Margit Meindl: „Ich könnte noch so viel erzählen“ (1)

Margit Meindl ist 90 Jahre alt. Sie lebt in ihrer eigenen Wohnung im Haus mit Tochter und Schwiegersohn in Hirschbach. Ihr Lebensweg hat sie weit geführt: Von Hohenstadt im heutigen Tschechien in die Slowakei und zurück, nach Österreich und schließlich nach Bayern, nach Sulzbach, wo sie die meiste Zeit verbracht hat. Margit Meindl erzählt detailliert, ruhig und immer wieder emotional über ihren langen Lebensweg. Ihre Erinnerungen sind ganz präsent. „Ich könnte noch so viel erzählen,“ sagt sie immer wieder und winkt ab. Über den schwierigsten Abschnitt, über die Flucht aus dem Sudetenland, spricht sie heute zum ersten Mal. Jetzt ist die Zeit, alles zu erzählen. Sie möchte nicht, dass sowas nochmal passiert. Sie möchte, dass die Leute wissen, wie das damals war. Und wie das alles war – wie ihr Leben war – das erzählt sie uns jetzt:

In Hohenstadt besuchte ich den Kindergarten – ich bin die dritte von rechts in der ersten Reihe.

Ich wurde am 9. Oktober 1927 in Hohenstadt geboren. Damals gehörte die Stadt noch zu Österreich, später dann, unter Hitler, zum Sudetenland und heute zu Tschechien. Mein Vater hieß Josef, meine Mutter Anna Altmann. Ich habe sechs Geschwister: Edith, Hans, Hubert, Irmgard, Brigitte und Horst. Mein Vater hat in Wien Gärtner gelernt, meine Mutter Hutmacherin. In Hohenstadt gab es eine große Firma, den Seiden- und Baumwollfabrikant Brass. Das waren zwei Brüder – und bei dem einen hat mein Vater den Garten bewirtschaftet. Hohenstadt war eine gemütliche Stadt und ich bin dort gern in den Kindergarten gegangen.

Wie im Märchen: Die Zeit auf Schloss Thonet

Das Schloss in Velke Uherze.

Eines Tages wurde meinem Vater die Gärtnerei zu klein, er wollte sich weiterbilden. Auf Schloss Thonet im Dorf Velke Uherze konnte er den Gartenmeister machen. So wanderten wir im September 1932 in die Slowakei aus, da war ich fünf Jahre alt. Hier sollte ich meine schönste Zeit erleben. Das Schloss war riesig – mit einem großen Tor und den Wohngebäuden rechts und links. Wer nicht angemeldet war, durfte nicht hinein. Die Meierei, das Gut, lag außerhalb. Mit Weiden für Kühe und Schweine und Pferdekoppeln. Rundum gab es viel Wald.

Wir wohnten mitten im Park, hatten ein ganzes Haus zur Verfügung. Mit Kinderzimmer und Bad und allem Drum und Dran. Wenn hoher Besuch auf dem Schloss war, hat der Chauffeur bei uns im Haus im ersten Stock geschlafen. Das Dorf selbst lag außerhalb. Die Slowaken lebten in Lehmhäusern mit Strohdächern. Das halbe Dorf arbeitete auf dem Gut und in der Gärtnerei. In Velke Uherze gab es eine Schule, eine Post und ein jüdisches Lebensmittelgeschäft. In der Dorfmitte stand ein großer Brunnen. Slowakische Frauen wuschen die Wäsche am Fluss, der durchs Dorf lief. Die nächste Stadt hieß Topolcany. Wir durften einmal im Monat mit der Pferdekutsche zum Großeinkauf fahren – das war für uns Kinder ein Hallo.

„Die Gnädige Frau bittet zum Tee“

In der Mitte die Schlossherrin, links der Stallmeister mit seiner Tochter, rechts Edith und vorne ich.

Die Schlossherren hießen Thonet. Die Gnädige Frau war eine englische Gräfin, ihr Mann Deutscher. Sie hatten eine Tochter und zwei Söhne. Die Tochter hieß Susa und fiel mit 16 Jahren vom Pferd. Sie war auf der Stelle tot. Vielleicht hat mich die Herrin ein wenig als ihre Ersatztochter betrachtet. Sie war immer sehr gut zu mir. Die Söhne lebten in Wien. Dort hatten sie eine große Fabrik, die vor allem Bugholzmöbel herstellte. Mit ihren Kaffeehausstühlen waren sie auf der ganzen Welt bekannt.

Eines Tages klopfte es an der Tür – da stand der Diener in seiner Uniform. Wir Kinder staunten. Er sagte: „Die Gnädige Frau bittet zum Tee mit den Kindern.“ Wir waren alle sehr aufgeregt und Mutter hat uns die schönsten Kleider angezogen. Der Diener führte uns in ein großes Zimmer, der Tisch war schon gedeckt. Dann kam die Zofe und sagte uns: „Die Gnädige Frau kommt gleich.“ Die Tür ging auf. Zuerst kamen die vier Hunde herein, hinterdrein der Schlossherr und seine Frau. Wir standen da wie angewurzelt. Mama stellte uns vor und die Zofe begleitete uns auf die Plätze. Wir Kinder bekamen Kakao, die Erwachsenen tranken Tee. Kuchen gab es auch. Unsere Esskultur wurde beobachtet. Wir Kinder staunten nur und waren froh, als alles vorbei war. Später erfuhren wir, dass der Gnädigen Frau die Hand geküsst wird. Die Slowaken küssten ihr sogar die Füße vor lauter Dankbarkeit. Also haben wir alles falsch gemacht.

Weihnachten auf Schloss Thonet

Es war Ende November 1932, wir hatten schon Schnee. Weihnachten rückte immer näher. Für mich war alles noch so fremd und ich vermisste den Kindergarten in Hohenstadt mit den vielen Kindern. Der Kutscher hatte zwar eine Tochter, die schon 17 Jahre alt war – und zudem konnte ich nicht slowakisch und sie nicht deutsch. Und ins Schloss durften keine fremden Kinder.

Am Heiligen Abend wurden wir alle ins Schloss eingeladen. Alle Arbeiter mit Frauen und Kindern waren auch dabei. Man führte uns in den Salon. Die Wände waren mit Holz und Gold verziert. In der Mitte war eine Kuppel, es gab viele Fenster und alles war sehr groß. Slowakische Kinder kamen in der Tracht herein. Erst als wir alle beisammen waren, tauchte die ganze Familie auf. Die Kinder fingen an zu singen. In einer Ecke öffnete sich langsam der Vorhang – dahinter stand hell erleuchtet der Christbaum. Darunter lagen viele Geschenke. Jeder bekam etwas! Ich wurde mit einem Puppenzimmer beschenkt. Wir Kinder waren so erstaunt über den großen Baum mit den vielen Lichtern – so etwas hatten wir noch nie zuvor gesehen. So war also das erste Weihnachtsfest in der Fremde.

Zuneigung von der Schlossherrin

Ich (links) mit einem Geschwister und den Hunden der Thonets.

Von da an holte man mich öfters zum Fünfuhrtee ins Schloss. Jedes Mal kam der Diener und sagte zu meiner Mutter: „Frau Altmann, die Gnädige Frau bittet darum, dass Margit zum Tee kommen darf.“ Ich bekam sehr viele Geschenke. Darunter das Kinderbett, Puppen und Spielzeug von der verstorbenen Tochter Susa. Die Herrin plante sogar, mich nach Wien zur Schule zu schicken. Sie wollte mich als Zofe, als Gesellschaftsdame. Sie hatten viele Staatsmänner zu Besuch. Dann musste ich immer Blumen überreichen.

Ich ging in Velke Uherze zur Schule und musste jeden Tag am Schloss vorbei gehen. Der Pförtner schloss mir immer das große Tor auf. Eines Tages wurde vom großen Fenster im ersten Stock der Vorhang zur Seite geschoben und ich hörte die Gräfin meinen Namen rufen: „Margit, komm doch unters Fenster. Halte Deine Schürze auf!“ Dann flogen Pralinen und Schokolade herunter. So ging es mir manches Mal.

Wenn die Herrin Geburtstag hatte, hat die Mama mit mir ein Gedicht gelernt, das ich vortragen musste. Meine Mutter konnte Theaterstücke schreiben und sie war sehr musikalisch. Das zweite Weihnachtsfest auf dem Schloss nahte. Wir spielten das erste Krippenspiel im Salon, das Mama mit uns einstudiert hat. Und meine Mama hat das Schloss aus Würfelzucker nachgebaut. Sie hat sich immer was einfallen lassen.

So vergingen die Jahre, bis Ende 1938 der Schlossherr starb. Mein Vater hat sich noch um die Beerdigung gekümmert. Das Schloss hatte eine eigene Kapelle. Zu dem Zeitpunkt war schon lauter Militär zugegen. Um die Politik haben wir Kinder uns nicht gekümmert. Wir haben ja gelebt wie im Paradies. Bis eines Tages unsere Eltern sagten: „Wir müssen von hier weg. Die Deutschen sind im Ausland in Gefahr.“

Abschied von Schloss Thonet

Als wir die Slowakei wieder verließen, war es Oktober 1938. Wir gingen zurück nach Hohenstadt. Die Fabrikantin Brass wollte uns wieder aufnehmen, schickte uns den Möbelwagen bis vor die Tür – damit sind wir geflüchtet. Der Weg war 800 Kilometer lang und der Abschied sehr schwer. Die Fahrt war schlimm. Überall standen Soldaten und Panzer. Die Straßen waren oft gesperrt und wir wurden aufgehalten. Es war höchste Zeit. In Hohenstadt mussten wir wieder neu anfangen. Vor allem für uns Kinder war das anfangs sehr schwer. Deutsch konnte ich zwar – aber nicht schreiben und lesen.

In Hohenstadt gab es sehr viele Judengeschäfte. Wir haben uns gewundert, dass ein Geschäft nach dem anderen zugemacht hat. Wo die Leute hingekommen sind und was mit ihnen passiert ist, haben wir nie erfahren – erst nach dem Krieg. Das passierte ganz leise, ohne großes Aufsehen. Und durch den Hitler gehörte Hohenstadt nun zum Sudentenland und die Wehrmacht hatte das Kommando übernommen.

„Das macht meine Familie nicht mit“

Mein Vater Josef Altmann mit einem Strauß Hortensien.

Dann kam der Krieg. Vater musste nicht an die Front, weil er schon im Ersten Weltkrieg gedient hatte, aber in die Stadt zur Polizei. Papa war nie bei der Partei – ich weiß nicht, wie er das gemacht hat. Rund um Hohenstadt gab es große Wälder, in denen sich Partisanen verstecken konnten. Einmal war mein Vater dabei, als sie einen Bunker voller Partisanen aushoben. 1942 bekamen wir ein Schwesterchen, Brigitte. 1943 ein Brüderchen, Horst. Weil ich zwei kleine Geschwister hatte, musste ich nicht zum Arbeitsdienst. Allein hätte es Mama nicht geschafft. Für mich war das gut – alle meine Freundinnen mussten in den Fabriken Arbeitsdienst leisten.

In der Stadt waren viele Soldaten stationiert. Wir hatten ja drei Kasernen. Die Autos, die Pferde – alles wurde beschlagnahmt. Die Winter waren so kalt und wir hatten oft Hunger. 1942 kamen die ersten Flüchtlinge aus Schlesien. Der Hof war immer voll. Mein Vater hatte oft Nachtschicht. Er brachte immer wieder Frauen mit kleinen Kindern mit. Wir kochten Tee, Suppen und Eintöpfe. Die Flüchtlinge blieben ein paar Tage und zogen dann wieder weiter. Mein Vater sagte immer: „Das macht meine Familie nicht mit.“ Er hat ja gesehen, wie es den Flüchtlingen erging. Später erzählte meine Mutter, er hätte uns eher alle erschossen, als dass wir auch geflohen wären. Aber dazu kam es nicht…

…sie schossen von hinten auf sie

Am 3. August 1944 hatte Vater Nachtschicht. Er musste immer in der Stadt zusammen mit einem Kollegen Streife gehen, weil es so gefährlich war. Bevor er ging, kam er immer noch zu seinen Kindern ans Bett und hat „Gute Nacht“ gesagt. In der Nacht hörten wir, dass wieder was los war, alle sind ausgerückt. Die große Kaserne war ganz in der Nähe. Es wurde sieben Uhr Früh und mein Vater war immer noch nicht zu Hause. Jetzt waren wir schon unruhig. Ich sah den Polizeichef kommen. Sofort habe ich meine Mama gerufen. Da wussten wir, dass was passiert sein musste.

Der Polizeichef brachte uns die Nachricht, dass mein Vater und sein Kollege zwischen Mitternacht und ein Uhr angeschossen worden waren. In Hohenstadt hatten wir kein Krankenhaus. Also kam er nach Mährisch Schönberg, das war etwa eine halbe Stunde entfernt. Am Abend des nächsten Tages verstarb mein Vater mit sieben Schuss. Sein Kamerad hatte vier Schuss. Er lebte noch vier Monate lang. Später erfuhren wir, dass ihnen vier Männer entgegen kamen. Der Kamerad meinte noch, sie kämen von der Schicht aus einer Fabrik, die bräuchten sie nicht kontrollieren. Sie ließen sie also vorbeigehen. Aber die Männer legten sich in den Graben und schossen von hinten auf sie. Das waren Partisanen. Die Täter wurden natürlich nie gefasst.

Mein Vater wurde im Park aufgebahrt, Polizei und Soldaten hielten Wache. Die Stadt stand Kopf. So eine Beerdigung hat es in der Stadt noch nicht gegeben. Wir gingen wie im Traum mit. Sogar mein Bruder Hans, der beim Militär war, hatte Urlaub. Der Rummel wurde uns zu viel. Wir Kinder konnten es nicht fassen, dass unser guter Vater nicht mehr heimkommen würde. Wir hatten alle Angst. Die Garagen, die Pferdeställe – alles war leer. Alles war beschlagnahmt worden.

„Wissen Sie, was auf Euch zukommt?“

Papa mit einem meiner Geschwister.

So wurde es Mai 1945. Es wundert mich heute, dass wir bis dahin unsere Ruhe hatten. Wir wollten nicht flüchten. Aber der Polizeichef sagte: „Frau Altmann, Sie haben junge Töchter. Und Sie stehen auf der Schwarzen Liste. Wissen Sie, was auf Euch zukommt? Ich stelle Ihnen den Pferdewagen zur Verfügung.“ Mein Vater war ja bei der Polizei – und die war ein rotes Tuch für die Tschechen. Mein Vater hatte viel am Bahnhof zu tun und auch mitbekommen, wie die Nazis die Tschechen ins Protektorat verlegt hatten. Da interessierte es die Tschechen wenig, dass Mama nach seinem Tod mit sechs Kindern auf sich allein gestellt war. Es war also höchste Zeit zu flüchten. Mama hat in einen großen Wäschekorb das Notwendigste gepackt. Ein Soldat begleitete uns. Es war der 3. Mai 1945. Mein Bruder Hans war beim Militär, er war nicht dabei. Bis dahin haben wir noch gedacht, dass wir heil aus der Sache kommen…

Wir flüchteten in einer großen Kolonne. Weit kamen wir nicht, bis nach Beneschau, da kamen uns die Tschechen und die Russen mit ihren Panzern schon entgegen. Von oben kamen Flieger. Wir wurden beschossen, mussten vom Wagen runter. Meine große Schwester Edith und ich sind mit der kleinen Brigitte vom Wagen rechts runtergesprungen und Mama, Irmgard, Hubert und der kleine Horst links. So haben wir uns verloren. Alle unsere Sachen blieben im Wagen – nur das, was wir anhatten, blieb uns. Die Soldaten scharten alle Flüchtlinge auf ein Feld. Dann fuhren die Panzer in die Menge. So verloren wir Mama, Hubert, Irmgard und Horst aus den Augen.

„Ihr deutschen Schweine!“

Was wir dort erlebt haben, ist unvorstellbar. Es war so grausam! Ich höre immer noch die Schreie von Kindern und Erwachsenen. Ich konnte lange nicht sprechen. Der Schock war so groß. Seit damals habe ich einen Sprachfehler – und ich bin ihn mein ganzes Leben lang nicht mehr richtig losgeworden. Jetzt ist es schon gut, aber ich habe lange gestottert. Die Tschechen prügelten uns durch ganz Beneschau und beschimpften und schlugen uns. Tschechische Frauen bewarfen uns mit Steinen und schrien: „Ihr deutschen Schweine!“ Soldaten hingen an den Bäumen. Sie warfen verwundete Soldaten aus den Lazaretten aus dem Fenster. Es lagen so viele Tote auf der Straße. So viele tote Flüchtlinge…

Erst haben sie uns in einen Keller gesperrt, dann mussten wir in offene Viehwagons steigen und wurden dort eingeschlossen. Die Nächte waren so kalt und am Tag brannte die Sonne herunter. Wir hatten keine Decke und so viel Hunger. Es gab kein Klo und der Wagen war so voll, dass wir uns kaum rühren konnten. Sie haben uns tagelang stehen gelassen, bis der Zug losfuhr. Dann blieb er oft auf offener Strecke stehen. Die Toten wurden aus dem Zug geschmissen. Russische Soldaten holten sich Mädchen und Frauen, wie sie nur wollten. Meine Schwester Edith und ich hatten großes Glück. Wir konnten tschechisch, das hat uns wohl gerettet.

Wir mussten zuschauen

Am 8. Mai 1945 – am Ende des Kriegs – kamen wir in Prag an. Da ging die Quälerei von neuem los. So viele Soldaten wurden erschossen. Tote Frauen, Kinder und Pferde lagen am Straßenrand, Soldaten hingen an den Bäumen. Sie haben Soldaten an den Lichtersäulen festgebunden, mit Benzin übergossen und lebendig angezündet. Wir mussten zuschauen. Ich war doch erst 17 Jahre alt… Aus dem Sautrog haben wir die Kartoffeln rausgeholt, so viel Hunger hatten wir. Wir wurden wieder durch die Stadt getrieben, mit Steinen beworfen und mit Gewehrkolben geschlagen. Meine drei Jahre alte kleine Schwester, die ich meistens auf dem Rücken trug, schrie nur noch. Die Russen waren alle besoffen. Es gab einen Aufruf: Die Tschechen und die Russen können alles mit den Deutschen machen. Und das taten sie auch…

Wir wurden in ein offenes Lager getrieben. Da waren tausende Menschen. Nachts war es so kalt, am Tag so warm. Wir hatten Hunger und Durst. Es gab keine Möglichkeit, aufs Klo zu gehen. In der Kleidung und auf dem Kopf hatten wir Ungeziefer. Es gab keine Decken. Frauen wurden tagsüber und nachts geholt und vergewaltigt. Egal, ob sie zwölf oder 70 Jahre alt waren. Wir mussten zuschauen, wie sie über sie herfielen.

So schlimm auch meine Erfahrungen sind, heute bin ich den Tschechen nicht mehr böse. Sie sind ja von den Deutschen genauso unterdrückt und behandelt worden. Alle kamen sie ins Protektorat, alle wurden sie enteignet. Meine Erinnerungen habe ich meistens verdrängen können. Nur in der Nacht holen sie mich bis heute ein. Und ich bin dankbar, dass ich jetzt, mit 90 Jahren, erstmals darüber sprechen kann. Ich hatte immer Angst, mir würde keiner glauben. Erst ein Leben wie im Märchen auf dem Schloss. Dann die schlimmen Erlebnisse im Krieg und auf der Flucht. Darum habe ich geschwiegen.

Wie es mit Margit Meindl weiterging, davon erzählt sie uns im zweiten Teil des Portraits.

Alle Fotos stammen aus Margit Meindls Privatbesitz. Auf der Flucht musste die Familie alle Fotos zurücklassen. Eine Freundin der Familie ist nochmal ins Haus gegangen, das die Russen und Tschechen völlig verwüstet haben. Die Fotos lagen am Boden, die Freundin hat sie aufgehoben und in ihrem Nachtkastl versteckt. Als sie selbst fliehen musste, hat sie die Bilder in der Windel ihres kleinen Sohns nach Bayern geschmuggelt. Jahrzehnte später hat sie durch einen Zufall ihre alte Freundin Margit Meindl ausfindig gemacht und ihr die Fotos gegeben.

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