Andrea Erndt aus dem Dreimühlental: „Ich hab alles, um glücklich zu sein“

„Du bist richtig, wenn Du beim Haus mit den vielen Blumen bist,“ beschreibt Andrea Erndt den Weg ins Dreimühlental. In Pelkering wohnt sie, zwischen Triftern und Kößlarn, in Alleinlage. Der Reiz ist groß, Andreas Heimat mit dem Paradies zu vergleichen – oder gar mit einer „Oase der Ruhe“. Hier lebt die 47-Jährige mit ihrem Mann Franz und ihrer kleinen Tochter Kristina. Ja, es sind viele Blumen, die sich da in allen Farben ums Haus ranken, aus Töpfen lugen, an Zäune schmiegen und sich dicht an dicht drängen. Die späte Augustsonne schickt ihre Strahlen durch die Bäume, auf der Koppel grasen zwei Rösser und ein Pony, da hinten mauzen Katzenkinder und Kristina sitzt auf der Bank vorm Haus und bastelt. Andrea schaut sich lächelnd um. Später wird sie sagen: „Mein Mann hat mir meinen absoluten Lebenstraum erfüllt.“

Andreas Lachen: Direkt aus dem Herzen heraus

Sie drückt ein Gartentor auf, das eins von vielen Geheimnissen in ihrem Reich preis gibt. Hier steht ein Grand, eiskaltes Wasser plätschert munter hinein, am Hahn hängt ein Krug, drinnen steht ein Kasten Bier. Weiter hinten wächst eine dicke alte Linde hoch hinaus. Ihre Krone bildet ein weites Blätterdach, in dessen Schatten es sich gewiss gut sitzen lässt. Hier fühlen sich Andreas Funkien wohl, um sie herum kräuselt sich Frauenmantel. Da und dort schaut eine kleine Figur hervor, liegt ein schöner Stein oder eine Wurzel. Vorn am Zaun wächst die Kornelkirsche, deren Früchte jetzt richtig reif sind. „Daraus hab ich Marmelade gekocht. Und einen Likör angesetzt,“ sagt Andrea und lacht ihr typisches Lachen. Rau und herb und laut direkt aus dem Herzen heraus. Dabei werden die vielen kleinen Fältchen um die Augen sichtbar, die bezeugen, dass Andrea viel lachen mag.

 

In der Hütte rankt hinter den großen Fenstern wilder Wein und lässt das Sommerlicht hellgrün strahlen. Drinnen herrscht Wirtshaus-Atmosphäre. Nicht von ungefähr, hier war einmal der Fasslwirt. „Das war eine sehr gut besuchte Flaschenscheng. Die Leute kamen mit dem Radl aus Anzenkirchen und Triftern und sogar aus Pfarrkirchen,“ sagt Andrea. „Da ging’s jedes Wochenende ab.“ 500 Liter waren da schnell ausgeschenkt. Diese Zeiten waren vorbei, als die Großeltern von Franz starben. Aber die Erinnerungen sind noch gut sichtbar. An den Wänden tummeln sich wahre Sammelsurien. Rehgwichtl, Fotos, Bilder, ausgestopftes Getier, Krüge, Sprüche, Schilder, ein großes Nudelholz. Auf der Theke stehen Gläser, da hier auch heute noch gern gefeiert wird. „Wir grillen viel mit Freunden, auch im Winter. Da sitzen wir gern zusammen,“ sagt Andrea. Sie öffnet die kleine Tür hinter der Theke und siehe da: Da kann sich der geneigte Feierfreudige in ein ganzes Fassl zurückziehen. Zwei Bänke, ein Tisch, ein Fensterl und eine Lampe haben darin Platz. Darum also „Fasslwirt“.

„Von meiner Oma hab ich viel gelernt“

„Der Opa vom Franz hat bei Hacker-Pschorr in München gearbeitet. Dadurch ist er an das Fass gekommen,“ sagt Andrea, während sie Streuselkuchen auf den langen Tisch stellt. Früher hat man hier Steckerlfisch serviert. „Unterhalb der Hütte gab es zwei Fischweiher,“ sagt sie. Inzwischen ist es nur noch einer, Essbares schwimmt nicht mehr darin herum. „Vor ein paar Jahren hat jemand den Weiher in der Nacht vor Karfreitag leergefischt,“ erzählt Andrea. Seitdem freuen sich nur noch ein paar Goldfische ihres Lebens. Ja, einen Weiher gab es auch in Andreas Heimat. Genauso wie einen großen Hausbaum, eine Eiche. Und Pferde. Und viel Garten.

 

Andrea ist in Egglham aufgewachsen. Damals hieß sie noch Lettl mit Nachnamen. „Wir hatten ein großes Haus mit viel Grund und eine Handweberei. Da hat mein Papa Fleckerlteppiche gemacht,“ erinnert sie sich. „Und meine Oma war Gärtnerin. Von ihr hab ich viel gelernt und gewiss auch den grünen Daumen geerbt.“ Nach der Realschule wollte die rossnarrsiche Andrea eigentlich Pferdewirtin werden. Sie hatte schon eine Lehrstelle auf einem Friesengestüt – in Krefeld. „Das war mir dann doch zu weit weg,“ begründet Andrea ihre Entscheidung, lieber doch auf die Hauswirtschaftsschule zu gehen. Doch langfristig war auch das nicht der Weg der doppelten PS-Liebhaberin. „Also hab ich mit 18 eine Mechanikerlehre begonnen. Bei Schmid & Onderka in Pfarrkirchen, die gibt es heute nicht mehr. Die haben Oldtimer, alte Porsches restauriert.“ In der Berufsschule war Andrea das einzige Mädel. Und zwei Werkstätten hatten sie sogar abgelehnt, weil sie eben kein Kerl war.

„Zu mir kamen viele DJs aus der Region“

„Naja, und dann war ich plötzlich schwanger,“ erzählt Andrea. Fertig gemacht hat sie die Ausbildung nicht mehr. Ihr Bub Peter wuchs bei ihren Eltern auf, während sie kurz nach der Geburt wieder arbeitete. „Damals gab es ja kein Elterngeld,“ sagt Andrea mit ein klein wenig Bedauern in der Stimme. Gearbeitet hat sie in Bad Birnbach, im Sternsteinhof in der kalten Küche. Ein paar Jahre lang ging das so, bevor sie in den Einzelhandel wechselte. „Ich hab bei Penny und Netto gearbeitet und irgendwann beim Theiner. Das war eine gute Zeit. Damals waren ja CDs noch in. Zu mir kamen viele DJs aus der Region und haben bestellt,“ erzählt die 47-Jährige und lacht. Mittlerweile ist sie seit 13 Jahren bei ATU und damit gewissermaßen wieder in ihr Metier zurückgekehrt. Als Fachverkäuferin hat sie sich einen Namen gemacht: „Mich kennen viele Leute. Ich war ja schon überall.“

 

In Andreas Garten warten überall versteckte Platzerl zum Sitzen. Das wissen auch die Katzen zu schätzen. Hinter dem Hausbaum steht ein kleines Hexenhäuschen, die Weinlaube. Und weiter unten, neben Kristinas Schaukel, direkt mit Blick auf den Weiher, liegt die große Sonnenterrasse. Oben in den Baumkronen schlingen sich Efeu und Geißblatt ineinander, die stachligen Blütenstände der Karde erinnern schon ein wenig an die kühlere Jahreszeit, verschiedene Gräser beugen sich im leichten Wind. Da sitzt ein Yoga-Frosch und in Richtung Steg stehen zwei bepflanzte Gummistiefelpaare.

„Manche nennen es verwildert – ich nenne es Naturgarten“

Andrea liebt das Verspielte und sie mag viel ausprobieren. Viele ihrer Pflanzen hat sie aus Gartenausstellungen, zum Beispiel die weitverzweigte Skabiose in ihrem riesigen Gartenstück an der Straße. Hier wächst alles scheinbar durcheinander und so darf es auch sein. „Manche nennen es verwildert. Ich nenne es Naturgarten,“ sagt Andrea. Überall summen Bienen und flattern Schmetterlinge. Das ist Andrea wichtig: „Sie sollen sich wohl fühlen und genug Nahrung haben.“ Im großen Beet wächst alles: Eisenkraut, Johanniskraut, Zebragras, ein Zierapfelbäumchen, Astern – dicht an dicht. Und weiter hinten an der Mauer im Hof reihen sich Lavendel und kleine Obstbäume neben Weinstöcken aneinander. Und dann sind da noch die Tomaten. In allen Farben und Größen reifen sie an der sonnigen Mauer heran. Andrea zupft, schnuppert und erzählt – ihre Freude über den Garten überträgt sich sofort.

 

So wie sich Andreas beruflicher Weg durch die Branchen gebahnt hat, so hat sie auch ihr ganz persönlicher Weg durchs Rottal geführt. In Egglham ist sie also aufgewachsen – gelebt hat sie in Künzing, Ortenburg, Garham, Johanniskirchen und schließlich seit nunmehr acht Jahren in Pelkering. „Schuld“ daran war die Liebe – das Leben halt. So muss es sein, wenn man seinem Herzen folgt. „Ich hab viel erlebt und gesehen. Und jetzt hab ich alles, was ich brauche, um glücklich zu sein,“ sagt Andrea. Dazu gehören auch die Pferde auf der Koppel. Ihre eigenen Pferde. „Mein Onkel in Egglham hatte schon Pflegepferde,“ erzählt Andrea über den Beginn ihrer großen Liebe zu den Huftieren. Mit zehn Jahren saß sie das erste Mal richtig im Sattel, im Nachbardorf Amsham hat sie Stallarbeit gemacht. „Und ich hab gewusst, dass ich irgendwann mein eigenes Pferd haben werde,“ sagt sie.

Whiskey und Ginger: Ein neues Leben bei den Erndts

Davina hieß die Friesenstute, die zuerst in den neu gebauten Stall in Pelkering einzog. „Ich finde Friesen wunderschön. Sie sind wuchtig und heben den Huf so schön,“ schwärmt Andrea und lacht: „Ich hab einen Hocker gebraucht, um auf Davina steigen zu können. Bin halt nicht die Größe.“ Sie erzählt von einem Wanderritt, den sie mit ihrer Friesin noch erleben durfte, bevor das Pferd im Dezember letzten Jahres starb. Ganz unerwartet mit nur sechs Jahren. Der Schmerz war groß und um ihn ein wenig zu lindern, schauten sich Andrea und Franz bald um neue Pferde. Gefunden haben sie Whiskey und Ginger, die in ihrem alten Leben noch andere Namen trugen. Doch liegt das alte Leben glücklicherweise hinter ihnen. „Die damaligen Besitzer haben sich nicht um sie gekümmert. Sie waren furchtbar abgemagert und hatten schlimme Hufe,“ erinnert sich Andrea. Sie und ihr Mann mussten nicht lange überlegen. „Die beiden sind freiwillig auf den Hänger gegangen. Als ob sie geahnt hätten, dass es ihnen bei uns gut gehen würde.“

 

Inzwischen erinnert nichts mehr an die elendige Zeit der Rösser. Der Edelbluthaflinger Whiskey streckt seinen Kopf weit über die Box im Stall, als Andrea Leckerlis hervorholt. Ginger, die Barockpinto-Stute, tut es ihm nach. „Sie haben auf die Schnelle ein großes Vertrauen entwickelt und sind sehr anhänglich,“ bestätigt Andrea. Und dann ist da noch die vorwitzige Pony-Dame Flora, Kristinas eigenes „Pferd“. Manchmal reiten Mama und Tochter gemeinsam aus und treffen sich mit anderen Reitern aus der Gegend.

„Hier ist immer Urlaub – so schön ist es“

Dass sie da gelandet ist, hat sie unter anderem ihrer Liebe zu ein wenig mehr PS zu verdanken. „Ich war eine Zeit lang sehr aktiv im VW-Audi-Team Rottal-Inn,“ erzählt die 47-Jährige. „Da waren wir viel unterwegs. Franz kannte ich schon länger vom Weggehen her.“ Irgendwann hat es richtig gefunkt und schon bald zog Andrea zu ihm. Ein paar Jahre später war Kristina unterwegs. 20 Jahre liegen zwischen Andreas beiden Schwangerschaften. Ihr Sohn Peter ist inzwischen 26. „Bei der zweiten Schwangerschaft war ich viel gelassener und ruhiger. Mit 41 hat man halt doch mehr Erfahrung,“ sagt sie und lacht herzlich. Peter sieht seine kleine Halbschwester regelmäßig. Um den guten Kontakt ist Andrea froh. Und auch ihre Schwiegereltern haben Andrea gut aufgenommen. Sie wohnen ein Stück weiter die Straße hinauf. „Das hat viele Vorteile,“ sagt Andrea. „Und es ist so schön, dass Kristina in der Natur aufwachsen kann.“

 

Neben der „Fassl-Hütte“ erstreckt sich Andreas Bauerngarten. Ganz klassisch ist er angelegt mit einem Wegkreuz. Daneben steht ein kleines Gewächshaus. Überall gedeiht es. Gelbe und grüne Zucchini, verschiedene Sorten Stangenbohnen, eine Artischocke, kirschgroße Minigurken und große Exemplare, eine Wassermelone – alles umrankt von den leuchtenden Blüten der Kapuzinerkresse. Auch hier dürfen Blumen blühen. Farbenfrohe Zinnien und Dahlien fügen sich in das Konzept ein. Andrea ist stolz und sagt: „Das ist viel Arbeit. Aber ich weiß, wofür ich es mache. Da brauch ich keinen Urlaub. Hier ist immer Urlaub, so schön ist es.“

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