Stefanie Duscher: Ein eigener Kopf, ein eigenes Herz

Das Leben spielt sich an diesem besonders warmen Oktobertag draußen ab. An der Wäscheleine flattern die Klamotten von fünf Familienmitgliedern, die Sonne scheint auf die selbstgemachten Palettenmöbel im Garten, die Gemüsebeete bieten noch reichlich Ernte und die Hintertür steht offen, so dass sich ein Blick in die gemütliche Wohnküche erwischen lässt. Hier lebt die Familie Duscher/Heldenberger. Mama Stefanie, die alle einfach Steffi nennen. Papa Christian, den meisten bekannt unter dem Namen Heldi oder Chris. Leon, zehn Jahre alt. Felix, sechs Jahre alt. Und Maya, ein Jahr alt.

„Das kriegen wir schon hin“

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Im Garten der Familie.

Steffi kocht Kaffee auf türkische Art, bietet dazu Hafermilch an. Sie sitzt in der Sonne, blinzelt und sagt: „Ich freue mich sehr, endlich mal meine Geschichte erzählen zu dürfen.“ Ihre Geschichte – das ist die Geschichte ihrer Familie, ihrer Beziehung, ihrer Arbeit, ihrer Gedanken über eine Welt, mit der sie ganz oft überhaupt nicht einverstanden ist und darum wenn möglich gerne einen anderen Weg geht. Steffi ist 28 und bekommt oft zu hören, sie sehe viel jünger aus. Ihre zierliche Gestalt kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass in ihr eine starke Frau steckt.

Felix hüpft auf dem Trampolin, Chris versorgt Maya mit Nudeln, die sie genüsslich auf der Decke in der Wiese mampft, Leon verschwindet in seinem Zimmer und Steffi erzählt. „Leon habe ich mit 17 bekommen. Ich stand kurz vor dem Quali und war schon in der 16. Woche, als ich’s erfahren habe.“ Mit ihrer Mama fuhr sie ins Krankenhaus, als der Bauch arg zwickte – dort bekam sie die Bestätigung. „Das kriegen wir schon hin,“ hat die Mama gesagt. Keiner verstand Steffi in dem Moment wohl besser. Ihre Mama war auch 17, als Steffi unterwegs war. Und Chris? „Dem habe ich nicht gesagt, dass es sogar noch die Möglichkeit einer Abtreibung gegeben hätte. Erst später, als mir klar war, dass er das Kind auch wollte.“ Steffi ging weiter zur Schule in Bad Birnbach, machte ihren Quali. „Alle waren total nett und lieb zu mir, dafür bin ich heute noch dankbar,“ erinnert sie sich und trinkt ihren Kaffee aus.

„Das würde ich nicht nochmal machen“

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Die Duschers/Heldenbergers: Chris, Leon, Steffi, Maya, Leon.

„Und jetzt ist eine Ausbildung wichtig,“ sagte die Mama und begleitete die hochschwangere Steffi zum Einstellungstest zum Wacker, wo sie für große Augen sorgte. Nicht zuletzt deshalb, weil sie sich für eine Ausbildung zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit bewarb. Steffi bestand den Test. Aber jetzt sollte erst mal Leon zur Welt kommen. Steffi wollte zur Geburt ins Krankenhaus Rotthalmünster. Nach dem Gespräch mit dem Arzt entschied sie sich dann aber doch anders. Seine Worte „Wenn Du keine Lust mehr hast, kommst zu mir zum Kaiserschnitt“ schreckten sie ab. Dass es bei einer Geburt weder um Lust noch Unlust noch um einen Kaiserschnitt gehen soll, das war der jungen werdenden Mama schon damals klar.

Also rief sie bei Hebamme Inge Helmer an, die damals noch kein eigenes Geburtshaus führte, aber Frauen individuell ins Krankenhaus begleitete. So kam es, dass Leon im Altöttinger Krankenhaus geboren wurde. In der Badewanne, ohne Komplikationen. Mit dabei waren Chris und Steffis Mama. An die Zeit im Krankenhaus hat Steffi dennoch keine guten Erinnerungen: „Ich musste mir mit Leon das Zimmer mit einer Frau teilen, die vorzeitige Wehen hatte. Und ich wurde völlig allein gelassen. Niemand hat mir gezeigt, wie ich mein Baby anlege.“ Deshalb beschloss Steffi, nach der ersten Nacht heimzugehen, „auf eigenes Risiko“.

Steffi lebte mit Baby Leon weiterhin bei ihren Eltern in Brombach – Chris in Degernbach. Nach zehn Monaten begann die junge Mama ihre Ausbildung bei Wacker zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit. „Das würde ich nicht nochmal machen,“ sagt sie heute. Gleich zu Beginn der Ausbildung war sie eine Woche auf Lehrgang – die erste Woche ihres Lebens ohne Leon. „Das hat mich fertig gemacht.“ Während der Ausbildung musste Steffi regelmäßig zum Blockunterricht nach Neuburg an der Donau und war deshalb oft zwei Wochen am Stück nicht da. Aber sie hat die anstrengende Zeit durchgestanden, worüber sie heute sehr froh ist. „Wacker ist ein wirklich familienfreundlicher Betrieb,“ sagt Steffi rückblickend. Nach der Lehre wurde sie übernommen und arbeitet heute, nach all den Jahren, einen Tag pro Woche in Teilzeit.

„Ich habe die Ansagen erteilt“

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Es gibt immer viel zu tun…

Während Steffi zu Wacker pendelte, machte Chris in Straubing eine Ausbildung zum Heilerziehungspflegerhelfer. Erst danach zog die kleine Familie zusammen – in eine Wohnung in Pfarrkirchen. Kurz nach dem Einzug war Steffi mit Felix schwanger. „Geplant hatten wir keins unserer Kinder,“ sagt Steffi und ist dabei ganz gelassen. In der Schwangerschaft mit Felix beschäftigte sie sich verstärkt mit dem Thema selbstbestimmter Geburt. „Ich war es, die im Krankenhaus klipp und klar Ansagen erteilt hat,“ sagt sie. Felix kam im Eggenfeldner Krankenhaus zur Welt – und wie sein großer Bruder Leon ohne jegliche Probleme. Wohl gefühlt hat sich Steffi aber wieder nicht: „Der Arzt ist immer wieder hereingeplatzt und die Hebamme hat ständig telefoniert. Eine Geburt ist ein ganz intimer und sensibler Moment – da geht sowas nicht.“

Nach der Geburt bekam Steffi starke Nachwehen und wollte eigentlich nur eine Wärmflasche. Die Krankenschwester gab ihr dann doch ein Schmerzmittel und Steffi ist überzeugt davon, dass davon die Blutgerinnung aktiviert wurde und sie an den Wehentropf gehängt wurde. „Darüber ärgere ich mich heute noch. Bei der Geburt lief alles nach meiner Vorstellung. Und danach hab ich mich nicht mehr durchsetzen können,“ sagt Steffi. Sie war froh, als sie heimgehen konnte.

Zu oft: Angstmache und Übergriffigkeiten

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Steffi und Felix.

Was für den einen halb so wild klingt, beschäftigt Steffi ganz grundsätzlich. Ihre eigenen Erlebnisse im Krankenhaus und die vielen schlimmen Geburtsgeschichten von Freundinnen und Bekannten haben sie nachdenklich gemacht. Zu oft ist die Geburt des eigenen Kindes kein selbstbestimmtes, stärkendes Erlebnis. Zu oft erleben die Frauen Angstmache und Übergriffigkeiten, zu oft endet die Geburt nach vielfachen Interventionen mit einem Kaiserschnitt. Steffi ist sich sicher: Das muss nicht sein. Sie appelliert an die innere Stärke der Frauen, an weibliches Selbstvertrauen, das sich eine jede zurückholen kann. „Es ist heute noch oft so, dass Frauen wie ein Käfer auf dem Rücken liegen sollen und ihre Geburtsposition nicht selbst wählen dürfen. Das ist aber entgegen der Schwerkraft und für das Kind ultraschwer rauszukommen.“ Damit spricht sie den wichtigen Aspekt an, dass es nicht nur die Mutter ist, die das Kind bekommt. Auch das Baby selbst hat einen großen Anteil an der Geburt, auf dem Weg aus der Gebärmutter hinaus in die Welt.

Mit diesem Bewusstsein war Steffi klar, wo ihr drittes Kind geboren werden sollte: daheim. Als sie wusste, dass sie mit Maya schwanger war, rief sie Inge Helmer an, die mittlerweile ihr Geburtshaus in Arnstorf betrieb. Steffi fragte nach einer Hausgeburt, die Hebamme war einverstanden – mit dem großen Aber, dass Geburten im Geburtshaus den Vorrang haben. Steffi ging dieses „Risiko“ bewusst ein, sprach mit Chris, Leon und Felix und lernte das Buch „Alleingeburt“ der Ärztin Sarah Schmid auswendig. Vor der Geburt zog die Familie noch nach Triftern in ein großzügiges Haus mit viel Platz um. Und dann kündigte sich Maya an.

„Ich würde es wieder daheim machen“

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Platz zum Spielen findet sich überall…

„Um zehn Uhr abends ging’s los,“ erzählt Steffi. „Die Jungs waren im Bett und ich konnte mich in Ruhe vorbereiten. Bei Tagesanbruch hab ich die Wehen im Bad veratmet und Leon war dabei. Später bin ich ins Wohnzimmer gewechselt. Chris hat Handtücher verteilt, an der Decke haben wir ein Tuch zum Festhalten aufgehängt. Wir haben vorher mit Leon und Felix gesprochen und Geburten auf YouTube geschaut – sie wollten gerne dabei sein. Und dann saßen alle mit riesengroßen Augen da, als Maya um halb acht Uhr früh zu uns kam.“ Steffi lächelt, die Erinnerungen machen noch über ein Jahr später die Freude sichtbar, die sie gemeinsam erleben durften.

„Als Inge zu uns kam, war ich schon geduscht,“ erzählt Steffi weiter. „Später hat Chris‘ Papa Leon und Felix abgeholt und wir konnten gemeinsam Mayas ersten Tag in Ruhe verbringen.“ Auf Mayas Plazenta haben sie im Garten von Chris‘ Eltern einen Baum gepflanzt. Steffi sagt: „Ich würde es wieder daheim machen. So haben auch Leon und Felix gesehen, dass eine Geburt nicht unbedingt im Krankenhaus stattfinden muss. Freilich – Voraussetzung ist eine Schwangerschaft ohne Komplikationen. Und das eigene Gefühl muss stimmen.“ Sie freut sich, dass eine Freundin vor einigen Wochen ihr Baby auch alleine mit ihrem Partner daheim bekommen hat. „Ohne mich als Vorreiterin hätte sie das wahrscheinlich nicht gemacht,“ sagt sie. „Ich freue mich, dass ich ihr meine Erfahrungen weitergeben durfte.“

„Ich hab mich intensiv auseinandergesetzt“

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Maya genießt ihre Nudeln.

Ansonsten ist das offene Interesse an Steffis Alleingeburt verhalten. Mit Kritik jedoch halten sich viele nicht zurück. „Viele sagen, ich hätte einfach Glück gehabt. Da schwingt sowas mit, als ob ich fahrlässig gehandelt hätte. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ich habe mich intensiv mit dem Thema Geburt auseinandergesetzt und habe Maya selbstbestimmt geboren,“ sagt Steffi. Ein wenig ärgert sie das schon – diese Vorwürfe, die ganz ohne Interesse an ihren persönlichen Beweggründen einhergehen. Hinter diesem Verhalten steckt Angst, die vielerlei Gesichter hat. Zum einen ist da die große Kraft der Frauen, die ihnen nicht zuletzt durch das Christentum abgesprochen wurde. Die Kraft, ein Kind zu bekommen, hat jede Frau – und das passt einfach nicht zum Bild des angeblich „schwachen Geschlechts“. Dazu kommt der große Glaube an die Götter in Weiß, das blinde Vertrauen in die Medizin, da wird gern gesagt: „Die müssen es ja wissen, die haben das doch studiert.“ Steffi schüttelt den Kopf: „Frauen müssen wieder lernen, die Verantwortung für sich selbst zu tragen und damit aufhören, sich fremdbestimmen zu lassen. Viele reden auch gar nicht über ihre schlimmen Geburtserfahrungen. Weil sie Angst haben, nicht ernst genommen, nicht gehört zu werden. Weil sie sich schämen, es nicht allein geschafft zu haben. Weil sie sich unverstanden fühlen – und am Ende doch oft nur hören, wie froh sie sein müssten, ein gesundes Baby bekommen zu haben.“

Sie selbst hat mit dem Gedanken gespielt, eine Ausbildung zur Doula zu machen. Eine Doula begleitet Frauen während der Geburt, spricht mit ihnen vorher, erstellt mit ihnen einen Geburtsplan, der gewisse Entscheidungen festhält, die während der Geburt nicht getroffen werden können, weil das Geschehen zu viel Kraft verlangt. Eine Doula stärkt die Frauen mental und bleibt als verlässliche Konstante an ihrer Seite. Steffi erinnert sich: „Die Hebamme, die bei der Geburt von Felix dabei war, konnte sich nicht mehr an uns erinnern, als wir sie ein paar Wochen später im Supermarkt an der Kasse getroffen haben.“ Trotz aller Gründe, die dafür sprechen – momentan kommt für sie die Ausbildung nicht infrage – die Kosten für ein Zertifikat stehen nicht dafür, wie sie sagt.

Das kann man doch nicht machen?

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Schlafen unter freiem Sternenhimmel: Nachtlager in Griechenland, 2014. Foto: Steffi Duscher

Leon und Felix spielen jetzt im Hof Fußball, Chris hat Maya einen Helm aufgesetzt, sie in die Kraxe gepackt und schwingt sich mit ihr auf dem Rücken auf sein Monoboard. Er will schauen, ob nicht doch noch ein paar Schwammerl im nahe gelegenen Wald wachsen. Steffi schenkt noch einen Kaffee ein. Sie ist ganz in Gedanken, sie will unbedingt all das sagen, was sie umtreibt. Und sie treibt vieles um, weil es ihr nicht egal ist, was auf der Welt passiert, welche Strukturen sich in der Gesellschaft verfestigen, anstatt endlich aufzubrechen. Geld ist da so eine Sache. Sie sagt: „Krankenhäuser sind auch nichts anderes als Unternehmen, die eben höchstmöglichen Profit machen wollen. Und mit einer stinknormalen Geburt ist nicht viel gewonnen.“

Sie trinkt einen Schluck Kaffee, behält die Tasse in den Händen. Sie spricht das Thema Angst an, das die Gesellschaft so sehr umtreibt und bestimmt: „Ich höre dann immer: „Das kann man doch nicht machen.““ Steffi und Chris machen es trotzdem. Sie lassen die Kinder nicht impfen, „und sie sind gesünder als andere.“ Sie reduzieren Arbeitszeit, um mehr Zeit für die Familie zu haben – für das, was zählt – und begnügen sich dafür gerne mit weniger Geld. Steffi arbeitet mittlerweile wieder einen Tag bei Wacker. Chris hat sein Arbeitspensum in einem Caritas-Wohnheim in Pocking auf 18 Stunden verkürzt. Und die beiden reisen mit den Kindern – ohne vorher zu buchen und ohne in einem Hotel oder einer Pension zu schlafen.

Schlafen unter freiem Sternenhimmel

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Die Familie in Mexiko 2015. Foto: Steffi Duscher

Eine Sterneunterkunft hatte die Familie dennoch ein jedes Mal. Eine echte! Denn unter freiem Sternenhimmel lässt es sich in jedem warmen Land gut schlafen. Und zwar für lau. 2013 ging’s mit dem Auto nach Italien, „da haben wir jede Nacht woanders geschlafen.“ 2014 eroberten die Duschers/Heldenbergers mit dem Auto den Balkan, um schließlich in Griechenland zu landen. Im Januar 2015 zeltete die Familie in Mexiko mit Freunden, drei Monate später verbrachten sie ein paar Wochen am Strand von La Gomera. Und im Sommer zog es sie nochmal in die Ferne, nach Kreta, an eine eigene Bucht mit Höhle am Strand. Zurück ging es mit der Fähre nach Venedig und von dort per Autostopp nach Hause. 2016 reisten die Vier nach Marokko.

2017 waren sie schon zu Fünft, als die sehr kleine Maya ihren ersten Urlaub auf la Gomera am Strand verbrachte. Pfingsten zog die Familie nochmal los – per Nachtzug nach Kalabrien, wo die Familie im Wald am nahegelegenen Strand schlief. Heuer, im Sommer 2018, reisten sie nochmal auf den Balkan, tingelten durch Bosnien-Herzegowina. Steffi strahlt beim Erzählen, es ist ihr schon lange egal, was andere denken und sagen. „Mit so kleinen Kindern kannst doch sowas nicht machen?“ Doch, die Duschers/Heldenbergers können. So sehen die Kinder was von der Welt, eingebettet in die Sicherheit der Familie. Sie lernen andere Kulturen kennen und teilen die wunderbare Erfahrung, dass gerade die Menschen in den ärmeren Ländern am freigiebigsten sind. Frei nach dem Motto: Wer wenig hat, kann ganz viel geben.

„Zusammen hat man mehr Möglichkeiten“

Leon, Felix und Steffi, Griechenland, 2015. Foto: Steffi Duscher

Grade kommen Chris und Maya zurück. Schwammerl haben sie keine mehr gefunden, es ist einfach zu trocken. Maya kuschelt sich an Steffi und gönnt sich einen Schluck an der Brust. Chris schenkt Apfelsaft ein – das Ergebnis eines Nachmittags mit der Spielwiese-Gruppe. Die Spielwiese, das ist eine muntere Runde an Leuten, die wollen, dass sich mehr tut in der Region um Pfarrkirchen. Die das kulturelle Leben in der Stadt auf dem Land ankurbeln wollen, die sich neue Veranstaltungen für den Landkreis ausdenken, die gemeinsam überlegen und schließlich einfach mal machen. So haben sie bei der Apfel-Aktion einen ganzen Hänger Obst gesammelt und die Früchte dann beim Biohof Wimmer pressen lassen. Dabei herausgekommen sind eine Menge Liter Saft und ein schönes Gemeinschaftsgefühl. Den wollen sie jetzt selbst trinken und auf ihrem Stand am Pfarrkirchner Christkindlmarkt an den Mann bringen, heiß und mit Zimt. Außerdem soll es dort nachhaltige Produkte geben.

„Ich freue mich so, dass wir diese Leute gefunden haben,“ sagt Steffi. „Zusammen hat man mehr Möglichkeiten, aktiv zu werden und die Welt zumindest ein kleines bisschen zu verändern.“ So wie beim ersten Tausch- und Verschenkemarkt am Pfarrkirchner Stadtplatz mit Picknick und der Band Phonogen im September. Oder beim ersten Kleidertausch Ende Oktober im Glasbau. Steffi freut sich schon auf’s nächste Jahr – dann will das Team um die Spielwiese noch mehr Aktionen starten. „Ich versuche, mein Umfeld mit meinen Themen zu sensibilisieren,“ sagt Steffi ganz diplomatisch. „Ich möchte nicht missionieren, weil das eh nichts bringt. Es muss bei jedem selbst Klick machen.“ So lebt sie lieber vor, was sie für wichtig hält.

„Das Bewusstsein wächst mit der Zeit“

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Auf geht’s nach Kalabrien, 2017. Foto: Steffi Duscher

Früher, da war sie auch mal ganz anders drauf. Ging gern zum Shoppen, hatte den Schrank voller Klamotten, die sie dann eh kaum trug. Mittlerweile ist Steffi regelrecht genervt von all dem Konsum. „Das ist nicht wichtig,“ sagt sie. „Wichtig ist, was auf der Welt passiert.“ Und das macht ihr Sorgen. Auf dem Tisch in der Wohnküche liegt das Greenpeace-Magazin, daneben die taz. „Ich kann nicht verstehen, wie man sich über die Auswirkungen wundern kann, wie man die Welt behandelt,“ sagt sie. Das Tierleid in der Massentierhaltung. Das Energie-Thema. Die Glyphosat-Eskalation. Die AfD. Das Hambacher-Forst-Drama. Die Plastik-Teppiche in den Ozeanen und die vermüllten Strände, die sie schon selbst gesehen hat. „Das Bewusstsein dafür wächst mit der Zeit,“ begründet sie ihr Interesse am Weltgeschehen und ihren Willen, nicht tatenlos zuzuschauen oder all das zu ignorieren.

Steffi denkt nach. Ihre Augen werden dabei noch ein Stück dunkler, die kleine Falte an der Nasenwurzel ein wenig tiefer. Leon und Felix sausen im Garten herum, Hausaufgaben haben sie keine, die glücklichen Kinder. Sie gehen in die Montessori-Schule in Rotthalmünster. Chris setzt sich dazu, Maya tapst ihren Brüdern nach. „Als Kind habe ich mich stark für den Zweiten Weltkrieg interessiert und ich lese auch heute noch Bücher über einzelne Schicksale. Wer sich damit ernsthaft auseinandersetzt…“ Sie macht eine Pause, schüttelt den Kopf. „Ich glaube, die wichtigste Voraussetzung ist Mitgefühl. Also die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinversetzen zu können. Den einzelnen Menschen sehen. Das alles muss unseren Kindern vorgelebt werden, damit das nochmal was wird mit unserer Welt.“

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Auf La Gomera, 2017. Foto: Steffi Duscher

Chris lächelt Steffi an. Im nächsten Sommer werden sie heiraten. Oben auf einer Alm, mit lieben Leuten und einer freien Trauung, die ein Freund halten wird. Steffi war 14, als die beiden ein Paar wurden. Ein paar Unterbrechungen gab es in ihrer Beziehung und vor Maya auch den Plan, sich dauerhaft zu trennen. Doch dann kam Maya und es wurde alles anders. Und zwar gut. So fühlt es sich an bei Duschers/Heldenbergers. Die Lappalien des Alltags sind nicht so wichtig. Wichtig ist es, die Freiheit zu nutzen, die ein jeder im Leben hat und dadurch Verantwortung für sein Tun übernehmen darf. Am Ende muss nichts perfekt sein und am Ende ist immer noch alles dem Wandel unterworfen. Fertig wird man nie – weder mit dem Überdenken von Gegebenheiten noch mit dem Tun. Aber das Leben ist dennoch schön, so anstrengend es auch sein mag.

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Sommer 2018, Bosnien-Herzegowina. Foto: Steffi Duscher

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