Eva Sterl: Karpfhams Nudelmacherin

Eva Sterl öffnet die Tür zur Trockenkammer. “Griaßd Engg!” sagt sie mit einem Lachen. So macht sie es immer, das ist ihr Zeichen der Wertschätzung für ihr Produkt, ihr Tun. Eva macht Nudeln. Sie hebt eine Horde vom Stapel, schüttelt sie leicht. Die Karotten-Spiralis rasseln sacht, fast ein wenig, als ob sie zurückgrüßen möchten. Ganz trocken sind sie jedoch noch nicht, wie Eva nach einer Probenudel feststellt. Also kommen sie wieder hinein ins Warme, Tür zu, “Pfiadd Engg!”

Frühjahr 2009: Die Wirtin vom Rannasee

Vor zehn Jahren hat alles angefangen, heuer feiert Eva ihr persönliches Nudeljubiläum. Damals hätte sie noch nicht gedacht, dass sie einmal vom Nudelgeschäft leben könnte. Die 34-Jährige ist gelernte Hotelfachfrau, hat in verschiedenen Häusern gearbeitet, bis sie die Situation der Kurzverträge nicht mehr packte. 2009 hat sie den Mut zur Selbstständigkeit gefasst und eine Freizeitanlage gepachtet: Badesee, Wirtshäusl, Tretbootverleih und Kiosk – der Rannasee bei Wegscheid. Eis, Getränke, kleine Mahlzeiten, das war ihr Tagesgeschäft. Damals lebte Eva noch in Bad Füssing. In der Saison lohnte sich das Pendeln aber nicht und so wurde eine Besenkammer zu ihrer Schlafstatt. Ihre Eltern unterstützten sie tatkräftig – ihr Zuhause war für diese Saison ihr Wohnwagen.

Wer weiß, vielleicht wäre Eva noch immer die Wirtin vom Rannasee, wenn nicht, ja wenn sie nicht die Frühjahrsmesse in Passau besucht hätte und wenn sie nicht diese kleine Nudelmaschine entdeckt hätte. “Da wurden gerade Rote-Bete-Nudeln gemacht und ich hab eine Stunde lang zugeschaut und war völlig fasziniert,” erzählt Eva. Fast logisch, dass sie mit einer Nudelmaschine zurück in ihr Wirtshäusl kehrte. Nun gab’s Nudeln für ihre Gäste. Und nun kam eins zum anderen.

Herbst 2009: NudelneSterl in Karpfham

Die Gäste kamen jetzt nämlich nicht mehr nur zum Baden und Radler trinken, sondern vorsätzlich zum Nudelessen zu Eva. Damit glich sich die verregnete Saison gut aus. Die Nudeln servierte sie mit selbstgemachtem Pesto oder Soße. Bald experimentierte sie mit unterschiedlichen Nudelzutaten – alle kamen gut an. So gut, dass die Leute bald fragten, ob Eva denn nicht auch Nudeln zum Mitheimnehmen verkaufen würde? Eva dachte nach, vor allem, wenn sie etwas zur Ruhe kam. Beim abendlichen Mülleinsammeln rund um den See. Frühmorgens bei einer stillen Tasse Kaffee auf der Terrasse mit Blick aufs Wasser.

“Im Saisonbetrieb muss man so viel verdienen, dass es für den Winter reicht. Ich wollte nicht den Zwang haben, im Winter noch was anderes machen zu müssen,” sagt Eva. Also dachte sie über einen möglichen Umbau nach, um ihre Nudelproduktion steigern zu können. Währenddessen entdeckte die Mama in der Zeitung ein Haus in Karpfham. Früher war eine Konditorei drin und jetzt könnte ja…? Eva überlegte. Und entschied sich. Sie kündigte den Pachtvertrag, verabschiedete sich nach einer Saison vom Rannasee und richtete noch im Herbst alles für eine größere Nudelproduktion her. Noch im selben Jahr, im Dezember 2009, eröffnete sie ihren eigenen Nudel-Laden.

85 Sorten – “Sonst wird’s mir fad”

Eva lacht, dass sich die Grübchen zeigen. Ihre Mama steht an der Spüle und reinigt mühsam die Nudel-Matrizen – die Teile, die über die Form der Nudeln bestimmen. Gestern war Produktionstag. Jeden Montag stellen Eva, die Mama und der Papa zwischen 500 und 600 Kilo Nudeln her. Vier Nudelmaschinen laufen dann auf Hochtouren. Um vier Uhr früh geht’s los, meistens werden sie irgendwann am Nachmittag fertig. Feierabend ist dann noch längst nicht – vor dem Fernseher werden noch Tüten mit Etiketten beklebt. Derweil trocknen die Nudeln an der Luft. Zwei bis vier Tage dauert es, bis die Spirali, die Spaghetti, die Bandnudeln und wie sie alle heißen, abgepackt werden können.

Über 85 Sorten Nudeln hat Eva dauerhaft im Sortiment – und sie hat ständig neue Ideen, die sie ausprobieren muss, “sonst wird’s mir fad”. Das erste Experiment fand noch am Rannasee statt. Dort wünschten die Gäste Glaslbier, was dazu führte, dass immer wieder halb volle Flaschl übrigblieben. Weil Eva strikt gegen die Verschwendung von Lebensmitteln ist, machte sie kurzerhand Biernudeln. Das hat der Brauereivertreter von Hutthurmer spitz gekriegt und für Evas ersten Großauftrag gesorgt: Biernudeln als Weihnachtsgeschenk.

“Davon hab ich mir meine erste große Nudelmaschine finanziert,” sagt sie. Mit den Biernudeln selbst war sie aber noch nicht ganz zufrieden. Die geschmackliche Lösung lag nicht im flüssigen Bier, sondern im Röstmalz, das sie dem Nudelteig zufügte. “Die Nudeln passen wunderbar zu einem Braten oder einfach nur zu Gemüse,” empfiehlt Eva. Sie selbst isst natürlich nach wie vor gern Nudeln. Kein Wunder – bei der Auswahl wird’s halt auch nicht so schnell langweilig. Besonders gern hat sie die zweifarbigen Karotte-Petersilie-Nudeln: “Beide haben einen schönen Eigengeschmack, der gut zu Tomatensoße, Gulasch oder Salat passt.”

Alle Farben, sämtliche Geschmäcker

Eva verarbeitet alles, was ihr in die Finger kommt, “von Apfel bis Zucchini. Alles, was im Garten wächst. Da weiß ich, was ich habe.” Gemüse, Obst und Kräuter – alles wird frisch verarbeitet. Künstliche Zusätze und Aromen kommen ihr nicht in die Tüte. Natürlich geht sie auch auf Kundenwünsche ein und kauft deshalb bestimmte Extras zu. Getrockneten Bärlauch zum Beispiel oder Steinpilze.

Wichtig ist ihr das Thema Nachhaltigkeit. “Ich lege Wert auf bewussten Umgang mit Ressourcen,” sagt sie. Darum druckt sie die Etiketten selbst. Die Rückseiten schreddert sie und verwendet die Schnipsel als Füllmaterial für Päckchen. Nachdem die Ölheizung ihren Geist aufgegeben hat, hat sie eine Holz-/Pelletheizung eingebaut. Auf dem neuen Dach produziert eine PV-Anlage Strom. Aktuell macht sich Eva Gedanken um die Verpackung. Sie sucht eine Alternative zum Plastik. Es gibt sie, aber noch steht der Preis in keinem Verhältnis. Und Papier ist nicht markttauglich, “das weicht auf bei Nebel und zu hoher Luftfeuchte”. Sie bleibt zuversichtlich, bald wird’s auch dafür eine Lösung geben.

In den Regalen leuchten alle Farben: gelb, orange, hellrot, tiefrot, violett, grün, beige, braun… “Nur blau hat gefehlt,” sagt sie. Sie tüftelte mit Blaukraut, blauen Kartoffeln, Hollerbeeren – nichts erzielte den gewünschten Effekt. Bis sie die Spirulina-Alge entdeckte: “Damit bleiben die Nudeln auch nach dem Kochen schön blau. Dieses herrlich tiefblaue Farbpigment wird kalt aus der Alge extrahiert und gibt den Nudeln die wahnsinnig schöne, außergewöhnliche Farbe.” Geschmack? Neutral. Toll! Neben festen lässt sich auch prima mit flüssigen Zutaten herumprobieren. Wasser lässt sich prima mit Bier, Sekt oder Wein ersetzen. Eva schwärmt: “Weinnudeln zu Fisch… hmmm!”

Vegane Nudeln, veganes Pesto

Und die Basis, die schlichte, ganz normale Nudel? Was steckt da drin? “Hartweizen- oder Dinkelgrieß und Wasser,” sagt Eva. “Mehr nicht.” Sie legt Wert darauf, dass ihre Nudeln vegan sind, also keine Eier enthalten. Das freut die vegane Kundschaft und: Wo würde sie solche Mengen an Eiern herkriegen, die ihren Ansprüchen genügen? Bio-Eier aus Massenproduktion sind schließlich nicht das Gelbe vom Ei. Also lieber vegan, das findet Eva sowieso großartig, auch wenn sie sich selbst bislang hauptsächlich vegetarisch ernährt. Den Grieß bezieht sie übrigens von einer familiengeführten Mühle aus Bad Wimpfen bei Heilbronn. Grieß und Mehl gibt’s auch bei ihr im Laden zu kaufen.

Und Pesto! Über 30 Sorten stehen im Regal, alles Eigenkreationen, alle selbst erprobt. Leicht verrückte Namen sind da auf den Etiketten zu lesen: Elefantenschreck zum Beispiel, eine Mischung aus Erdnuss und Cayenne. Milder ist der Knobl-Peter, der Knoblauch und Petersilie in sich hat. Neu ist der schwarze Oli, eine Kreation aus schwarzer Olive, Pfeffer, Pistazie und Knoblauch. Die Namen ersinnt Eva mit der Mama, “der Papa schnauft dann kopfschüttelnd.” Evas Pesto kommt ohne Käse aus, sonst wär’s ja nicht vegan – und es hält sich bis zu zwei Jahre. Meistens aber nicht, weil’s vorher gegessen wird.

“Ein freier Tag wäre schon schön”

Apropos: Lange blieb es nicht nur beim Ladengeschäft, geschwind eroberte Eva die Märkte im Umkreis von 200 Kilometern. An den ersten Markt erinnert sie sich noch bestens: “Das war der Weihnachtsmarkt in Pullman City bei minus 20 Grad. Aber es war toll – Radio Bayern 1 ist auf mich aufmerksam geworden und hat einen Beitrag gemacht.” Mit enormer Wirkung: Ein Kunde kam daraufhin extra aus Ulm angereist, um Evas Nudeln kartonweise zu kaufen. Er kommt nun jedes Jahr und verknüpft seinen Besuch mit dem Karpfhamer Fest. Eva hat viele Stammkunden. Direkt aus der Region und natürlich die Camper vom nahe gelegenen Platz. Manche Urlauber reisen mit dem Stadtbus an, der fast vor ihrer Tür Halt macht.

Evas Nudeln gibt’s inzwischen auch digital: “Das Onlinegeschäft darf gerne wachsen, dann brauchen wir nicht mehr so viele Märkte anfahren und können uns mal frei nehmen.” Evas Freude über ihre selbst gewählte Arbeit ist spürbar, wie sie von ihren Ideen und der Produktion erzählt – aber die Anstrengung kann sie nicht leugnen. Sie, die Mama, der Papa, eine Halbtagskraft, die Isabella und die Cindy, die ein bis zwei Tage wöchentlich arbeitet, machen alles. Der Papa fährt auf die Märkte, “er ist ein Wahnsinnsverkäufer mit Leidenschaft. Und ohne die Isabella könnte ich es mir gar nicht mehr vorstellen. Und die Cindy ist schon seit sieben Jahren ein unverzichtbarer Teil im Team.“ Eva arbeitet sieben Tage die Woche. “Ein freier Tag wäre schon schön. Vor allem auch für meine Eltern. Ich wünsche ihnen mehr Zeit für sich,” sagt sie und zwinkert die kleine Anspannung weg. Da bimmelt die Glocke – Kundschaft! Die Mama trocknet sich die Hände ab, geht in den Laden und berät die Nudelfreunde. “Ich glaub schon, dass ich eine schöne Arbeit hab,” sagt Eva und lächelt. Weiter geht’s!

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NudelneSterl

Eva Sterl

Telefon: 08532-926892
Anschrift: Schwaimer Straße 5
94086 Karpfham

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