Holzbildhauer Juppi Klopfer: „Das ist ein so freier Beruf“

„Erster Hof auf der linken Seite, am Haupthaus vorbei, rechts halten, vor der Schafweide rechts runter zum Ex-Kuhstall“ – so beschreibt Juppi Klopfer den Weg zu seiner Werkstatt in Lerbing bei Pfarrkirchen. Das klingt ziemlich ruhig. Wie sich herausstellt, ist es das auch. Juppis Blick aus der Werkstatt fällt auf die Weide, dahinter erstreckt sich ein Wald. Und in der Werkstatt herrscht auch meistens stille Geschäftigkeit, die nur hin und wieder vom Aufjaulen der Motorsäge unterbrochen wird. Ansonsten wird hauptsächlich mit dem Schnitzeisen gearbeitet. So wie jetzt. Juppi Klopfer ist Holzbildhauer.

Gewitztheit und Tiefsinn

„Ich bin Künstler, aber auch Handwerker,“ sagt der 38-Jährige und schaut auf die Figur, die vor ihm unter seinen Händen entsteht. Blau angezeichnet ist das Holz, das weg muss und sich noch um das fertige Werk schließt. Erkennbar ist schon ein Skelett, das sich auf einen Koffer stützt. Juppi schaut genau, kneift die Augen ein wenig zusammen und lässt den Hammer auf das Schnitzeisen niedersausen. Ruhig, gezielt und gleichmäßig macht er das. Hinter ihm steht eine bereits fertige Figur, ein wartender Mann, den Blick auf die Armbanduhr gerichtet. „Die Figuren gehören zusammen,“ erklärt Juppi. „Der eine wartet noch – und der andere hat zu lange gewartet.“ Er schmunzelt und trinkt einen Schluck Kaffee aus der Alutasse. Mit viel Milch und Zucker.

Juppi wird noch bis spät abends an der Figur arbeiten. Am nächsten Tag muss sie fertig sein – die beiden Wartenden sind ein Geschenk für einen Bekannten, der in einem Bahnhof wohnt, der noch vor der Bahnstrecke gebaut wurde. Das Bahnhofsgebäude war fertiggestellt, aber die Gleise wurden dann doch nie verlegt. Hinter Juppis Figuren steckt eine gewisse Gewitztheit mit Tiefsinn. Eine eigene Idee – und deshalb durchaus Kunstsinn. Juppi nickt, ja, das liege in der Familie.

Ein Punk unter den Kollegen

Der Vater war Ingenieur für Baukeramik, stellte Fliesen und Kachelöfen her. Der Onkel war einst Schüle von Joseph Beuys, seine Werkstatt war für neugierige Kinder, wie Juppi eins war, Tabuzone. Aber beim Vater durfte er sich am Ton bedienen. „Ich hab gern gebatzelt,“ sagt Juppi. Bis die unselige Schulzeit begann, dann war das Lernen wichtiger. Eigentlich. Denn anstatt Hausaufgaben zu machen, gab sich Juppi lieber dem Zeichnen hin. Damit hat er nie aufgehört, bis heute nicht. Nach der Grundschule kam er aufs Gymnasium, das war aber nichts so Richtiges und Juppi landete zunächst auf der Realschule und schließlich auf der Hauptschule. Der Vater war davon wenig begeistert, setzte den Sohn unter Druck, stellte die Frage: Was willst Du machen?

Juppi wusste es nicht. Also machte er irgendeine Lehre, eine Zimmererlehre. Gern denkt er noch heute nicht an diese Zeit zurück, an den rauen Umgangston, an die schwere Arbeit auf den Baustellen. „Das war richtig herzlos,“ sagt er. „Der Stift ist nix wert. Ich war der Punk unter den Kollegen.“ Doch er musste die Lehre durchziehen, „was anderes wäre von daheim aus nicht infrage gekommen.“ Der Vater wollte, dass der Bub sieht, was Arbeit ist, er wollte, dass er was wird. „Ich hab arbeiten gelernt, das schon. Ich hab gelernt, dass es nicht so easy ist, sein Geld zu verdienen.“

„Jetzt mach ich das, was ich will“

Nach der Gesellenprüfung passierte die Wende, eingeleitet vom Schicksal höchstselbst. Ein Autounfall, Juppi war nicht schuld, aber schwerstverletzt, der Kiefer war gebrochen, die Wirbelsäule beschädigt. Er musste ein Jahr lang ein Korsett tragen und war ebenso lange im Krankenstand. Plötzlich so viel Zeit, plötzlich kein Druck mehr und plötzlich die Erkenntnis: „Jetzt mach ich das, was ich will…“

Er begann wieder zu zeichnen und zu malen. Besann sich wieder auf das, was er mit Leidenschaft verfolgte. In seinem Kopf entspannen sich Rauminstallationen und Comics, er skizzierte, brachte die Gedanken auf Papier und wurde immer besser. Er erstellte Mappen und bewarb sich an Kunsthochschulen. Und schließlich in Oberammergau an der Bildhauerschule. Er wurde eingeladen, durfte zeichnen, modellieren, führte ein Gespräch und absolvierte die schriftliche Aufnahmeprüfung. Er wurde angenommen und zog mit 20 Jahren nach Oberbayern, um sein Herzenshandwerk zu erlernen. Zuvor aber wollte Juppi noch ein bisschen rumkommen in der Welt. Also machte er sich auf nach ganz weit weg. Drei Monate Indonesien, zurück über Malaysia und Thailand, das war schon was. Juppi war endlich auf seinem eigenen Weg. Einen festen Plan hatte er dabei nie, eins ergab immer das andere.

„Gehört zusammen: Kirchen und Kunst“

Juppi raucht eine Zigarette fertig, sagt: „Die Holbildhauerei ist ein totes Handwerk. Wenn man sich vorstellt, die kompletten Kirchenausstattungen würde heute noch einer machen – das wäre unbezahlbar.“ Er holt ein pausbäckiges Engelchen von einem Schrank, pustet den Staub weg, schaut es schräg an und lacht. „Furchtbar,“ sagt er zu diesem Putto, den er vor Jahren kopiert hat. „Wobei. Eigentlich ganz nett.“ Die klassisch barocken kirchlichen Arbeiten hat er nie verfolgt – obwohl er Kirchen mag: „Kirchen und Kunst – das gehört zusammen. Kirchen sind Kulturgüter.“ Weil er aus diesem Grund die Kirchensteuer als gute Investition betrachten kann, ist er auch nicht ausgetreten – wie so viele seiner Generation. Er mag die Gartlberger Kirche und die Asam-Kirchen, wie die in Aldersbach. „Die sind der Hammer. Da gibt es so viel zu schauen. Vieles hat einen Holzunterbau, ein Riesenaufwand. Damals war das noch ein blühendes Handwerk,“ sagt Juppi und seine Begeisterung ist spürbar.

Ja, damals… Und heute? Heute blüht es wieder, zumindest in Juppis Werkstatt in Lerbing. Doch bis dahin war es kein gerader Weg. Nach der Ausbildung zum Holbildhauer landete er irgendwie in Kopenhagen, da kannte die Tante eine Koryphäe in Sachen Tiefdruck, Niels Borch-Jensen. In dessen Kupferdruckwerkstatt konnte Juppi leben und ein Praktikum machen: „Das ist eine geile Stadt und ich hab viel gearbeitet und gelernt.“ Nach fast einem Jahr im Norden und ein paar weiteren Jahren planlosen Herumirrens sollte es die Meisterschule in München sein. „Aber ich hab Geld gebraucht,“ erzählt Juppi. Über eine Freundin kam er nach Wien und heuerte als Industriefensterputzer an. Ja, das sind die, die in schwindelerregenden Höhen die Fensterfassaden reinigen. „Das war entspannt. Ich habe mit Freunden gearbeitet. Aber es hatte halt nichts mit Bildhauerei zu tun. Und insgesamt betrachtet war es schon eine schwierige Zeit,“ sagt Juppi. Die Pendelei zwischen München und Wien strengte ihn an und er hatte so gar nicht das Gefühl, seinen Platz gefunden zu haben.

„Das war die Megagelegenheit“

Ein großer Lichtblick war Kathy, die er in Wien getroffen und sich ordentlich verliebt hat. Auch eine Rottalerin. Irgendwann war das zweite Baby unterwegs und bei Juppi trudelte ein Wahnsinnsangebot ein: Der Eggenfeldner Ofenbauer Brunner wollte eine Skulptur. Eine große Skulptur zur äußerst philosophischen Frage „Worauf kommt es im Leben an?“. „Das war die Megagelegenheit für mich. Da konnte ich mal zeigen, was geht,“ sagt Juppi und freut sich immer noch. Er erzählt von der Skulptur, die schließlich ein dauerhafter Maibaum wurde. Aber kein gewöhnlicher Maibaum. Sondern einer mit Löchern, in die Juppi Sockel schob und darauf Figuren setzte. Es brauchte einen Kran zum Aufstellen und viele Hände, bis alles seinen Platz hatte. „Der Brunner hatte Vertrauen, wollte es mit mir probieren. Eine Supersache.“

Genauso wie Juppis Neustart in Niederbayern. Mit Frau und Kind zog er also vor sechs Jahren nach Pfarrkirchen, ins Haus von Kathys Opa. „Kathy arbeitet in einem Büro, dafür bin ich ihr sehr dankbar,“ sagt Juppi. Ohne ihre feste Stelle wäre ihm seine Freischaffenheit zu riskant – inzwischen hat das Paar zwei Buben. „Hier passt alles. Oma und Opa helfen uns sehr,“ sagt Juppi. Und er tut, was er kann und ihm entspricht. Nach dem Großauftrag von Brunner folgte bald der nächste Meilenstein. Die Eggenfeldner Krankenhauskapelle sollte neu ausgestaltet werden. Juppi bewarb sich – und bekam den Job. „Das war echt der Wahnsinn – und das Ergebnis sehen echt viele Leute,“ sagt der glücklich Heimgekehrte. Das Thema lautete „Raum der Stille“, der Raum selbst ist rund. Juppi ersann eine Herzschlaglinie, auf der Figuren aus Bibelgeschichten ihren Platz fanden. „Dabei sind richtige Landschaften entstanden, auf der die Figuren richtig spielen konnten,“ erzählt er. 90 Figuren kann der Besucher heute in der Krankenhauskapelle entdecken, alle eingebunden in eine große Geschichte.

Ausstellungen in London und München

Das ist es. Juppi ist nicht nur Künstler und Handwerker, sondern auch Geschichtenerspinner, Geschichtenerzähler. Darum gibt es auch seine Mini-Figuren, die allesamt Namen tragen, ihre eigene Story haben und auf Würfeln sitzen, balancieren, klettern, stehen. Sie umgibt mittlerweile eine kleine Fangemeinde. „Ich hätte nicht gedacht, dass die so ankommen – aber sie sind mittlerweile meine Cash-Cow,“ sagt Juppi. Seine Kundschaft verschenkt die kleinen Werke gern. Begehrlich macht sie auch die limitierte Anzahl. Nur 30 Stück stellt Juppi von jeder Figur her, dann muss es auch mal wieder gut sein. Präsentiert hat Juppi die Kleinen in einer Ausstellung in München. Seitdem kommt er mit dem Reproduzieren kaum noch hinterdrein.

In München hat Juppi erst heuer in der Krämerschen Kunstmühle ausgestellt. Eine feine Sache, nachdem er erst im letzten Jahr seine Werke in London zeigen konnte. Sein Schwager ist Maler und gleichzeitig Engländer – so ergab eins wieder mal das andere. Juppi schaut nach draußen. Es regnet einen heftigen Sommerschauer. Beim Erzählen und Zuhören blieb das Wetter zunächst unbemerkt. Doch dann schüttet es so heftig, dass das Wasser bei den Werkstattfenstern hereinläuft und sogar Juppis Kunstwerke besudelt.

„Ich kann nur mit dem Holz arbeiten“

Die 4 Sphären sind in Gefahr – vier große Kugelscheiben, die an der Wand hängen. Eine grün-, die andere magenta-metallisch, eine golden und eine wie ein großer Käse-Mond. Genau dieser läuft Gefahr, nass zu werden – und da kommt Juppi in die Gänge. Geschwind hängt er die Werke ab. „Die weiße Sphäre ist mit einem Kasein-Gemisch behandelt – und so riecht sie auch,“ sagt er und lässt schnuppern. Tatsächlich. Und genau darum tut ihr Nässe gewiss nicht gut. Die anderen drei Sphären mögen das nasse Element ebensowenig – hinter ihrer glänzenden Fassade steckt Holz. Das blitzt hervor – aus den Verletzungen, wie Juppi die Einschnitte mit der Kettensäge nennt. „Erst war’s perfekt, dann hab ich reingehackt,“ sagt Juppi. Genau dies will er zeigen: dass hinter einer perfekten Oberfläche das Unperfekte – oft sogar das Gewöhnliche steckt. Dass nichts so scheint, wie es ist. „Ich habe geschwitzt, als ich die perfekten Sphären verletzt habe. Es war schrecklich,“ erzählt er. Viele Stunden Arbeit stecken in allen vier Elementen. Aber es musste sein.

Die Wahrheit muss ans Licht – und eine hölzerne Wahrheit ist nicht das Schlechteste. Der solide natürliche Werkstoff fasziniert Juppi. Er erzählt vom Leben und von der Bewegung, die in jedem Stück Holz steckt. Wie er mit diesen Bewegungen arbeitet, wie er Risse einkalkuliert: „Ich kann nur mit dem Holz arbeiten. Der Werkstoff gibt vor, was er will.“ Und wenn er an einer Figur arbeitet, drückt er dem Holz die Form auf, wie er es nennt. Anders ist dies bei Skulpturen – hier gibt ihm das Holz die Form vor. Da sind die Äste, die Gabelungen, die Rinde eines Stammes. Da ist der Baum selbst, der einmal Walnüsse, Bucheckern oder Eicheln trug. Momentan wartet in seiner Werkstatt ein mächtiger Stamm auf seine Bestimmung, daneben noch ein etwas kleinerer. „Walnuss und Eiche,“ sagt Juppi. „Das wird spannend, die anzuschneiden.“

So spricht er vom Holz wie der Bäcker vom Brot, trinkt den letzten Schluck Kaffee aus und schaut aus dem Tor. Der Regen lässt nicht nach und auf dem Boden vor der Werkstatt bilden sich große Pfützen. Sein Vater lebt nicht mehr, fand den Weg seines Sohnes aber gut. Der Zimmerer, der mehr mit Holz anstellen wollte. Miterlebt hat es der Vater nicht mehr, was für ein Holzbildhauer Juppi geworden ist. Einer, der sein ganz eigenes Ding macht und für sich damit gut leben kann. „Das ist ein so freier Beruf,“ sagt Juppi und lächelt. „Es kann alles sein und darf alles werden.“

Mehr zu sehen von Juppis Arbeiten gibt es auf www.juppi-klopfer.de.

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