Franz Frühling alias Franz Spring oder: Das Pipapo um die Kunst

Franz mag’s gern bunt. Er malt bunte Bilder, polstert alte Möbel bunt und erzählt so bunt und wild und durcheinander und ohne Punkt und Komma, dafür mit viel Kaffee und selbstgebackenem Kuchen und großem Hund und Pipapo und schelmischen Augen und einer lebendigen Begeisterung, die seinesgleichen erstmal finden muss. Franz lebt in Münchsdorf mit seiner Frau, seinen drei Kindern und dem Riesenhund namens Benno.

„Damals wollt ich’s wissen“

Franz Frühling ist Künstler. Franz Spring ist Polsterer mit eigenem Betrieb in der Frühlingsstraße, direkt gegenüber von seinem Wohnhaus. Und weil es der Zufall so will und der geneigte Anglizist weiß, dass Spring zu Deutsch Frühling heißt, hat Franz eben diesen spritzigen Künstlernamen. Früher nannte er sich Powder, zufällig wie ein amerikanischer Industriereiniger. Darum musste er auch seine alte Homepage aufgeben. Der US-Putzmittelmarkt versteht da keinen Spaß. „Damals, vor 15, 16 Jahren, wollt ich’s wissen,“ sagt er und erzählt von schrägen Aktionen wie seiner Ikea-Guerilla-Ausstellung, zackzack ging das an einem Samstagnachmittag im schwedischen Möbelhaus. Franz lacht, nein, eigentlich kichert er wild und ansteckend.

Der Tisch in der großen Wohnküche ist lang, ringsum stehen selbstgepolsterte Stühle, keiner gleicht dem anderen. Franz drückt auf die Kaffeemaschine, es brummt. Er läuft hin und her, da Milch, da Kuchen, gefüllt mit Götterspeise, da hinten hängen ein paar seiner Bilder, so bunt und stark und klar und dazu sprudelt es aus Franz hervor. „Ich hab seit zehn, 15 Jahren nicht mehr gemalt, ich lebe vom Fundus,“ sagt er. Ganz erstaunlich klingt das, sieht man ihn doch geradezu vor sich stehen, während er den Pinsel so schnell schwingt wie die Worte aus ihm hervor kommen.

„Witzig, wenn man davon leben könnte“

Franz hat rein darum nicht mehr gemalt, weil ihm das Leben dazwischen kam. „Mit drei Kindern und der Arbeit geht das nicht. Ich bin doch kein Spinner, der sich verwirklichen will,“ sagt Franz. Jetzt, wo die Kinder aus dem Gröbsten raus sind und er selbst 50 ist, kann sich Franz wieder mehr seiner Kunst widmen. In der Zwischenzeit hat sich viel getan. „Heute ist das Internet total wichtig, da geht mehr. Früher hatte man als No-Name kaum eine Chance.“ Wobei – was ist schon ein No-Name? Franz hat einen Namen. Frühling. Könnte es besser sein?

Er holt ein Bild von der Wand, hinten an der unteren Ecke klebt ein kleines Stück Papier mit seinem Fingerabdruck. Sein Echtheitszertifikat. Franz lacht kichernd. „Momentan kostet der Quadratmeter tausend Euro,“ sagt er über den Wert seiner Bilder. Abzüge gibt’s ab 80 Euro, inklusive Echtheitszertifikat, versteht sich. Davon verkauft er immer wieder mal welche. Und für eine Auftragsarbeit ist er sich auch nicht zu schade. Große Sachen sind sein Ding, aber einen Abnehmer braucht er dazu auch, kostet ja schließlich alles Geld. Franz tickt da anders als seine Künstlerkollegen, wie er sagt. „Es muss sich rechnen. Ich mag gern was mit meiner Kunst verdienen.“ Franz redet weiter: „Der Kunstmarkt ist ein Vermarktungsmarkt, da braucht man sich gar nichts vormachen. Ich habe keine Angst vor meiner eigenen Vermarktung. Wär doch witzig, wenn man davon leben könnte.“

„Sehen – aufnehmen – umsetzen“

Franz erzählt von ein paar Ausstellungen, die er gemacht hat, alles „ein Riesenaufwand“. In München, Passau und in Falkenstein hat er ausgestellt, wenig verkauft, aber ein, zwei treue Sammler gefunden. Ansonsten reißt er sich nicht darum, seine Bilder auszustellen. „Das Klinkenputzen bei den Galereien macht keinen Spaß,“ sagt er. Ach nein. „Ich mag’s farbenfroh, nett, witzig, spritzig. Damien Hurst und André Butzer zum Beispiel.“ Und seine eigene Kunst – ganz bestimmt.

Seine Bilder tragen Namen wie „Beherztes Frühstück mit grünem Toaster“, „Luise geht mit ihrer Trennkost entschieden zu weit“ oder „Das Ende der grünen Grütze“. So wie die Bilder heißen, sehen sie auch aus: Ausdrucksstark, bunt und durchaus witzig. Seine Inspirationen hat sich Franz von anderen Bildern geholt: Stilleben aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Und von „guter Werbung“ aus Magazinen. Und dann ging es schnell: Kurz skizziert, Farbe drauf, fertig. „Sehen – aufnehmen – umsetzen, so geht das bei mir,“ erklärt Franz seinen Arbeitsstil. Franz ist kein Mann der Geduld – zumindest war er es damals nicht. Heute ist er immerhin 15 Jahre älter.

„Ich wusste immer, was ich nicht mag“

Wenn Franz nicht polstert oder das Mittagessen für die Familie kocht oder Bilder verkauft oder über sein Leben spricht, hüpft er ins Auto, peilt eine Stadt an, holt seine Schablone heraus und sprüht ein fröhliches Sprüchlein inklusive seiner Webadresse auf den Boden. Überall hin. Vor Museen, Galerien, Skulpturen, an imposante Plätze in der Stadt, zackzack. Manchmal kombiniert er seine Guerilla-Marketing-Aktionen, wie er sie nennt, mit einem Familienausflug. Und manchmal wird Franz Frühling angezeigt. Manchmal werden die Anzeigen fallen gelassen. Aber immer wieder mag Franz diesen Kitzel.

Auch aktuell feilt er an so mancher Idee. Großplakate hat er sich drucken lassen. Mal schauen, wohin damit. Und was da drauf ist, sagt er auch nicht. Franz tut, was er mag. Ein studierter Maler ist er nicht, sondern ein „Autodidakt“, wie er selbst sagt. Und als solcher ist er zunächst einmal wie jeder zur Schule gegangen, zuletzt in Pfarrkirchen auf die FOS. „Ich wusste immer, was ich nicht mag. Aber auch nicht, was ich wollte,“ sagt er. Darum musste er nach der Schule erst mal ein bisschen „in Berlin rumhängen. House, Techno, Mauer, Pipapo. Da war immer was los, da hätt’s mich aufgestellt.“ Da übernahm er dann doch lieber die Polsterei vom Vater, daheim in Münchsdorf.

Dann hat er lieber doch gemalt

Doch davor galt es erst einmal, das Polsterhandwerk zu erlernen. „Mein Pa war ein Wahnsinnstyp,“ sagt Franz. „Der hat viel auf die Beine gestellt. Die klassische Nachkriegsgeneration halt.“ Als Quereinsteiger beim Vater zu lernen, war trotz aller Anerkennung nicht immer leicht. „Reibungen hat es schon gegeben und  das ist auch gut so,“ sagt Franz. Jetzt, mit 50, weiß er es erst zu schätzen, was die eigenen Eltern geleistet haben. Weil er jetzt selbst Vater ist, wie er sagt. Und wohl auch, weil er jetzt selbst weiß, wie das so ist mit der eigenen Polsterei.

Franz erzählt von der stressigen Anfangszeit, von Wallungen und von großen Aufträgen aus München, vom Starnberger See, von herausgeputzten Frauen, die den niederbayerischen Handwerker mit spitzen Fingern und Zungen entgegenkamen. Und er erzählt davon, wie er ordentlich über den Tisch gezogen wurde. „Da dachte ich mir schon, ob ich jemand an die Gurgel springe,“ sagt er. Dann hat er doch lieber gemalt. Kreativ war er ja schon allerweil. Und schnell und hektisch, das sagt er selbst über sich. Zeit zum Farbeanrühren gibt’s da nicht, mit Ölsticks geht es schnell. „Damit sind dicke Strukturen möglich und sie trocknen schnell.“ Mit seinen Bildern möchte er nicht politisch sein und auch nicht die Welt verbessern.

„Ich betone normal

Ihm genügt es, wenn die Welt seiner Kinder gut ist. „Ich hab sie aufwachsen sehen, das ist das Schöne am Selbstständigsein,“ sagt Franz. „Sie waren auch viel bei mir in der Werkstatt.“ So wie er selbst als Kind schon am väterlichen Arbeitsplatz herumschnupperte. „Meine Kinder sind normal aufgewachsen. Und ich betone normal,“ sagt Franz und kichert nicht. Normal, das bedeutet für ihn als Vater eine Kindheit auf dem Dorf – mit Garten, Lagerfeuer, Kindergarten und Grundschule am Ort. So wie auch er sein Kindsein erlebt hat. „Damals waren wir halt viel mehr Kinder,“ sagt er und erzählt von dem regen Leben auf der Straße, davon, dass alles möglich war, alles ausprobiert werden durfte, dass immer was los war. Und dass es viel mehr Freiheit als heute gab.

Franz beschreibt seine Kindheit als „total super“, obwohl er mit fünf Jahren begann, an Bronchialasthma zu leiden. „Damals bin ich in einen Brunnen gefallen. Das war so ein Schock, der das Asthma ausgelöst hat,“ erzählt er. Es folgte eine lange Ärztetournee, wie er es nennt. Und ein Kuraufenthalt mit neun Jahren, acht Wochen ohne Eltern. „Das war nicht schön, da hatte ich zum ersten Mal Heimweh. Das war das reinste Geheule,“ erinnert sich Franz. Abgesehen davon hat ihn die Krankheit noch mehr zum Nesthäkchen gemacht, als kleiner Bruder zweier Schwestern. Sprays und Kapsel-Inhalierer gehörten lange zu seinen Begleitern, bis er mit etwa 35 Jahren die Homöopathie entdeckt hat. „Dazu braucht man ein gewisses Alter,“ sagt er dazu. Und: „Der Erfolg gibt der Homöopathie Recht.“

Die Mama: „Weltoffen, trotz dörflicher Strukturen“

Heute schaut Franz ganz anders auf seine Gesundheit – und dazu gehört auch, dass um fünf Uhr der Laden zu ist. „Freilich, ich kann’s schon locker angehen, weil meine Frau Lehrerin ist,“ sagt er und kichert. Franz weiß schon, was er hat. Eine Familie. Und er weiß auch, dass es für so manches einfach Zeit braucht, um es verstehen zu können.

Es geht ums eigene Altern. Und ums Altern und Sterben der Eltern. „Mein Papa war schwer dement. Das war eine schlimme Zeit, wo er doch so ein Macher war. Meine Mama hat ihn gepflegt. Sie war bis zum Schluss topfit, 90 ist sie geworden.“ Franz macht eine Pause, schaut gegenüber aus dem Fenster, bis er weiterspricht, in gewohntem Tempo. „Meine Mama hatte weder Angst vorm Leben noch vorm Sterben. Sie war tiefverwurzelt in ihrem Glauben. Und sie war weltoffen, trotz der dörflichen Strukturen. Im letzten Halbjahr hab ich sie gepflegt.“ Franz wird nochmal leiser, sein Blick bleibt fest und in seinen Augen steht viel Liebe geschrieben. Er bedauert es ein wenig, dass er das Sein und Wirken seiner Eltern erst später würdigen konnte.

„Seid’s nicht so verspannt“

Franz macht nochmal Kaffee, die Maschine brummt und er gewinnt wieder seinen Schwung, erzählt von seinem leichten Hang zum Halbkriminellen, wie er es nennt, von kleinen Bagatellsachen, davon, wie er einmal mit Freunden in die Birnbacher Therme eingestiegen ist, bei Nacht. „Heute darf man sich ja nicht mehr wetzen,“ sagt er und findet es schade, dass so manche junge Leute genau darum zur Sachbeschädigung neigen. Seine Kinder dürfen sich wetzen – nicht zuletzt mit ihm. Sie bekommen nicht alles, was sie wollen, müssen dafür Jobs annehmen. Im Gegenzug bringt ihm Franz Vertrauen entgegen. „Kinder brauchen Zeit und klare Grenzen,“ sagt Franz. Und er spricht vom Mittelschichtsymptom, dass Eltern ihrem Nachwuchs zu viel bieten wollen – Zeug und Entertainment, verbunden mit Terminen. Nichts, was Kinder wirklich wollen und brauchen, meint Franz.

Er lacht wieder lustig und hoch und ansteckend und macht einen Punkt: „Hauptsache, es läuft rund und es wird keiner krank.“ Und sein Appell an all die Leute da draußen lautet eindringlich: „Seid’s nicht so verspannt.“ Er lacht, trinkt seinen Kaffee aus, wurstelt sich durch die Haare. Er horcht auf – von unten ist Lachen und Geplapper vernehmbar, der Riesenhund Benno trabt die Treppe herauf, gefolgt von seiner Frau und den Kindern. Die Frau bekommt einen herzhaften Kuss, die Kinder werden begrüßt. Jetzt muss er aber los der Franz, ein Sohn fehlt noch, den muss er abholen. Und Abendessen machen. Zackzack und Pipapo, man weiß ja, wie das ist.

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