„Ich werde immer was mit Kunst machen“ – Johannes Bauer und die Schauspielerei

Nach Unterdax geht’s ein Stück bergauf, dann kommt linkerhand Oberdax. Noch ein paar Meter Kiesstraße und schon tut sich das Reich von Johannes Bauer vor dem Besucher auf. Scheunen, Stallungen, ein beeindruckendes Wohnhaus und da, hinter dem großen Gebäude noch ein Wohnhaus, versteckt hinter Hecken, die an diesem Sommerabend würzig duften. Umgeben ist alles von Wiesen und Mais, von noch mehr Feldern und einer Aussicht, die bis zur Hebertsfeldener Kirchturmspitze reicht. Hier ist Johannes aufgewachsen, in dieser wahren Rottaler Landidylle.

Gerade ist er noch zu Besuch in seiner Heimat, er schlendert mit einem Feierabendbier über die Terrasse, wo sich der rot-weiße Kater Django entspannt und die Blumen blühen. In den letzten drei Jahren war Johannes in der österreichischen Metropole Linz daheim und nächste Woche wird er schon in Chemnitz leben. Sein erstes Engagement ist das. Ein Jahr lang wird der 21-Jährige am Theater in der sächsischen Großstadt auf der Bühne stehen. Johannes ist Schauspieler.

„In der Schule kann man nichts fürs Leben lernen“

Studiert hat er an der Anton-Bruckner-Privatuniversität in Linz. Im kommenden Jahr wird er noch seine Bachelor-Arbeit schreiben. Dann hat er es geschafft, diesen einen Schritt in seinem Leben, der ihm so sehr viel bedeutet. Blut geleckt hat Johannes schon recht früh. 13 war er da und hat im Jugendclub am Theater an der Rott in Eggenfelden mitgemacht. Mario Eick war seinerzeit Intendant. „‚Jennerwein‘ war damals die Sommerproduktion, die in Gern aufgeführt wurde. Und ich hab den jungen Jennerwein gespielt,“ erinnert sich Johannes. „Mario Eick hat mich sehr unterstützt und wir haben uns richtig angefreundet.“

 

Ein Jahr lang war das Theater an der Rott schließlich das Zuhause von Johannes – anstatt wie alle anderen seiner Mitschüler nach dem Realschulabschluss eine Ausbildung zu beginnen oder auf die Fachoberschulee zu gehen. „Ich hab mitgespielt, geprobt, war auf und hinter der Bühne, hab bei den Kostümen rumgewurstelt und ich hab Gesangsunterricht bei Andreas Barth genommen.“ Sechs Tage Theater und ein Tag Kellnern im Luibl, so hat Johannes das Jahr nach seinem Schulabschluss verbracht. Während andere Eltern die Hände über den Kopf zusammenschlagen und in einem Atemzug die Wörter „brotlose Kunst“ und „Banklehre“ ausrufen würden, blieben die Bauers gelassen. „Meine Eltern stehen hinter allem, was ich mit Herz und Seele mache,“ sagt Johannes. „Abi wollte ich keins machen. In der Schule kann man nichts fürs Leben lernen.“

„Ich suche gerne Extreme und traue mir was zu“

Er zündet sich eine Zigarette an, bevor er eine Hofrunde dreht. Da steht sein erstes eigenes Auto, ein roter Opel Astra, 22 Jahre alt, frisch poliert. Wenige Meter dahinter rostet ein älteres Modell in der Abendsonne vor sich hin. „Damit bin ich vor dem Führerschein auf dem Hofgelände herumgefahren,“ sagt Johannes und bläst den Rauch in die Luft. Über den Güllegruben tanzen die Mücken, im Stall gackern die Hühner und rücken auf ihren Stangen zusammen. Daneben drängen sich ein paar wollige Schafe und mittendrin finden auch noch etliche Gänse Platz. „Mehr Tiere haben wir nicht mehr. Meine Eltern haben die Landwirtschaft nicht weitergemacht,“ erzählt Johannes. Sein Papa ist Heilpraktiker, seine Mama beschäftigt sich mit Mikroorganismen im landwirtschaftlichen Bereich.

 

Mit seinen beiden Schwestern ist Johannes sehr frei aufgewachsen, einen Kindergarten hat er nie besucht. „Ich durfte meine Fehler machen, um zu lernen. Meine Eltern haben mich immer unterstützt, meinen eigenen  Weg zu gehen. Gleichzeitig hatte ich immer den Rückhalt und die Gewissheit, geliebt zu werden,“ sagt Johannes. Und er überlegt weiter, kneift die honigbraunen Augen zusammen: „Ich suche gerne Extreme und traue mir was zu. Ich mache mir wenig Gedanken und weiß immer, dass schlechte Zeiten auch wieder vorbeigehen. Das ist so, weil mich meine Eltern so erzogen haben. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.“ Diese weisen Worte des 21-Jährigen kommen aus einer großen Tiefe, deren Quelle nur das Urvertrauen sein kann. Seinen Eltern ist das gelungen, was schon der gute Goethe gepredigt hat: Wurzeln und Flügel solle man seinen Kindern geben.

„Es war sauhart – aber ich konnte meine Grenzen kennenlernen“

Die Schatten werden länger, die Luft frischer und ein Hauch von Herbst ist spürbar. Nicht nur die hellroten Beeren der Ebereschen zeigen das. Auch die Mücken bäumen sich nochmal richtig auf und beißen sich sofort fest, als sich Johannes ein zweites Bier auf der Terrasse aufmacht. Drinnen ist es besser. Es ist ein buntes, gemütliches Zuhause. Alle fünf, sechs Wochen hat sich Johannes hier in seiner Linzer Zeit sehen lassen, künftig wird es vermutlich weniger werden. Chemnitz liegt halt doch nicht ganz um die Ecke. „Ich bin kein Mensch, der auf dem Land bleiben wird,“ sagt Johannes ohne Bedauern. „Ich brauche meine eigene Bude.“

 

Diese Bude hatte er drei Jahre in Linz – nachdem das Vorsprechen in Berlin an der Ernst-Busch-Schule, in München und in Hamburg nicht geklappt hat. 16 war Johannes da. „Ich soll mir noch ein bissl Zeit nehmen, haben sie mir gesagt. Umsonst war das trotzdem nicht. Es war eine gute Erfahrung,“ sagt der Schauspieler. Eine Erfahrung, die ihn schließlich an die Bruckner-Uni in Linz gebracht hat. Das Studium selbst bezeichnet Johannes als „Extremerfahrung“. Täglich zwölf Stunden Unterricht, kaum Mittagspausen, keine Wochenenden oder Feiertage. Allein die spielfreie Zeit im Sommer. Die „enorm anstrengende Erfahrung“ verbucht Johannes im Rückblick dennoch ebenfalls als gute Sache: „Es war sauhart – aber auch enorm gut, seine Grenzen zu testen. Nur so kann man wissen, ob man es auch wirklich will.“

„Kinder im Publikum sind viel hemmungsloser als Erwachsene“

Im ersten Jahr standen vor allem Improvisationsmethoden auf dem Stundenplan. Sprech- und Bewegungsunterricht, Yoga, Fechten, Akrobatik, Dramaturgie, Bewegungslehre und Gesang. Zwölf Stunden lang. Erst im zweiten Jahr wurde gespielt. „Alle sechs Wochen gab es ein neues Projekt,“ erzählt Johannes. „Wir waren zu siebt im Jahrgang. Das heißt, ich habe jeden Tag fast komplett mit diesen sechs Leuten verbracht. Da wächst man zwar zusammen, aber alles in allem war diese Zeit körperlich und geistig extrem anstrengend.“ Und doch sieht er wieder das Positive: „Wenn man so fertig ist, denkt man weniger nach. Auf der Bühne ist das gut. Da spielt man dann leichter aus der Emotion heraus, anstatt ständig den Kopf dabeizuhaben.“

 

Im dritten Jahr wurde Johannes erstmals aufs große Publikum losgelassen. Oder eher doch aufs Kleine: Im Märchen „Die Schöne und das Tier“ spielte er das Tier. Insgesamt 50 Mal. Er resümiert: „Kinder sind da eiskalt. Die klatschen und schreien rein – sie sind viel hemmungsloser als Erwachsene.“ Bei der Abschlussproduktion seines Jahrgangs stand Johannes auf der heimatlichen Bühne. Am Theater an der Rott spielte er in „Maß für Maß“, ein eher unbekanntes Shakespeare-Stück. Gleichzeitig probte er mit den Kommilitonen die Monologe – ein weiterer Baustein des Studiums. „Damit werden wir touren. Unter anderem nach Berlin, München und Wien. Schauspiel, Musik, Gesang, da ist alles dabei,“ sagt Johannes und nimmt den letzten Schluck aus seiner Bierflasche.

„Über das Morgen mache ich mir keine Gedanken“

Draußen ist es schon dunkel, eine einsame Mücke hat doch den Weg nach drinnen gefunden und saugt sich gerade am kleinen Finger von Johannes fest, während Kater Django auf der Sofalehne blinzelt. „Ich werde immer was mit Kunst machen,“ spekuliert Johannes. „Musik, Schauspiel, Regie, vielleicht mal Film. Aber jetzt möchte ich einfach mal im Schauspiel Fuß fassen.“ Er wirkt so selbstsicher, so locker, so befreit, dass es eine wahre Freude ist. Keine Zweifel sind in seinen honigbraunen Augen erkennbar, dafür ein ehrliches Feuer, eine ungespielte Begeisterung fürs Leben. „Ich hatte nie ernsthafte Probleme. Über das Morgen mache ich mir keine Gedanken. Ich akzeptiere, was kommt.“

 

Und Geld? Kommt das denn auch? Ist es denn wahr, dass das Schaupielern so brotlos ist? „Bisher habe ich von BAföG und Kindergeld gelebt. Und in Chemnitz bekomme ich die Wohnung bezahlt und ein Studentengehalt.“ 400 Euro im Monat sind das. So viel bekommt auch ein Hartz-IV-Empfänger. Johannes macht das keine Sorgen. Er kümmert sich um seine Leidenschaft, die kein Geld kostet. „Zuerst steht ‚Perplex‘ von Marius von Mayenburg auf dem Spielplan. Ein echt geiles Stück,“ schwärmt er. Auf „den Osten“ freut er sich: „Da sehe ich mal eine andere Mentalität und höre eine andere Sprache. Die Linzer haben sich ja nicht so von den Bayern unterschieden.“

„Ich würde nicht sagen, dass ich beziehungsuntauglich bin“

Wobei – andere Kulturen hat der 21-Jährige durchaus schon kennengelernt. Mit 17 hat er seinen Rucksack gepackt und sich auf nach Portugal gemacht. Das Flugzeug hat ihn nach Lissabon gebracht, dann gings zu Fuß weiter, „die Küste lang nach Porto. Das ist meine absolute Lieblingsstadt.“ Johannes bezeichnet seine Reise als großen Reifungsprozess. „Ich bin allein klar gekommen. Habe Leute kennen gelernt, mich rumgetrieben, bin in Cafés gesessen, habe Musik gemacht und geschrieben.“ So gut hat ihm die Erfahrung des Alleinreisens getan, dass er sich das Erlebnis nun jedes Jahr gönnt. „Heuer war ich schon zwei Wochen in Kroatien. In der Theaterpause brauche ich die Ruhe und keinen der redet,“ sagt er.

Da schaut er, spielt an der leeren Bierflasche herum, grinst ein bisschen. Ja, gibt es denn gar keine Frau in seinem Leben? „Ich hatte bisher eine Beziehung. Das war in meinem ersten Studienjahr,“ sagt Johannes geradeheraus. „Ich würde nicht sagen, dass ich beziehungsuntauglich bin. Ich bin sogar ziemlich kitschig-romantisch. Aber ich kann mir nicht vorstellen, ewig mit einer Frau zusammen zu sein. Und trotzdem glaube ich an die Frau fürs Leben. Ziemlich paradox…“ Johannes wirkt unbekümmert, als er über die Liebe erzählt. Wie es kommt, so kommt es, das scheint auch in diesem Lebensbereich seine Devise zu sein.

„Ich bin es gewohnt, beide Seiten zu sehen“

Und so kam es auch, dass er im Studium nicht nur die Schauspielerei gelernt hat: „In der Ausbildung wurde mir klar, dass ich die harte Seite im Leben nie erlebt habe. Auf der Bühne sieht man bei Neulingen sofort, wie die privat drauf sind, wo die Stärken und Schwachpunkte liegen.“ Johannes selbst ist es gewohnt, auf Menschen vorbehaltslos freundlich zuzugehen. Das kam an der Uni nicht immer gut an. „Ich bin es gewohnt, beide Seiten zu sehen: Die des anderen und meine. Darum verstehe ich, warum Leute so handeln, wie sie handeln,“ erklärt der 21-Jährige seine empathische Haltung. „Im Studium habe ich erst gelernt, mich abzugrenzen, auch mal ‚Leck mich‘ sagen zu dürfen.“

 

Eine „Leck-mich“-Haltung ist aber nicht so sehr sein Ding. Johannes geht ziemlich wenig am Allerwertesten vorbei – er interessiert sich für so vieles, dass die Tage schnell zu kurz werden. Da ist die Musik. Gitarre, Klavier, Harmonika und Akkordeon hat er sich selbst beigebracht. „Ich spiele nach Gefühl und Gehör meinen eigenen Stil,“ sagt er. „Neulich habe ich mir ein Homerecording-Studio gekauft.“ Und aus seinen Boxen erklingt kein Elektro oder Hippel-di-Hop – und auch sonst nichts Neues, Spektakuläres. „Ich bin ein Oldie-Freak,“ sagt Johannes über sich selbst und zählt Johnny Cash, die Beatles, Dusty Springfield und Ray Charles zu seinen Favoriten. Und dann handwerkelt Johannes noch gerne. Im Garten entsteht gerade eine Sauna, selbstgezimmert. In seinem Zimmer steht ein extravagantes Bett, selbstgemauert. „Auf dem Hof hatte ich immer Möglichkeiten, selbst was zu bauen. Da ich nicht im Kindergarten war, durfte ich mich frei selbst erfinden,“ sagt Johannes. Und genau das tut er bis heute. Weil er es gelernt hat. Weil er es kann. Nächste Woche ist er schon in Chemnitz und schauspielert. Wer weiß, was in einem Jahr ist? In zwei, in drei? Johannes zuckt gelassen die Schultern, setzt sich auf die nachtdunkle Terrasse in Oberdax und mag noch eine rauchen.

Fotograf Rupert Rieger gibt einen kleinen Einblick in die Theaterwelt – Johannes Bauer am Theater an der Rott im Shakespeare-Stück „Maß für Maß“:

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