickelt, dass es gar keinen anderen Weg gab. Zweifellos beeinflusst durch mein intensives Zeichnen mit Farbstiften auf Karton.

Und ich habe viele Selbstportraits gemalt, weil es eine malerisch bildnerische Herausforderung ist. Außerdem mangelt es an Modellen. Beim Poirtraitieren interessiert absolut nicht das Fotografische. Nach Fotos male ich nie Portraits, sondern das Archetypische, die Beziehung des Gesichts zum Licht, die Begegnung, die Farben – alles, was sonst an Seele, wunderbaren Formen die jeweilige Persönlichkeit ihr Eigen nennt. Ich portraitiere auch nicht auf Ähnlichkeit. Die ergibt sich zwangsläufig aus dem Einmaligen des Modells. Heute malt man „in Serie“, das entspricht der Leerheit, der kommerziellen Absicht des Produzenten, des so genannten Künstlers, seiner Bequemlichkeit. Letztenendes ist es ein Verrat an die eigene Begabung, an die Spiritualität. Bei mir ist jedes Werk ein selbstständiges Wesen, ein in sich bildnerisch geschlossener Kosmos, ein Bekennen zu den Klängen, Melodien unseres Daseins.

„Chaos ist nicht chaotisch“

Ich kann nie sagen, wie lange ich für ein Bild brauche. Ich sage: Ich habe 74 Jahre gebraucht, um in das Bild zu finden, das ich gerade male. In den Phasen zwischen den Leinwandbildern, den Pausen des Atemholens, zeichne ich oder arbeite an Skulpturen. Je mehr ich verholze, umso bewegter werden meine Bilder. Kreativsein ist immer noch ein Befreiungsakt, ist jeden Tag ein neues Lernen, ein neuer Aufbruch. Ich arbeite bis Mitternacht. In den 70ern wurde ich nachts sogar geweckt – von meinen Vorbildern, die mich zum Weitermalen animierten. Der weibliche Akt nach Modell war damals das, was ich am meisten malte. An diesen Bildern kann man meine Entwicklung und malerischen Veränderungen sehr gut verfolgen.

Meine Bilder sind nicht absichtlich politisch. Freilich könnte man in meinem aktuellen Bild ertrinkende Flüchtlinge erkennen. Das hat sich beim Wachsen der Farben und Formen, der Dynamik der Komposition wie zufällig, doch vom ganzen Bildgeschehen gefordert, so gestaltet. Und da gibt es derart viele Zwischenphasen der Veränderung von Farben und Formen, die alle unter dem das Richtige suchen, das unter den Pinselstrichen und Farbschichten verschwunden ist. Auch wenn es in diesem scheinbar politischen Gemälde für oberflächliche Betrachter chaotisch aussieht, wird sich die Farbe, die gewaltige Spannung der angstverknäuelten Menschen zur Meergewalt, der flehenden, beschwörenden Frauengestalt und Gebärde zum rettenden Licht hingewendet bei längerem, vertiefenden Betrachten vielleicht entschlüsseln. Die gewaltigen freiwerdenden Kontraste zwischen der expressiv fast mit der Axt bearbeiteten Körper und Farben der chaotisch geordneten Menschengruppe stehen dem riesigen lyrisch zarten Blau- und Regenbogentönen der bedrohlichen Meerwellenurgewalt gegenüber. Eine auseinandergerissene Wasserweltsituation. in der Not, Untergang, Hoffnung, Finsternis, Bedrohung, Licht und Befreiung zur extremen Harmonie finden. Bei diesem Werk hat mich Strawinskys, Bartóks, Prokofjews und Ligetis Musik berauscht und Pinselschrift, Farbe und Gestaltungskraft beflügelt. Und vor meinem inneren Auge das geliebte Mittelmeer, das ich friedfertig und bei Orkanstürmen in allem Farbenreichtum erlebte.

Mein Beginnen findet je nachdem mit Bleistiftlinien, Farbstiftstrichen, Pinselfarbstrichen und Flächen statt. Diese dahingeschmissenen Fragmente, Verwirrungen, Verknäuelungen, Zartheiten und Leichtigkeiten entzünden irgendwie meine Fantasie. Diese chaotischen Andeutungen, riesengroß oder klein, leiten mich über Irrwege, Verzweiflung, Ermutigung und Gebanntheit zum Gelingen. Über das Chaos gelange ich also zu Harmonien, die sich aus Dissonanzen zusammenfinden. Die Chaos ist nicht chaotisch. Wir kommen aus dem Chaos und gehen wieder ins Chaos. Das vermeintliche Chaos ist für mich eine spirituelle Kraft. Am Anfang ist die Tat, das Tun, das Müssen zum Gestalten.

Kindheit in Sachsen und Flucht in den Westen

Geboren wurde ich im Krieg in Sachsen, in Annaberg, das liegt im Erzgebirge. Wagner und Nietzsche sind meine Landsmänner. Mein Vater war Oberstleutnant beim Hitler. Später war er einer der ersten Computermänner bei der Ruhrkohle. Abteilungsleiter. Ja, ich komme aus einem Offizierselternhaus.

Meine Eltern, denen ich so viel Prägendes verdanke, wie sie immer sagten, haben es versäumt, mich in ein Erziehungsheim zu stecken. Mein Lebensweg war davon geprägt, mich von meinem Elternhaus und den Zwängen zu befreien. Und auch von meiner bildlichen Prägung. Meine Mutter hat mir ein Picasso-Buch geschenkt, nur weil der berühmt war. „Mal doch mal schöne Bilder,“ hat sie immer gesagt.

Kinder konnten sich damals selten frei entwickeln. Und ist es heute besser geworden? Die Hand wird geführt, Malbücher werden vorgelegt, da heißt es sicher noch oft: „Mal mal das da!“ Die Fantasie wird mit Themenstellungen eingezwängt. Natürlicherweise fangen Kinder mit Urwirbeln an, wenn man sie frei malen lässt. Otto Dix hat über die bildnerische Entwicklung seiner Kinder eindrucksvolle Beschreibungen hinterlassen. Und es stimmt. Ich konnte bei meiner Tochter alle Entwicklungsphasen beobachten.

„Mein Weg war vorbestimmt“

Ich selbst bin in einem Elternhaus aufgewachsen, wo mein bildnerisches Talent gleich in die damals üblichen Bahnen gelenkt wurde. Zum Beispiel habe ich Blumen aquarelliert. Mit etwa sieben Jahren hatte ich bereits Zeichenunterricht bei einem gutbürgerlichem Maler in Annaberg. Dem Knaben wurde dort das Naturstudium vermittelt. Zum Beispiel, wie man ein Baumblattwerk schraffiert. Meine Veranlagung ließ sich nicht im Gutbürgerlichen ausbremsen. Der Weg war durch meine ungezähmte Fantasie vorbestimmt und fand ihre Bestätigung, sobald mir die Werke von Dalí, Max Ernst und Picasso – die Weltkunst – begegneten. Das Gespür für Meisterwerke ist mir ganz klar angeboren.

1952 sind wir in den Westen geflüchtet, über Berlin. Damals war ich neun Jahre alt. Mitternächtlich auf einer spärlich beleuchteten Straße haben wir uns in Chemnitz von meiner Oma verabschiedet. Mama sagte: „Wir fahren nicht mehr nach Geyer zurück.“ Es ging alles gut durch die Zonengrenze, scharf bewacht von russischem Militär und DDR-Vopos. Im weitgehendst noch zerstörten Berlin waren wir lange in einem Flüchtlingslager.

Kindheit und Lehrjahre in Essen

Von 1953 bis 1954 lebte ich getrennt von der Familie wegen Wohnungsmangel in Hannover bei den Großeltern väterlichseits. In Essen versuchten meine Eltern währenddessen, eine neue Existenz aufzubauen. 1954 vereinte sich die Familie wieder in Essen, wo ich die Volksschule besuchte. Dort durfte ich zum städtischen Zeichenunterricht für Talentierte. Für meine spätere Künstlerlaufbahn wurde dort aber nichts Fundamentales vermittelt. Also bin ich selbst mit dem Skizzenblock in die Zoohandlung gegangen und hab Fische gezeichnet. Später, mit etwa zwölf Jahren, begann ich im Zoo Gelsenkirchen mit Tierstudien. Am bewegten Tierbruder hab ich scharfe Beobachtung, Spontaneität und bildnerische Disziplin gelernt. In Essen zeichnete ich die Altstadt, auch manch alten Bauernhof. Besondere Bäume und Steinbrüche begeisterten meine Zeichenhand. Und zentral zeichnete ich Menschen – mein Hauptanliegen bis heute.

Mit 14 Jahren hab ich eine Lehre zum Tiefdruckretuscheur gemacht. Ich hatte drei Lehrstellenangebote: Zum Goldschmied, zum Dekorateur und zum Tiefdruckretuscheur. Meine Mutter hat den vermeintlich krisensichersten Beruf ausgesucht. Nun ja, den Goldschmied und den Dekorateur gibt es noch…

„In meinem Sein und Wesen war ich immer ein Maler“

Es schmerzte mich, nicht meinen bildnerischen Fähigkeiten nachzugehen. In meinem Sein und Wesen war ich immer ein Maler. Maler wird man nicht, man ist es! Wie anders könnte ich den langen Weg seiner Selbstausbildung mit ganzer innerer Überzeugung in dieser kommerzorientierten Gesellschaft durchhalten bis zum heutigen Tag? Nach der Lehrzeit war ich ein halbes Jahr in Hamburg. Da war der Star-Club, die Beatles, das war eine wilde Zeit. Ein weiteres halbes Jahr war ich in Zürich und noch ein ganzes Jahr in München. Intensiv besuchte ich überall die großen Meisterwerke in den Kunstmuseen. Dort war mein eigentliches Zuhause. Schauen, betrachten, versinken in all den Bildgeheimnissen. In der Essener Zeit hatte ich ja das Glück, immer die großartige Sammlung des Folkwangmuseums zu studieren, all den Malergenies zu huldigen, ihnen und ihren einzigartigen Botschaften und Farbformwelten zu danken.

Freiheit und Studienjahre in München

1963 hatte ich den Bildhauer und Maler Kurt Lauber, ein damals 70-jähriges Urgestein der Münchner Schule, kennengelernt. Mit ihm habe ich gemeinsam gemalt, wie er vermittelte, Ton-in-Ton und naturbezogene Motive. Ostern 1964 habe ich gekündigt und mich unabhängig davon an der Akademie in München beworben. Ich wurde zur Prüfung zugelassen. Ich habe figürlich-klassisch gearbeitet – das mache ich auch heute noch. Damit bin ich bei meinen Mitbewerbern angeeckt. Ich war ja noch ein Lernender – die anderen haben nur Picasso nachgeäfft. Ich bin kein naiver, sondern ein klassischer Maler.

„Ich musste noch viel lernen“

Durch die Prüfung bin ich durchgefallen. Mir war das unwichtig, es hat mich nicht in meiner Entscheidung, als Maler zu leben, beeinflusst. Meine Vorbilder waren nur unakademische Maler, zum Beispiel Van Gogh, Cézanne, Gauguin . Ich hab mir einen Kopierausweis für die Alte Pinakothek besorgt. Dort wollte ich ein Puttchen aus Rubens Gemälde „Maria mit dem Rosenkranz“ kopieren. Nach drei Tagen habe ich aufgegeben, weil ich erkannte, dass ich noch sehr viel lernen musste, um mich an diesem Meisterwerk zu versuchen. So habe ich mich mit Maltechnniken und Bildaufbau von Rubens und Böcklin auseinandergesetzt. In meiner Selbststudienzeit habe ich viel draußen in freier Landschaft gemalt mit selbst angeriebenen Farben, wie ich es mir über Dörner nach Rubens und Böcklin angeeignet hatte.

„Vielleicht habe ich ja Früchte als Drogen“

1966 hab ich mich nochmal in die Alte Pinakothek gewagt, hab die Bilder von Poussin in Originalgröße kopiert und alles frei übertragen. Das war ein großes Erlebnis. Ich musste nicht mehr weglaufen. Hatte ich doch gelernt: bildnerischen Aufbau von Leinwandgrundierung bis zur Farbe. Aus Rubens  „Kleinen Jüngsten Gericht“ kopierte ich auch noch einen großen Ausschnitt. Seine Dynamik, Fantasie und Gestaltungskraft übertrug sich wie ein heilsames Fieber auf mich. Da ich für die selbst angeriebenen Farben an der Sonne eingedicktes Leinöl nach Rubens verwendete, kam ich dessen besonderen brillierenden Farben sehr nahe.

Gelebt habe ich einfach. Das tu ich auch heute noch. Ich lebe nach dem christlichen Gebot „Du sollst nicht töten“. Daher lehne ich seit 55 Jahren Schlachthofnahrung ab. Das Töten unserer Tiergeschwister ist Krieg – außerdem bin ich, ist mein Körper, kein Tierfriedhof! Wenn der Mensch stirbt, ist er eine Leiche – die Tierkadaver sind Fleisch. Wo ist da der Unterschied? Früchte, vor allem Orangen, sind meine Hauptnahrung. Früchte sind Gottesnahrung, das Reinste, die wahre Inspirationsquelle. Oft werde ich gefragt, was ich für Drogen nehme, um derartige Bildvisionen zu haben. Vielleicht habe ich ja Früchte als Drogen. Orangen! Goldfarbe! Das ist die sehr bestimmende Farbe meiner Bilder, dazu Azur und die unendlichen Lichtquellen.

Beim Film-Regisseur Hans Lampe hab ich einen 25-Quadratmeter-Raum gemietet. Wir hatten einen intensiven geistigen Austausch. Er gab mir wertvolle Tipps für meine Italienreise 1964 durch alle Kunstmuseen. Auf dieser Reise habe ich mich und all den einzigartigen Kunstwerken Italiens vollgetankt. Das war wahrhaftig reinste Nahrung, all diese Wunder aus einer vergangenen Welt der Künstlergenies.

„Es war ein Abschiedsrausch“

1969 habe ich dann ein letztes Mal in den Münchner Museen kopiert. Gauguin, Cézanne, Delacroix, Sisley, Nolde. Es war ein Abschiedsrausch – so dicht, intensiv und intim den Geheimnissen dieser Malergenies zu folgen. In Dankbarkeit verneige ich mich vor ihnen. Und irgendwann wusste ich: Ich bin fertig. Seitdem hab ich nie wieder Zeit gefunden, um zu kopieren. Es war ein Abschied.

Als leidenschaftlicher Zeichner wendete ich mich  1969 der Radierung zu, erstand eine kleine Tisch-Kupferdruckpresse. Erste Versuche, spannende Augenblicke der schwarzen Kunst. Käthe Kollwitz, Dix, Klinger, Rembrandt, Goya, Ensor, Dürer und so weiter begleiteten mich auf diesem Weg. Diese Erweiterung beeinflusste auch meine Malerei, der Bildraum veränderte sich, die Farbigkeit, die Entdeckung der unbewussten Bildgestaltung. Rimbaud, Ezra Pound, Baudelaire, Nelly Sachs, Ingeborg Bachmann – ihre Lyrik entzündete mich. Eine gewisse Auseinandersetzung mit der damaligen Kunst, in der sich wieder Gegenständlichkeit ansiedelte, begann. Surreale Räumlichkeit, Verdichtung der Farbe, der intensivere Aufbau, das Leuchten gegen Stumpfes.

1974 drehte der damalige Jungfilmer Stefan Kaiser einen Film über meine Bilder mit mir als Darsteller. Prämiert lief der Film, der von der Konstantin Film AG angekauft wurde, als Vorfilm in den Kinos. Für den Filmschnitt war meine spätere Frau verantwortlich.

33 Jahre in Italien

Meine Frau wollte raus aufs Land ziehen. In der Süddeutschen Zeitung entdeckte sie einen Makler für italienische Immobilien. Toskana – ein Wahnsinn. Von mir aus hätte ich das nie gemacht. Als Maler muss man immer finanzielle Rücklagen haben – und wir hatten die nicht! Und wir haben ein ungewöhnliches Haus, fast eine Ruine, mit einer tollen Vegetation rundherum, gefunden. Im Haus tropfte es überall rein. Als Einstieg hab ich ein halbes Jahr am Haus und Grundstück gearbeitet. Natürlich machten wir sehr viel zusammen, jeder nach seinen Kräften. Doch das alte Haus war mit seinen Natursteinwänden sehr feucht und ich erkannte, dass das für meine Bilder schädlich ist. Eigentlich hätte ich gleich ausziehen müssen. Was ich dann erst nach 33 Jahren tat. Nach einem halben Jahr Renovieren ging es mir immer schlechter. Geld habe ich noch durch meine Münchner Verbindungen verdient. Ich musste unbedingt wieder malen.

„Es war eine tolle, freie Zeit“

Meine Frau hat im Sommer 1981 unsere Tochter geboren – in unserem Haus. Ganz ohne Hebamme und Arzt. Das waren sicher die intensivsten Stunden in unserem Leben. Mit Beginn der Wehen begannen durch die gewaltigen Veränderung in einem Frauenkörper die Schmerzen, die Schreie, Urlaute, durchdringend tief, ein Erd-Urphönomen des neuen Werdens. Die Geburt an sich war dann total friedlich, in voller Ruhe und Entspanntheit. Mutter und Kind haben so zusammen harmoniert, dass es keinerlei Probleme gab. Ich habe nur still zugeschaut. Sonnja schnellte mit einem Freudenjauchzer auf Mutters Bauch, ein Wesen aus einer anderen Welt. Die ersten Monate war unser Kind nackt oder leicht bekleidet, es war ja herrlicher Hochsommer. Wir haben sie nur am Körper getragen. Durch dieses innige Körpergefühl versteht man sein Kind besser.

Kinder sind die sensibelsten Wesen überhaupt. Sie werden mit universellem Wissen geboren. Erwachsene sind zuviel vom Intellekt beherrscht. Sie verstehen Kinder nicht richtig. Da meine Tochter im Sommer geboren wurde, war sie die ersten Monate nackt. Es war so eine freie, tolle Zeit. Ich habe den Artikel „Friedliche Geburt“ geschrieben, er wurde im Magazin „Die Nachbarschaft“ veröffentlicht.

„Galeristen sind wie Gemüsehändler“

In Italien lernte ich einen Kunsthändler in Florenz kennen. Der hatte eine Beziehung zu meinen Bildern, kam vorbei, hat sie gekauft und sofort bezahlt. Er brauchte wohl was Gegenpoliges. Leider ist er irgendwann verstorben. Das war ein schwerer Verlust. Wie immer habe ich von Zufallsverkäufen gelebt. Galeristen sind wie Gemüsehändler. Was sich verkauft, wird verkauft. Da wagt man keine Experimente. Sie sind eben der Spiegel unserer kommerziellen Gesellschaft.

Zurück nach Deutschland

Vor sieben Jahren habe ich meine italienische Heimat verlassen und bin nach Tann gezogen. Ich habe ein Baugrundstück gesucht und bin hier fündig geworden. Mein Haus wurde nach meinem eigenen Entwurf gebaut. In fünf Fahrten mit einem Kleintransporter haben wir mein Lebenswerk von Italien hierher gebracht. Vor allem die großen Skulpturen und Bilder waren schwer zu transportieren. Meine Tochter hat mir dabei geholfen.  Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass mich das Leben zwingt, sowas nochmal zu machen. Es war wieder ein einschneidender Neuanfang. Noch immer ist der Verlust meiner italienischen Heimat schmerzlich – auch der Verlust eines Baumparadieses. Auf zwei Hektar habe ich etwa 2.000 Bäume gepflanzt. Mein Beitrag zur Rettung des Erdklimas.


Franz-Jürgen schaut mich mit seinen lebendigen blauen Augen an und nickt dem Gesagten noch ein wenig nachdenklich hinterher. Dann kommt ihm ein anderer Gedanke in den Sinn. Ob ich wohl noch Zeit hätte, mich von ihm portraitieren zu lassen? Ja, die Zeit habe ich gerne. Es ist mir eine Ehre.

Draußen regnet es immer noch, doch das Licht scheint ein wenig heller zu leuchten. Franz-Jürgen bugsiert sich zu seinem Malplatz, bittet mich gegenüber auf einem Stuhl. Er holt den Farbkasten, den Bleistift, die Pinsel, Wasser, Aquarellpapier. Ich versuche, einfach nur zu schauen. Mein Blick bleibt bei einem seiner Bilder hängen und es tut gut, ein Bild so lange zu betrachten, bis es immer lebendiger erscheint.

„Es braucht die liebende, lebendige Flamme“

Franz-Jürgen skizziert. Sein Blick wandert von mir zum Blatt, dem Platz des Geschehens aus Pinselstrichen und Farben, immer wieder. Er erzählt ein bisschen, stellt mir immer wieder Fragen. Er rührt im Farbkasten, lacht. Er denkt schon jetzt daran, mich nochmal zu malen. „Von einem Augenblick zum anderen sieht jeder Mensch schon wieder ganz anders aus,“ sagt er. Deshalb ist er immer auf der Suche nach dem Archetypischen: „Jeder Kopf ist eine wunderbare Architektur.“ Die Haare, der Mund, das ganze Gesicht, der Ausdruck, das Licht und die Farben – alles im stetigen Wandel. „Außerdem verändere ich mich selbst – mitsamt meiner Wahrnehmung. Portraitieren ist ein Zusammenspiel der Kräfte, der Seelen. Vom Modell zum Maler muss die liebende lebendige Flamme springen, sonst wird’s nichts,“ sagt Franz-Jürgen. Da noch ein paar Pinselstriche. Er neigt den Kopf, halb lächelnd, zögerlich, skeptischen Blicks. Doch, da reißt er sich los. Und ich darf schauen und staune. So sieht mich Franz-Jürgen. Und ich sehe ihn. Wir sehen uns durch Worte und Bilder.

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